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Kundgebung der Gewerkschaften zum 1. Mai.

1. Mai, Tag der Arbeit

Gewerkschaften im Arbeitskrampf

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Ungehört, gespalten ausgezehrt: Die deutschen Gewerkschaften haben an Einfluss verloren. Eine Bestandsaufnahme.  

Heraus, heraus zum 1. Mai, heißt es nun wieder. Mit Demonstrationen, Familienfesten, Musik und Reden feiern die Gewerkschaften den Tag der Arbeit. Es ist ein Tag der Symbole und der Folklore. Doch wie stark sind die Gewerkschaften noch? Im Interview spricht der Präsident des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen, Jürgen Kädtler, darüber, was die Gewerkschaften geschwächt hat und wie sie wieder gestärkt werden können.

Herr Professeur Kädtler, die Gewinne der Unternehmen sind hoch, die Reallöhne legten im vergangenen Jahr aber lediglich um 1,3 Prozent zu, und der Anteil der Arbeitnehmer am Volkseinkommen liegt tiefer als in den 1990er Jahren. Wie bewerten Sie diese Situation?
Das ist gesellschaftlich ein großes Problem und ein Symptom dafür, dass eine gewisse Ausgewogenheit der wirtschaftlichen Entwicklung und der Verteilung der Erträge seit der Ära der „Sozialpartnerschaft“ aus dem Ruder gelaufen ist. Wir haben es mit einem Auseinanderdriften unterschiedlicher Teile der Gesellschaft zu tun, was sich inzwischen auch in politischen Verwerfungen äußert.

Wenn Sie von einer Ära der Sozialpartnerschaft sprechen, dann hört sich das nach einer vergangenen Zeit an. Wann endete diese Ära aus Ihrer Sicht?
Ich würde das Ende auf die erste Hälfte der 1990er Jahre datieren. Und ich will gleich dazu sagen, dass ich dem ein sehr pragmatisches Verhältnis von Sozialpartnerschaft zugrunde lege. Sozialpartnerschaft ist für mich keine Situation, wo sich alle lieb haben, sondern ein pragmatischer Handlungszusammenhang, in dem sich die Akteure in der Lage sehen, ihre Interessengegensätze in einem hochgradig kooperativen Modus auszutragen, was natürlich voraussetzt, dass beide Seiten auch anders können und beide Seiten das voneinander wissen.

Sie sprechen davon, dass die gemeinsame Sprache der Sozialpartner verlorengegangen sei. Was meinen Sie damit?
Ein gemeinsames Verständnis davon, wie die Wirtschaft funktioniert, wie ein Unternehmen funktioniert. Früher standen sich in Unternehmen und Verbänden Fachleute gegenüber, die ein gemeinsames, realwirtschaftlich bestimmtes Grundverständnis davon hatten, was für ein Unternehmen wichtig ist. Das schloss heftigste Auseinandersetzungen nicht aus, aber es gab für elementare Fragen einen gemeinsamen Kompass. Mit dem Aufstieg der Finanzexperten und dem Abstieg der Personalverantwortlichen im Management ist das verlorengegangen.

Was ist noch verlorengegangen?
Zum einen gab es den Verlust gesellschaftlicher Verankerung in der Form sinkender Organisationsgrade, zum anderen der Verlust allgemeinpolitischer Anerkennung. Wenn Sie die 70er und 80er Jahre nehmen: Wenn da der DGB-Vorsitzende eine Erklärung zu einer wichtigen gesellschaftlichen Frage abgegeben hat, dann war das ein politisches Ereignis. Heute wird das selbst in Zeitungen wie der „Frankfurter Rundschau“ eher als Randnotiz vermeldet, weil die Gewerkschaften dieses Pfund, jenseits ihrer Einzelbranchen als gemeinsame Instanz aufzutreten, teils gewollt, teils ungewollt, preisgegeben haben. Es wird schwer sein, das zu restituieren.

Wie verändern die neuen Arbeitsformen – der Boom der Teilzeit, befristete Arbeitsverträge, Crowd Work – die Einflussmöglichkeiten der Gewerkschaften?
Es sind alles Momente eines allgemeinen Zusammenhangs, dass sich die Wirtschaft an den traditionellen Organisationsschwerpunkten der Gewerkschaften vorbeientwickelt hat. Wir sprechen von der doppelten Tertiarisierung: Einerseits ist der Dienstleistungssektor gewachsen, andererseits haben auch in der Industrie die Dienstleistungstätigkeiten zugenommen. Auch lassen sich Branchen heute nicht mehr so einfach abgrenzen, nehmen Sie den IT-Bereich, der in alle Branchen hineinragt und der gewerkschaftlich völlig traditionslos ist und wo an nichts angeknüpft werden kann. Die Gewerkschaften sind dort stark, wo sie schon vor 40 Jahren stark waren, und sie haben sich relativ wenig Neues erschließen können.

Woran liegt das?
Das liegt daran, dass auch Gewerkschaften dort investieren, wo sie sich am ehesten Erfolge davon versprechen können. Damit bleiben bestimmte Bereiche einfach außen vor, zum Beispiel auch diejenigen, wo die Zuständigkeiten für einen Wirtschaftsbereich unter den Gewerkschaften nicht geklärt sind. Da müssten die Gewerkschaften zusammenarbeiten, um bestimmte Problembereiche anzupacken.

Auf der einen Seite gibt es die Gewerkschaften als Organisationen, auf der anderen Seite aber auch die Beschäftigten. Und da sehen wir gerade in Bereichen mit schlechten Arbeitsbedingungen und Löhnen wie dem Einzelhandel, der Altenpflege oder der Leiharbeit, sehr geringes gewerkschaftliches Engagement. Woran liegt das?
Da sind die Problemlagen sehr unterschiedlich. Im Einzelhandel waren die Gewerkschaften vergleichsweise ordentlich organisiert in den Kaufhäusern und in den Warenverteilzentren. Die Kaufhäuser sind heute ein einziger Krisensektor, da geht es nun eher um Verzicht im Rahmen von Sanierungsvereinbarungen. Die Warenverteilzentren sind wiederum eigenständig als Logistikunternehmen organisiert. Und die Vertriebsformen, die darüber hinaus entstanden sind, sind sehr kleinteilig und damit schwierig zu organisieren. Die Zunahme der Teilzeit tut ihr übrigens, denn wenn jemand in Vollzeit arbeitet und in seinem Job eine Lebensperspektive sieht, dann ist seine Organisationsbereitschaft größer als wenn er Teilzeit arbeitet.

Und in der Altenpflege?
Da besteht das große Problem, dass die Mobilisierung für diese Beschäftigten unheimlich heikel ist, weil die Fürsorge für die von ihnen zu pflegenden Menschen in hohem Maße ihre berufliche Identität bestimmt und es unglaubliche innerliche Konflikte bei den Beschäftigten auslöst, wenn sie zugunsten einer Verbesserung ihrer eigenen Arbeitsbedingungen protestieren oder streiken und damit die Pflege der Menschen zwangsläufig vernachlässigen müssen.

Wenn man nun noch die Globalisierung hinzunimmt, die dazu führt, dass Arbeitskräfte und Standorte rund um die Welt in den Wettbewerb treten, sind dann die Gewerkschaften einfach Opfer der Umstände?
Die Gewerkschaften sind auch Opfer der Umstände, aber sie sind nicht nur Opfer der Umstände. Wobei ich auch darauf hinweisen möchte, dass die Gewerkschaften nie besonders stark organisiert waren, es waren die Arbeitgeberverbände, die Organisationsgrade von 80 bis 90 Prozent hatten. Das ist heute nicht mehr so, und das belastet die Sozialpartnerschaft ebenso. Den Eigenanteil der Gewerkschaften sehe ich aber darin, dass sie es nicht vermocht haben, die branchenübergreifende Artikulationsfähigkeit, die politische Artikulationsfähigkeit, aufrechtzuerhalten. Stattdessen konzentriert sich jede Gewerkschaft auf ihre eigenen branchenspezifischen Interessen. Das ist ein Riesenproblem für die politische Durchsetzungsfähigkeit und für die Interessenvertretung der Beschäftigten in jenen Branchen, die quer zu der traditionellen Branchenaufteilung stehen.

Wenn infolge der Verwerfungen der vergangenen Jahre nun neu ausgehandelt werden muss, wie diese Gesellschaft in Zukunft aussehen soll, wie einflussreich sind die Gewerkschaften dann noch?

Im Moment halte ich die Gewerkschaften auf dieser Ebene für begrenzt einflussreich. Das ist nicht notwendigerweise so, aber das würde voraussetzen, dass die Gewerkschaften sich politisch besser aufstellen – mit eigenen konsistenten, nachvollziehbaren politischen Forderungen, die in der Gesellschaft anschlussfähig sind. Das betrifft insbesondere die Ökologie-Frage, die für Industriegewerkschaften zugegebenermaßen schwierig ist. Da sollte man mehr anstreben als wegducken oder hinhaltend verteidigen, wie in Fällen wie denen des Diesel-Skandals oder des Kohleausstiegs.

Wenn sich die Gewerkschaften so schwertun, aus eigener Kraft wieder Stärke zu gewinnen, wie sollte der Staat sie unterstützen?
Wenn die Verbände – Arbeitgeber und Gewerkschaften – ihre Ordnungsfunktion nicht mehr wahrnehmen können, dann ist in einem demokratischen Staatswesen, in dem man die Gesellschaft noch zusammenhalten will, zwangsläufig irgendwann der Staat dran. In den zurückliegenden Jahren ist die Entwicklung vor allem in die entgegensetzte Richtung gegangen: vom Referenzarbeitgeber, der gerade im Bereich sozialer Dienstleistungen vorzeigbare Standards setzte, zu einem der Hauptproduzenten von Prekarität. Ideal wäre jedoch, dass nicht der Staat nun die Details regelt, sondern wenn er das Aushandlungssystem stabilisiert.

Wie könnte er das tun?
Zum Beispiel, indem er öffentliche Aufträge an Unternehmen vergibt, die tarifgebunden sind. Das ist europarechtlich zwar schwierig, aber der Europäische Gerichtshof hat da durchaus Möglichkeiten aufgezeigt, wie das gehen könnte. Außerdem könnte er in Bereichen, wo er als ordnungspolitischer Akteur wichtig ist, auf kollektivvertragliche Strukturen drängen, wie er das in der Altenpflege gerade tut. Weiterhin wäre vorstellbar, dass er das Instrument der Allgemeinverbindlichkeitserklärung von Tarifverträgen deutlich intensiver nutzt.

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