Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Arabische Irrtümer

Der irakische Dichter Fawzi Karim über Bagdads Fall

Die gebratenen Forellen, die ihm in einem Schweizer Restaurant serviert werden, erinnern den irakischen Dichter Fawzi Karim an seine Jugend in Bagdad. Das südlich am Tigrisufer gelegene Stadtviertel Al-Abassia war damals noch von einfachen Leuten bewohnt, die vom Fischen, vom Gemüseanbau und ihren Dattelpalmen lebten. Karim gerät ins Schwärmen, als er die Schönheit dieses Teils von Bagdad beschwört, wo er 1945 geboren wurde. Für Karim ist Al-Abassia zum Symbol für das Schicksal des ganzen Landes geworden, über das sich Saddam Husseins Leute aus Tikrit wie "barbarische Invasoren" hermachten, um alles an sich zu reißen.

Nach seinem Literaturstudium erhielt Karim in der Nähe Bagdads eine Stelle als Lehrer zugewiesen. Wegen seines offenbar nicht ganz konformen Unterrichts tauchten dort schon bald Geheimpolizisten auf. Bereits bei der nächstbesten Gelegenheit setzte sich der junge Dichter nach Beirut ab, wo er die folgenden drei Jahre verbrachte. Als 1972 im Rahmen der Nationalen Front die Kommunisten in die Regierung einbezogen wurden, und sich eine Öffnung des Regimes abzeichnete, kehrte er wie viele andere Exilierte nach Bagdad zurück. Im Verlauf der siebziger Jahre musste Karim aber erfahren, wie das Leben der Menschen auf immer umfassendere Weise von der Baath-Partei überwacht wurde. Nachdem er mit viel Glück zu einem Pass gekommen war, verließ er Ende 1978 erneut den Irak. Seither lebt er in London.

Fawzi Karim gilt heute als einer der bedeutenden irakischen Lyriker. Soeben ist in französischer Übersetzung der Band Continent de douleur erschienen (Editions Empreintes, Moudon 2003, 121 Seiten, 17,40 Euro), den er auf der Genfer Buchmesse vorstellte. Mit Fawzi Karim sprach Fridolin Furger.

FR: Herr Karim, wie haben Sie auf die Absicht der Vereinigten Staaten reagiert, in den Irak einzumarschieren und Saddam Hussein zu stürzen?

Fawzi Karim: Ich empfand ein tiefes inneres Bedürfnis, an diese Absicht zu glauben. Als die Amerikaner dann Truppen an den Golf verlegten, spürte ich, dass sich nun die Gesellschaft, der Staat, aber auch Kunst und Literatur, all das, was mich in meinen Gedanken beschäftigte, grundlegend verändern könnten. Ich hatte manchmal befürchtet, dass Saddam Hussein von jemandem im Land gestürzt würde. Dafür wären aber nur Leute aus der Armee oder der Partei in Frage gekommen, und wir hätten wohl weitere 30 Jahre auf das Ende der Diktatur warten müssen. 

Wie beurteilen Sie die Situation nach dem Sturz der Diktatur, insbesondere die Chance für den Aufbau einer Demokratie?

Die Iraker haben unter Saddam Hussein eine schreckliche Zeit erlebt. Nun glauben viele, dass sie den einzig richtigen und guten Weg kennen und sind auch bereit, dafür mit Gewalt zu kämpfen. Deshalb ist es wichtig, dass die Amerikaner diese schwierige Situation für eine gewisse Zeit kontrollieren. Die Iraker hatten nie die Möglichkeit, mit der Demokratie Erfahrungen zu machen und müssen nun ganz am Anfang beginnen. Mann muss realistisch sein, das braucht Zeit, und sicher wird nicht schon morgen alles wunderbar sein. Aber ich bin optimistisch. Alles was kommt, wird sicher besser sein als das, was wir während 30 Jahren unter Saddam Hussein durchgemacht haben. Das wichtigste ist für mich, nicht länger zusehen zu müssen, wie die Menschen im Irak wegen nichts getötet werden.

 Wie groß ist die Gefahr, dass fundamentalistische Gruppen unter den Schiiten eine anti-amerikanische Stimmung schüren, um an die Macht zu gelangen?

Ich bin kein Soziologe. Meiner Meinung nach hat der Fundamentalismus in unserer Geschichte keine starken Wurzeln. Die Schiiten im Irak sind eher offen. So kamen einst ein Großteil der Kommunisten aus schiitischen Familien. Wenn diese nicht mehr unterdrückt werden und ihre religiösen Gefühle frei ausdrücken können, werden so auch gewisse Spannungen abgebaut. Leute, die gegen die Amerikaner demonstrieren, erproben nun etwas, das sie ihr ganzes Leben noch nicht versucht haben. Man muss auch noch andere Umstände berücksichtigen, etwa die Auswirkungen der 35jährigen Diktatur oder den Versuch des Irans und der arabischen Länder, die Situation im Irak zu beeinflussen.

 Wie schätzen Sie denn die Haltung der arabischen Welt gegenüber der amerikanischen Intervention ein?

Ich finde es unglaublich, wie die arabischen Medien nur das Negative sehen und zeigen. Als Araber und Muslime müssten sie doch eigentlich Verständnis für den Irak aufbringen und sehen, dass die Menschen dort in einer schwierigen Situation sind und Hilfe brauchen. Stattdessen versuchen sie die Probleme zu verschärfen und extremistische Gruppierungen zu fördern. Letztlich ist das aber einfach zu verstehen. Denn wenn es dem Irak gelingen sollte, demokratische Verhältnisse zu schaffen, wäre dies eine immense Gefahr für die anderen arabischen Länder. Von Marokko bis Syrien würden sich die Menschen fragen, warum die Iraker und nicht auch wir?

Nun besteht aber doch auch die Gefahr, dass die Amerikaner ihre Position missbrauchen, um sich wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen und den politischen Aufbauprozess ihren Vorstellungen gemäß zu manipulieren.

Natürlich. Aber man muss doch realistisch sein. Wir haben diese Situation nicht gewählt. Mich als Iraker hat überhaupt noch nie jemand gefragt, ob ich etwas lieber so oder anders hätte. Wir habe eine lange düstere Zeit erlebt, deren Ende nicht absehbar war. Nun hat sich dies alles überraschend schnell geändert. Warum sollten wir jetzt nur die Gefahren sehen und die neue Situation nicht als Chance betrachten, die auch uns Vorteile bringt. Warum sollten wir nicht wie alle arabischen Staaten Öl an den reichen Westen und an die USA verkaufen? Und warum sollten wir den Amerikanern, auch wenn sie wegen ihrer eigener Interessen gekommen sind, nicht auch ein klein wenig vertrauen. Meine Erfahrung ist doch die, dass bisher jemand aus dem Irak selber das ganze Öl-Geld in die eigene Tasche steckte oder Waffen damit kaufte, um die eigenen Leute umzubringen. Der Irak wurde durch unsere eigenen Ideen zerstört und dabei spielten linke Ideologien eine wichtige Rolle. Warum sollten wir jetzt nicht etwas anderes versuchen?

In London leben noch viele andere exilierte Literaten, Künstler und Journalisten. Wie haben denn diese mehrheitlich auf den Krieg reagiert?

Die meisten Intellektuellen waren der Ansicht, dass Saddam Hussein gestürzt werden musste. Ihnen war wohl genau wie mir auch klar, dass dies nur durch eine starke äußere Macht möglich war. Eine andere Seite ihrer Seele verunmöglichte es ihnen aber, eine Intervention der Amerikaner zu akzeptieren. Denn fast alle Intellektuellen waren von früh an Anhänger linker Ideologien und habe sich stets gegen den Kapitalismus, den Westen und vor allem die USA ausgesprochen. Für mich waren diese zwiespältigen Diskurse nichts als Worte ohne Sinn. Diejenigen Iraker aber, die nicht von vornherein gegen den Westen oder die USA eingestellt waren, begrüßten mehrheitlich den Krieg. 

Während irakische Intellektuelle oft hin und her gerissen schienen oder zum Teil sogar für den Krieg waren, zeigten sich Schriftsteller aus der übrigen arabischen Welt durchwegs empört und bemühten zum Teil geradezu abstruse Verschwörungstheorien.

Es erstaunt mich keineswegs, dass diese Schriftsteller gegen den Krieg waren und ihrem verhassten Feind alle Übel dieser Welt anlasten. Für eine ganz Reihe dieser Autoren war Saddam Hussein lange Zeit ein Held, der ihre Ideale verkörperte, den Sozialismus und den anti-imperialistischen Kampf. Viele arabische Autoren begaben sich nach Bagdad, um von Saddam Husseins Regime Preise und Geld entgegenzunehmen. Es ist noch gar nicht so lange her, dass es für arabische Autoren völlig selbstverständlich war, von sozialistischen Staaten Ehrungen zu akzeptieren, sobald aber jemand vom Westen etwas erhielt, war er suspekt. Meiner Meinung nach tragen die arabischen Intellektuellen eine große Verantwortung für den heutigen Zustand der arabischen Welt.

Können Sie ihre Beobachtungen über die Wahrnehmung des Irak-Krieges durch arabische Intellektuelle etwas konkreter ausführen?

Schaut man genau hin, stellt man fest, dass der Mensch in deren Texten und Reden völlig abwesend ist. Kaum einer dieser Intellektuellen kümmert sich wirklich um die Menschen im Irak oder in den arabischen Ländern. Keiner sagt etwas zu den zwei Millionen Menschen, die Saddam Husseins Kriegen oder seinem Terror zum Opfer gefallen sind. Wo waren die Stimmen dieser Leute, als während über 30 Jahren im Irak tagtäglich Leute getötet wurden? Keiner hat sich je groß über die mehr als vier Millionen Iraker geäußert, die ins Exil getrieben wurden. Während des Krieges hat aber andererseits einer der bekanntesten arabischen Dichter den Abwehrkampf von Saddams Sondertruppen als Widerstand des irakischen Volkes bejubelt.

Sie haben die über vier Millionen Iraker im Exil erwähnt. Welche Rolle können diese beim Wiederaufbau des Landes spielen ?

Ich kenne viele Iraker, die bereit sind, beim Aufbau des Landes Verantwortung zu übernehmen. Wir haben in der Tat viele hervorragend gebildete Leute in allen Bereichen. Schriftsteller und Künstler können allerdings meistens nicht viel mehr tun, als für sich selber zu sorgen. Die Konfrontation mit dem Land könnte aber den Autoren wichtige kreative Impulse verleihen. Denn als wir unser Land verließen, kannten viele von uns den Irak nur sehr schlecht, besonders die Welt der Schiiten und Kurden im Süden und Norden Iraks.

Dossier: Irak nach dem Krieg

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare