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Sicherheitsmitarbeiter stehen vor dem Eingang des saudi-arabischen Konsulats in Istanbul. Petros Giannakouris/AP

Fall Khashoggi

Apple-Watch soll Ermordung aufgezeichnet haben

Laut türkischer Zeitung „Sabah“ soll der verschwundene Regimekritiker Khashoggi vor Betreten des saudi-arabischen Konsulats in Istanbul eine Aufnahmefunktion an seiner Apple Watch eingeschaltet haben.

Saudi-Arabien bestreitet weiter jegliche Mitschuld am Verschwinden des Regimekritikers Jamal Khashoggi und sieht sich durch „falsche Anschuldigungen“ in schlechtes Licht gerückt.

Es sei eine „Lüge“ zu behaupten, die Führung in Riad habe den Journalisten ermorden lassen, bekräftigte das saudische Innenministerium am Samstagmorgen in einer Serie von Tweets. Die Regierung des Königreichs sei „ihren Prinzipien, Regeln und Traditionen verpflichtet“ und handele im Einklang mit internationalen Gesetzen und Abkommen.

Khashoggi  hatte am 2. Oktober das saudische Konsulat in Istanbul betreten, um Papiere für seine geplante Hochzeit mit einer Türkin abzuholen. Seither wird der Journalist vermisst. Türkische Regierungs- und Geheimdienstkreise streuen seit Tagen die These, dass Khashoggi im Konsulat ermordet wurde.

Täglich tauchen neue Schilderungen dazu in Medien auf, wodurch die Affäre weiter an Brisanz gewinnt. So berichtete die „Washington Post“, türkische Regierungsvertreter hätten ihren US-Kollegen versichert, im Besitz kompromittierender Ton- und Videoaufnahmen aus dem Konsulat zu sein. Diese belegten angeblich, dass saudische Agenten ihren Landsmann dort töteten und seine Leiche zerstückelten.

Eine offizielle Bestätigung für die Existenz der Aufnahmen gibt es von türkischer Seite bislang nicht. Aus dem Präsidentenpalast in Ankara hieß es: „Wir haben keine Informationen zu Video- oder Audioaufnahmen.“ Existieren sie jedoch wirklich, ließe dies zumindest den Schluss zu, dass die Türkei sie sich auf fragwürdigem Wege besorgt hat - etwa über abgehörte Handys oder Spionage im Konsulat.

Apple-Watch soll Folter und Ermordung aufgezeichnet haben

Einem Medienbericht zufolge deuten nun aber Aufzeichnungen der Apple-Watch des prominenten saudiarabischen Journalisten darauf hin, dass er gefoltert und ermordet wurde. „Der Zeitraum, in dem Khashoggi verhört, gefoltert und ermordet wurde, wurde von der Apple-Watch aufgenommen“, berichtete die türkische Zeitung „Sabah“ am Samstag unter Berufung auf Geheimdienstkreise. Die Uhr habe die Daten auf Khashoggis iPhone überspielt, das die Verlobte des Journalisten beim Warten vor dem saudiarabischen Konsulat in Istanbul bei sich gehabt habe. Die Ermittler gingen davon aus, dass Khashoggi die Aufnahmefunktion aktiviert habe, ehe er am 2. Oktober die diplomatische Vertretung betreten habe. 

Nach Khashoggis Tod hätten saudiarabische Geheimagenten bemerkt, dass die Aufnahme weiter laufe, berichtete die Zeitung. Sie hätten Khashoggis Fingerabdruck benutzt, um das Telefon zu entsperren, und einige, aber nicht alle Daten gelöscht. Die Aufnahmen seien später auf Khashoggis Handy gefunden worden.

Der türkische Geheimdienst MIT und die Polizei hätten die Daten, die in den iCloud-Speicher übertragen wurden, dann ausgewertet, berichtete „Sabah“ weiter. iCloud ist ein Dienst von Apple, mit dem Daten gespeichert und auf mehreren Geräten synchronisiert werden können. „Die Momente, in denen sich das Attentäter-Team ... mit Khashoggi beschäftigt hat, wurden Minute für Minute aufgezeichnet“, schreiben die Autoren. Die Täter hätten aber versucht, einige Daten zu löschen. „Sabah“ beruft sich auf „vertrauenswürdige Quellen“.

Zweifel an der türkischen Version 

Nach Veröffentlichung des „Sabah“-Artikels tauchten umgehend Zweifel an der türkischen Version auf. Unter anderem wird eine Apple-Uhr immer mit einem iPhone des Besitzers verknüpft, mit dem sie üblicherweise per Bluetooth-Funk Daten austauscht. Das Bluetooth-Signal hat eine Reichweite von einigen Metern, Khashoggis Verlobte müsste also mit seinem iPhone sehr nahe am Konsulatsgebäude gestanden haben, damit die beiden Geräte diese Verbindung aufrechterhalten.

Khashoggi könnte auch eine Version der Apple Watch getragen haben, die direkt ins Mobilfunknetz geht und Daten ohne den Umweg über das iPhone oder ein WLAN übermittelt. Auf einem Foto von Mai, das der Technologie-Blog „TechCrunch“ fand, ist er mit einer solchen Uhr zu sehen. Allerdings gibt es aktuell keine türkischen Mobilfunk-Anbieter, die diese Funktion unterstützen.

Die Apple-Uhr hat ein Mikrofon, und es gibt diverse Apps, mit denen man prinzipiell Sprachaufnahmen auf der Apple-Uhr anfertigen und an ein iPhone oder in die iCloud übertragen kann. Meistens folgt die Übermittlung erst nach Abschluss der Aufnahme. Zugleich hätte Khashoggi bei bestehender Funkverbindung zu seinem Telefon, einem WLAN oder dem Mobilfunknetz auch einfach nur vor Betreten des Konsulats einen Anruf über die Uhr starten können, mit dem alle Umgebungsgeräusche übertragen worden wären.

Die Daten der Uhr könnten auch darüber hinaus Hinweise auf das Schicksal Khashoggis liefern, weil sie Gesundheitsinformationen wie Puls und Bewegungsaktivität aufzeichnet und übermittelt. Dafür braucht sie ebenfalls eine Funkverbindung und muss entsperrt sein. Das Gerät sperrt sich automatisch, wenn es vom Handgelenk abgenommen wird.

Der Sicherheitsexperte des US-Senders CNN, Robert Baer, vermutet, dass der türkische Geheimdienst das saudi-arabische Konsulat abgehört hat und so an die Informationen gekommen ist. „Ich glaube, so haben sie es wahrscheinlich erfahren. Aber die Türken sind sehr abgeneigt, das zuzugeben“, sagte Baer.

Schon vor einigen Tagen hatte ein türkischer Behördenvertreter der „New York Times“ gesagt, dass Khashoggi binnen zwei Stunden nach seiner Ankunft im Konsulat von saudischen Agenten getötet worden sei - die dann die Leiche mit einer eigens dafür mitgebrachten Knochensäge zerlegt hätten. „Es ist wie ‚Pulp Fiction‘“, sagte der Behördenvertreter dem Blatt.

Zwar weisen manche der Berichte Ungereimtheiten auf, doch auch die offiziellen Verlautbarungen in der Affäre wirken mitunter fragwürdig. Neben der Türkei und Saudi-Arabien sind auch die USA involviert, da Khashoggi vor mehr als einem Jahr aus Angst vor politischer Verfolgung ins US-Exil ging und dort als Kolumnist für die „Washington Post“ schrieb.

Auch für Trump eine heikle Situation

Heikel ist sein Verschwinden nicht zuletzt für US-Präsident Donald Trump, der viel auf seine Allianz mit Saudi-Arabien gibt. Der 33-jährige saudische Kronprinz Mohammed bin Salman pflegt besonders enge Beziehungen zu Trumps Berater und Schwiegersohn Jared Kushner. Sein jüngerer Bruder - Prinz Chalid bin Salman bin Abdulasis - ist Botschafter des Königreichs in Washington.

Trump kündigte am Freitagabend (Ortszeit) an, er wolle den saudischen König Salman wegen des Falls bald anrufen. Konkreter wurde er nicht. Noch wisse niemand wirklich, was in dieser „schrecklichen Sache“ geschehen sei, sagte Trump. Er betonte aber: „Wir werden herausfinden, was passiert ist.“

Saudi-Arabien schickte am Freitag eine Delegation in die Türkei - mit dem erklärten Ziel, bei den Ermittlungen zu helfen. Keinen Tag später lobte das saudischen Innenministerium die gute Zusammenarbeit mit den „Brüdern in der Türkei“ in einer gemeinsamen Ermittlungsgruppe und über „andere offizielle Kanäle“. Ergänzt um die Mahnung, Medien dürften weder die Ermittler noch die Justiz in ihrem Versuch behindern, „die volle Wahrheit“ über Khashoggis Verschwinden herauszufinden.

Deutsche Politiker scheinen auf die Verlautbarungen aus Riad nicht viel zu geben. „Außenminister (Heiko) Maas muss beim saudischen Botschafter mit Nachdruck eine lückenlose Aufklärung fordern“, sagte der stellvertretende FDP-Fraktionschef Alexander Graf Lambsdorff dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND/Samstag). Sollte der Journalist tatsächlich wegen seiner regierungskritischen Haltung ermordet worden sein, wäre dies „ein grausames Element der saudischen Außenpolitik“.

Der Grünen-Außenpolitiker Omid Nouripour äußerte sich ähnlich. „Es kann nicht sein, dass Deutschland bei der Verteidigung von Journalisten sogar hinter den Saudi-Freund Donald Trump zurückfällt“, kritisierte der Bundestagsabgeordnete. „Der Fall Khashoggi zeigt deutlich, warum Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien verantwortungslos sind: Die aggressive Politik des Königshauses nach innen und nach außen wirkt destabilisierend.“ (dpa/rtr)

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