TV-Duell Wagenknecht vs. Weidel: Mehr Fragen als Antworten
Wagenknecht und Weidel im Fernsehduell: Ein Abend voller Kontroversen und unklarer Positionen. Die Analyse eines spannungsgeladenen Schlagabtauschs.
Das Fernsehduell von Sahra Wagenknecht und Alice Weidel am Mittwochabend hat viele Fragen offengelassen. Ein davon dürfte sicher diese sein: Ist Quote im deutschen Fernsehen wirklich alles? Einen anderen Grund kann es für den Springer-Sender Welt TV ja nicht gegeben haben, das einstündige Format auszustrahlen. Aber es ist nun mal ein problematisches: Man lädt zwei Politikerinnen, die das Selbstverständnis der Bundesrepublik als weltoffenes, tolerantes Land mit Westbindung mindestens in Frage stellen, wenn nicht zerstören wollen. Als Quintessenz fragt man dann das Publikum, wer gewonnen hat. Nehmen Sie Ihr Smartphone in die Hand und voten Sie gerne mit.
Schon die Frage des umfangreich beworbenen TV-Duells war falsch gestellt. Sie lautete: Was trennt, was verbindet AfD und BSW? Dahinter kann man kaum etwas anderes vermuten als die händereibende Hoffnung, dass sich Frauen möglichst in die Haare kriegen sollen. Der gleiche Verdacht kommt auf, wenn in der anschließenden Analyse des Duells im Studio nur Frauen am Tisch sitzen. Allerdings waren sämtliche der an dem Abend beteiligten Frauen zu intelligent, um einem derart platten Plot zu erliegen.
Verlierer des TV-Duells Wagenknecht gegen Weidel ist der Moderator
Gescheitert auf der ganzen Linie ist indes der Mann im Studio. Man möchte Chefredakteur Philipp Burgard nicht unterstellen, dass er sich dachte, zwei Frauen im Gespräch, das moderiert sich ja von alleine weg. Aber Tatsache bleibt doch, dass er von Anfang an, nun ja, beträchtlich überfordert war. Für alle künftigen politischen Diskussionen sollte ein für allemal klar sein, dass es nicht genügt, auf den „Faktencheck morgen früh“ zu verweisen und dann sämtlichen falsche Narrative, anderswo auch Lügen genannt, stehen zu lassen.

Besonders unangenehm war das beim Ukraine-Krieg. Da waren sich Wagenknecht und Weidel erwartungsgemäß einig, wobei die Wahrheit das Nachsehen hatte. Da darf dann Sahra Wagenknecht behaupten, dass die angeblich wahre Ursache des Überfalls auf die Ukraine die Tatsache war, dass Putin sich von der Nato bedroht fühlen musste. Der schwache Einwand auf Putins Großmachtträume war da zu wenig. Den hat Wagenknecht schon in zig anderen Talkshows einfach beiseite gewischt.
Ein kleiner Hinweis auf das Budapester Memorandum an dieser Stelle hätte der Diskussion eventuell eine höhere Flughöhe beschert. Darin legte sich Russland bekanntlich fest, die Grenzen der souveränen Ukraine zu achten, die dafür im Gegenzug ihr Atomwaffen abgab. Die angebliche Bedrohung Russland zeigt das dann doch in einem anderen Licht.
Wagenknecht, Weidel und Russland: Fragwürdiger Tiefpunkt
Überhaupt Russland: Wie wäre es, wenn man deren innenpolitische Situation mal näher angesprochen hätte? Die Situation in der Diktatur Russland macht die inhaltliche Nähe von Wagenknecht und Weidel zu Putin noch mal fragwürdiger. Tiefpunkt des Abends war sicherlich der Vergleich der Wiedervereinigungsverhandlungen von Helmut Kohl mit dem Ukraine-Krieg von Alice Weidel. Schlichtes Motto: Damals hat es doch auch geklappt. Wo sie die Analogie sieht, blieb ihr Geheimnis.
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Merkwürdiges trat auch im Wirtschaftsteil zutage. Die Eingangsfrage von Burgard zur „desolaten wirtschaftlichen Situation in Deutschland“ war schon mehr als tendenziös. Aber beide Frauen dann mit windelweichen Behauptungen davonkommen zu lassen, das war fahrlässig. Keine einzige wirtschaftliche Maßnahme konnte Weidel aufzählen, während Wagenknecht mal wieder dem billigen russischen Gas nachtrauerte. Ein bisschen spannender, aber im Grunde wenig überraschend ging es beim Thema Sozialstaat zu. Da zeigte sich dann spätestens, dass Wagenknecht, wenn man es denn wirklich so festmachen will, die Siegerin des Duells war.
Sie nagelte eine zunehmend nervöser und unsicherer agierende Alice Weidel bei den Themen Bürgergeld und staatlichen Investitionen fest. Die Milliarden, die der Staat für seine Infrastruktur braucht, könne man aus dem Bürgergeld gar nicht heraussparen fertigte die BSW-Chefin ihre AfD-Konkurrentin ab. Auch in Sachen Höcke bliebt Wagenknecht angriffslustig und fragte wieder und wieder, warum die AfD ihn nicht längst aus der Partei ausgeschlossen hat. Zu diesem Zeitpunkt hatte Philipp Burgard die Moderation bereits aufgegeben.
Wagenknecht und die AfD: Ihr ganzes Spektrum als Machtpolitikerin
Richtig gruselig wurde es allerdings, als es um die gegenseitige Einschätzung der Parteien ging. Da zeigte Wagenknecht ihr ganzes Spektrum als Machtpolitikerin. Sie bezeichnete die AfD als „differenzierte Partei“. Soll heißen: Mit Höcke geht gar nichts, aber mit den anderen kann man ja mal reden. Dazu sollte man wissen, dass Höcke überlegt, für den Bundestag zu kandidieren. Damit wäre er aus Thüringen weg. In diesem Bundesland kämen – nur mal kurz gerechnet – AfD und BSW im Landtag auf die Mehrheit der Sitze. Eine ziemlich beunruhigende politische Perspektive für die Zukunft, der dieser Diskussionsabend eher mehr als weniger Nahrung gegeben hat. (Christine Dankbar)