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Antonio Guterres nach der Preisverleihung.

Karlspreis

António Guterres - der Multilateralist

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UN-Generalsekretär Guterres bekommt in Aachen den Karlspreis verliehen – ein Porträt.

Mit sorgenvoller Miene musterte der Generalsekretär der Vereinten Nationen die versammelten Botschafter. Dann sprach António Guterres eine Warnung aus: „Nationen müssen abrüsten, oder sie gehen unter.“ Im Sitzungssaal der Abrüstungskonferenz wurde es still. Die Gesandten Dutzender Nationen, die an diesem 25. Februar im Genfer Palais des Nations (dem einstigen Sitz des Völkerbunds) zusammengekommen waren, wussten, wie sie die undiplomatischen Worte des Chefdiplomaten dieses Planeten verstehen sollten: Es geht um Sein oder Nichtsein.

Der frühere portugiesische Ministerpräsident präsentierte sich an jenem Tag einmal mehr in seiner Lieblingsrolle als Mahner, der die Zusammenarbeit der Nationen für nichts weniger als das Wohl der Menschheit verlangt: bei der Abrüstung und selbstverständlich auch auf jedem anderen politischen Feld. Als Antreiber, der unentwegt die Vorteile des Miteinander beschwört – kurz: als Multilateralist.

Der Begriff mag in seiner Substantivierung ungelenk erscheinen, aber er wirkt. Weltweit. Also auch bis nach Aachen. Dort wurde António Manuel de Oliveira Guterres für sein unentwegtes Engagement an diesem Donnerstag, 30. Mai, der Internationale Karlspreis verliehen.

Der 70-Jährige trage „maßgebliche Verantwortung für die beiden großen Friedensprojekte Europäische Union und Vereinte Nationen“, hieß es zur Begründung bei der Verleihung im Krönungssaal des Aachener Rathauses. Der alljährlich vergebene Internationale Karlspreis zählt zu den bedeutendsten europäischen Ehrungen. Im vergangenen Jahr wurde der französische Präsident Emmanuel Macron gewürdigt. 2016 hatte Papst Franziskus die Auszeichnung erhalten.

Guterres ging 1974 in die Slums von Lissabon, um zu helfen

Während der Franzose ein neues „Projekt Europa“ initiieren will und der Argentinier auf dem Stuhl Petri viel für eine – zumindest zeitweilig – liberalere Katholische Kirche getan hat, ist der 1,70 Meter messende Portugiese ein Mensch von ganz anderem Format. Geboren am 30. April 1949 in Lissabon, mitten in der faschistischen Ständediktatur des António Salazar (seit 1932), fiel er seinem Land erstmals 1965 auf, als er als „bester Schüler der Nation“ geehrte wurde. Seit 1971 arbeitete er als Elektroingenieur. Und als solcher trat er während der Nelken-Revolution 1974 der Sozialistischen Partei bei und half mit seiner technischen und organisatorischen Expertise den Ärmsten in den Slums der portugiesischen Hauptstadt.

Zu der Zeit unterrichtete Guterres auch an der Universität Systemtheorie und Telekommunikation – aber nur relativ kurz. In den wilden idealistischen Tagen nach dem Putsch linker Militärs 1974 begann Guterres, sich politisch zu engagieren. Er wurde Bürochef des Staatssekretärs für die Industrie, ließ sich ins Parlament wählen, und 1988 schließlich übernahm er den Vorsitz der Sozialistischen Partei Portugals. Die Aufnahme seiner Heimat in die Europäische Gemeinschaft hatte er noch in den 70ern persönlich mit ausgehandelt. Der pragmatische Idealist krönte seine nationale Karriere 1995, als er Ministerpräsident wurde. Bis 2002, drei Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau, der Kinderpsychiaterin Luísa Guimarães e Melo, und ein Jahr nach seiner Hochzeit mit der Politikerin Catarina Vaz Pinto, blieb er Regierungschef. Von 2005 bis 2015 diente Guterres – der 1991 den Nationalen Flüchtlingsrat seines Landes organisiert hatte –, bei den UN als Hochkommissar für Flüchtlinge. Schon früh verlangte er den internationalen Schulterschluss zur Bewältigung der absehbaren Flüchtlingsbewegungen. Niemand wollte auf ihn hören.

Vielleicht auch angesichts solcher Erfahrungen ist Multilateralismus für Guterres eine ganz prinzipielle Notwendigkeit, wie er unlängst der „Aachener Zeitung“ zu Protokoll gab – vor allem wegen globaler Herausforderungen wie Klimawandel, Migration und Terrorismus. In seiner Studentenzeit hätten die USA und die Sowjetunion auf der Welt den Ton angegeben: „Jetzt leben wir in einer chaotischeren Welt, in der die Machtverhältnisse unklar geworden sind, und wir brauchen dringend einen Rahmen, um zu wiederbelebten multilateralen Formen des Regierens zu finden.“ Und angesichts des Karlspreises für einen bedeutenden Europäer möchte man Guterres’ Multilateralismus so erweitern: Neben dem Globalen muss auch das Kontinentale seine Stimme finden. In diesem Fall also die europäische.

Eine Vielzahl an Kulturen ist Guterres ein Reichtum für alle

„Europa ist zu bedeutend, um zu scheitern“, sagte Guterres in seiner Dankesrede. „Als Generalsekretär der Vereinten Nationen habe ich noch nie so deutlich gespürt, dass ein starkes und vereintes Europa gebraucht wird.“

Guterres warnte, dass demokratische Prinzipien unter Beschuss seien und Ungleichheiten zunähmen. Rassen- und Fremdenhass im Internet stachelten Terrorismus an. Eine Vielzahl an Ethnien, Kulturen und Religionen sei aber ein Reichtum für alle. Er nannte Klimawandel, Demografie und Migration sowie das digitale Zeitalter die wichtigsten Herausforderungen der Gegenwart. Beim Klimawandel müsse Europa vorangehen. Europa dürfe die junge Generation, „unsere größte Hoffnung“, nicht im Stich lassen. Spaniens König Felipe VI., Schirmherr des Karlspreises, erkannte in seiner Festrede in Guterres den „großen Europäer und Weltbürger“, der drei Prinzipien folge: der Solidarität mit Bedürftigen, der Suche nach einer engen Einheit der europäischen Staaten und dem Beitrag eines geeinten Europas zu einer „gerechten Sache der Menschheit“. Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini preist Guterres als „Mann von Visionen, Herz und Taten“.

Fürs Feiern in Aachen blieb dem Preisträger kaum Muße. Zu ernst sind die Bedrohungen für die Menschheit: Populisten sind auf dem Vormarsch. Konflikte wie in Afghanistan, Syrien, Libyen, dem Jemen und dem Kongo zwingen Millionen Menschen in die Flucht. Atomwaffenstaaten liefern sich ein neues Wettrennen um die wirksamsten Tötungsinstrumente. Millionen verhungern jedes Jahr. Und über allem dräut der Klimawandel mit potenziell apokalyptischen Folgen.

Das ist Guterres’ derzeitige „Job Description“ für sein Büro im 38. Stock des UN-Hauptquartiers in New York. Die an einem zitronengelben Band hängende Medaille mit dem Konterfei von Karl dem Großen, dem „Vater Europas“ wird den Multilateralisten dort an einen schönen und ehrenvollen Moment seines Lebens erinnern. (mit dpa,epd, kan)

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