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FR vom 12. September 2001

Leitartikel: Apokalypse des Terrors

Die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon treffen das Herz der Vereinigten Staaten. Von Dietmar Ostermann (Washington).

Apocalypse now, Dienstag, der 11. September 2001. Am Morgen gegen Dreiviertel neun in New York: Als ein Flugzeug, offenbar eine zweimotorige Maschine, auf die Südspitze Manhattans zuhält und in den Südturm des World Trade Centers in Downtown Manhattan rast, setzt eine Kette an Ereignissen ein, deren grausiges Ausmaß, aber auch Tempo und Präzision der Weltmacht binnen weniger Stunden den Atem nehmen werden.

Noch wird über einen möglichen Unfall spekuliert. Aber der Himmel über New York ist blau, die Sicht ungetrübt. "Das ist das Schlimmste, was man sich vorstellen kann", sagt ein Fernsehreporter zu diesem Zeitpunkt in die Kamera. Aber da hat die Vorstellungskraft schon den Wettlauf mit dem Terror verloren.

Zwei Stunden später brennt nicht nur auch der andere Zwillingsturm, getroffen von einem weiteren Flugzeug, offenbar einer Boeing 767, die auf einem Linienflug in Boston gestartet ist und kurz nach dem Start entführt wurde. Das 110-Etagen-Gebäude ist, vor den Augen der Welt, um 9 Uhr und 58 Minuten in einem Meer aus Qualm und Feuer zusammengesackt. Wie ein brennendes Streichholz, schwarz, porös, zerfressen von den Flammen. 37 Minuten später kann auch die Konstruktion des anderen Turms die Last nicht mehr tragen. Die Südspitze Manhattans, das Postkartenidyll der berühmtesten Wolkenkratzer-Silhouette, gibt es so nicht mehr. Vorbei an der Freiheitsstatue geht der Blick auf eine Qualmwüste, aus der das schrille Konzert der Rettungswagen dröhnt. Ambulanzen und Feuerwehrautos rasen dort jetzt Richtung Norden, weg vom Inferno. Unterhalb der 14. Straße ist die Stadt gesperrt. "Wir wissen nicht, was vor Ort los ist, die Funkverbindung ist unterbrochen", sagt ein Polizist an der Absperrung. In dem Teil Manhattans, der noch zugänglich ist, spielen sich Szenen ab wie im Film. Ein bisschen wie in einer Geisterstadt sind die Straßen leergefegt.

Keine Panik hier, die Leute versuchen, ihre Angehörigen zu erreichen. Einen Kilometer von den Ruinen des World Trade Center entfernt senkt sich Geschäftigkeit über die Stadt. Taxis drehen ihr Radio lauter und die Fenster herunter. Alle paar Minuten ertönt der Aufruf, dass sich Mitglieder der Feuerwehr bei ihren Stationen melden sollen.

In einem Büro versichert der Boss, man versuche alles, um die Mitarbeiter nach Hause zu schaffen. Wer Geld brauche, könne dies haben. Der Besitzer einer Autowerkstatt lässt reihenweise Menschen an seinem Telefon nach Angehörigen forschen. Aber die Leitungen sind öfter unterbrochen oder überlastet. "Da ist nichts, was ich machen kann", sagt der Mann, durchaus gelassen. Er ist Jude. "Die Menschen in Israel", sagt er, "haben das jeden Tag."

Nur ein paar Querstraßen entfernt, hinter der Absperrung, herrscht Chaos. "Die Leute springen aus dem Fenster", sagt zitternd eine Frau einem Fernsehreporter und drängt sich mit angststarren Augen in eine Hauseinfahrt: "Die Polizei sagt, haut ab hier, aber wir können nirgendwo hin, alles ist dicht. Wo sollen wir hin? Die Leute springen aus dem Fenster!" Die Angst, weitere Gebäude könnten einstürzen, geht um. Glassplitter sind bis über den Hudson River geflogen. Drüben in Brooklyn hat es noch fünf Kilometer entfernt Papierfetzen geregnet, die vor kurzem noch sorgfältig auf den Schreibtischen in den Büros des World Trade Center gelegen haben. Dort haben bis gestern rund 50 000 Menschen gearbeitet.

Aber der Terror hat sich schon weiter gefressen, die Ostküste herunter. Nicht nur New York, auch die Hauptstadt Washington, das Stein gewordene Symbol amerikanischer Macht, versinkt fast zeitgleich in schwarzen Wolken. Das Pentagon brennt, ebenfalls getroffen von einem Flugzeug.

Das Weiße Haus wurde vorsorglich evakuiert. Auf der Mall, heißt es, sei ein weiteres Flugzeug abgeschossen worden. Mitarbeiter im Kapitol, dem Parlamentsgebäude, berichten, wie ein Flugzeug um die heilige Kuppel des Marmorpalastes der amerikanischen Demokratie kreiste. Noch gibt es keine Angaben über Opfer - weder in New York, noch in Washington, wo in der Zentrale des Verteidigungsministeriums der USA ebenfalls die Wände nachzugeben drohen. Aber es gibt schlimmste Befürchtungen und die Gewissheit, dass es sich um die schwerste Terrorwelle handelt, welche die Vereinigten Staaten je erlebt haben. Alle Flughäfen des Landes wurden stillgelegt, die Wall Street hat den Handel ausgesetzt.

Der Präsident, der am Morgen noch in Florida Grundschülern Geschichten vorgelesen hatte, ist auf dem Weg zurück nach Washington. "Heute hatten wir eine nationale Tragödie", hat George W. Bush vor dem Abflug gesagt. Aber es war die Angst, dass die Ereigniskette noch nicht gestoppt war, dass noch irgendwo etwas passieren könnte, welche das Gefühl umgehen ließ, dass die Tragödie noch nicht zu Ende war.

Niemand mehr mochte das, was man nun unzweifelhaft für eine gut geplante Terrorserie hielt, mit bisherigen Anschlägen vergleichen. Im Februar 1993 war in der Tiefgarage des World Trade Centers eine Bombe explodiert. Damals starben sechs Menschen, hunderte wurden verletzt. Diesmal hatten die Urheber ganze Arbeit geleistet.

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