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Arbeiter stimmen kaum für die SPD

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Von: Stefan Sauer

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Shoppen tun sie alle, ob politisch rechts oder links. Hier in der Hohen Straße in Köln.
Shoppen tun sie alle, ob politisch rechts oder links. Hier in der Hohen Straße in Köln. © dpa

Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigt: Die Partei der kleinen Leute ist jetzt die AfD. Die Anhängerschaft der SPD hat sich dramatisch verändert.

Grüne tragen Strickpullover aus selbst geschorener Alpakawolle, FDP-Anhänger fahren im Porsche zum Wahllokal, sozialdemokratische Stammwähler löffeln im Blaumann Erbseneintopf in Fabrikkantinen, in linken Haushalten hängt Ernst Thälmann gerahmt überm Wohnzimmersofa, CSU-Wählerinnen kommen bereits im Dirndl zur Welt und AfD-Mitglieder fühlen sich im Allgemeinen von der Welt schlecht behandelt, besonders von der ausländischen. An Klischees herrscht wahrlich kein Mangel, wenn es darum geht, den Anhängern einzelner Parteien vermeintlich typische Merkmale zuzuschreiben. Handelt es sich dabei wirklich nur um Vorurteile? Oder steckt in jedem Zerrbild nicht mindestens ein Fünkchen Wahrheit?

Aufschluss bietet eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Das Berliner Institut hat wirtschaftliche, soziale und demografische Merkmale der Anhängerschaften und deren Veränderungen seit der Jahrtausendwende analysiert. Mit überraschenden Ergebnissen.

Anhänger von Union und SPD ähneln sich immer stärker

Der vielleicht auffälligste Befund betrifft die Volksparteien CDU/CSU und SPD: Ihre Anhänger ähneln einander immer stärker. Jeweils 85 Prozent der Wähler von Union und SPD lebten Mitte 2016 in den westlichen, je 15 Prozent in den östlichen Bundesländern. Sie sind ähnlich gut ausgebildet, arbeiten in den gleichen Branchen und erzielen entsprechende Einkommen. 90 Prozent der Unions- und 89 Prozent der SPD-Anhänger haben eine Berufsausbildung abgeschlossen oder ein Studium absolviert. Das mittlere monatliche Haushaltsnettoeinkommen der CDU/CSU-Wähler lag 2016 bei 3000 Euro, das eines SPD-Haushalts bei 2700 Euro. Jeweils rund ein Drittel der berufstätigen Anhängerschaften ist im öffentlichen Dienst tätig, 63 Prozent der Unions- und 68 Prozent der SPD-Wähler sind Angestellte, zu den Arbeitern zählen 16 Prozent bei der CDU/CSU und 17 Prozent bei den Sozialdemokraten.

Der relativ geringe Arbeiteranteil für die SPD verweist auf eine dramatische Veränderung in der Anhängerschaft der Partei. Im Jahr 2000 zählten noch 44 Prozent der berufstätigen SPD-Anhänger zu den Arbeitern, bei der Union waren es 35 Prozent. Zwar hat auch der Anteil der Arbeiterschaft an der Gesamtbevölkerung zwischen 2000 und 2016 von 37 auf 19 Prozent abgenommen, der Rückgang für die SPD von 44 auf 17 Prozent fällt demgegenüber aber um ein Drittel kräftiger aus. Zugleich stieg der Ruhestandsanteil in der SPD-Anhängerschaft weit überdurchschnittlich um zehn Punkte auf 36 Prozent – ein Spitzenwert. „Die stärkste Veränderung der Wählerstruktur hat die SPD erfahren, deren Wählerschaft sich von der Arbeiterschaft hin zu Angestellten und Personen im Ruhestand verschoben hat“, kommentieren die Studienautoren Karl Brenke und Alexander Kritikos.

Profitiert hat davon offenbar die AfD. Mitte 2016 zählten 34 Prozent der AfD-Anhänger zu den Arbeitern. Das ist der höchste Anteil unter allen Parteien. Die Linke kommt auf 22 Prozent Arbeiter, die FDP auf 11 und die Grünen auf neun Prozent. Auffällig ist zudem, dass 24 Prozent der erwerbstätigen AfD-Anhänger einer Gewerkschaft angehören. Nur bei der Linken sind es mit 27 Prozent mehr. Die SPD dagegen zählt nur 19 Prozent Gewerkschaftsmitglieder in ihrer Wählerschaft, Grüne (18), Union (17) und FDP (16) folgen dichtauf. Dass die SPD den Status als „Partei der kleinen Leute“ weitgehend eingebüßt hat, zeigt auch ein Blick auf die Einkommen: Linken-Haushalte verfügen im Mittel über 2391 Euro, bei der AfD sind es 2600 Euro. Damit liegen sie hinter Union und SPD auf den unteren beiden Plätzen. Anhängern der Grünen stehen pro Haushalt im Mittel 3000 Euro zur Verfügung, FDP-Wähler liegen mit 3400 Euro weit vorn.

Entsprechend fällt die Bewertung der eigenen wirtschaftlichen Lage aus. Über 80 Prozent der FDP-Anhänger bezeichnen ihre Finanzsituation als gut oder sehr gut. Die Anteile für Union, Grüne und SPD liegen zwischen 78 und 72 Prozent. Demgegenüber zeigen sich gut 40 Prozent der Linken- und sogar 50 Prozent der AfD-Wähler wenig bis gar nicht zufrieden mit der eigenen Wirtschaftslage. 40 Prozent des AfD-Gefolges machen sich Sorgen um die Altersversorgung, 71 Prozent um steigende Kriminalität, 48 Prozent um den Zusammenhalt in Deutschland und 82 Prozent wegen der Zuwanderung. All das sind Werte, die keine andere Parteianhängerschaft aufweist. „AfD-Anhänger machen sich größere Sorgen als alle anderen,“ sagt Brenke.

Nur in einem einzigen der zwölf abgefragten Themenbereiche zeigen sich AfD-Wähler weitgehend sorgenfrei: Nur 20 Prozent kreuzten Ausländerfeindlichkeit und Fremdenhass an. Bei Linken (48), Grünen (47) und SPD (41) war der Anteil mehr als doppelt so groß. Das immerhin hat man erwarten können. 

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