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Selbstorganisation gegen Stigmatisierung: Demonstration in Berlin.

Antiziganismus

„Antiziganistische Vorannahmen sind so weit verbreitet“

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Antiziganismus-Forscher Markus End spricht in der FR über die Vorurteile der gesellschaftlichen Mitte und die Rolle der Medien.

Herr End, Sie sind einer von elf Expertinnen und Experten in der neuen Kommission Antiziganismus. Warum machen Sie mit?
Das ist eine gute Frage. Ich weiß, dass der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma sehr viel Energie reingesteckt hat, damit die Kommission zustande kommt. Ich hoffe, dass sie auch wirklich etwas bewegt. Ich würde ungern mitmachen, wenn sie nur ein Aushängeschild wäre. Mir ist wichtig, dass wir zu Ergebnissen kommen und Maßnahmen vorschlagen, die dann tatsächlich auch umgesetzt werden.

Mit welchen Erwartungen nehmen Sie die Arbeit auf?
Das ist natürlich schwierig, sowohl mit der politischen Konstellation, die derzeit besteht, als auch mit dem Politikbetrieb. Da mahlen die Mühlen sehr langsam. Nehmen Sie die Berichte der Arbeitskreise zum Antisemitismus. Daraus sind einige Forderungen umgesetzt worden, einige aber auch nicht. Das gilt genauso für den Abschlussbericht des NSU-Untersuchungsausschusses. Aber zumindest wurden diese Berichte von der Bundesregierung in Auftrag gegeben. Wenn sich Selbstorganisationen von Sinti_ze und Rom_nja später darauf beziehen, dann hat es hoffentlich mehr Gewicht in der politischen Debatte.

Welchen Fragen muss sich die Kommission am dringendsten widmen?
Ich will der Arbeit der Kommission natürlich nicht vorgreifen. Klar ist, dass die Forschung, die im Bereich Antiziganismus bisher geleistet werden konnte, noch viel marginalisierter ist als in anderen Bereichen der Rassismusforschung. Bestimmte Arbeiten, die als Standardwerke gelten, sind 25 Jahre alt und älter. Der Forschungsstand ist auch einer der zentralen Unterschiede zu den Berichten im Bereich Antisemitismus. Insofern ist es schon ein notwendiger Schritt und ein deutliches Zeichen, öffentlich festzuhalten, dass es Antiziganismus gibt. Und dass es ein gesellschaftliches Phänomen ist, mit dem sich auseinandergesetzt werden muss.

Es geht also darum festzustellen: Was wissen wir und wozu wissen wir noch gar nichts?
Genau. Mir ist dabei immer wichtig, den Antiziganismus in der gesellschaftlichen Mitte zu kritisieren, im Hier und Heute. Wenn Sie sich Gedenkreden anhören oder Presseberichte lesen, da wird ganz oft auf die schrecklichen Verbrechen im Nationalsozialismus verwiesen oder es wird auf die schlimmen Übergriffe auf Rom_nja in Osteuropa geschaut. Oder es werden diese unsäglichen NPD-Plakate angeprangert. Das ist alles richtig, aber dieser Fokus verstellt den Blick auf die gesellschaftliche Mitte. Wir dürfen gerade beim Thema Antiziganismus nicht nur auf die vermeintlichen Extreme schauen, sondern müssen sehen, wie sich Antiziganismus in allen Bereichen der Gesellschaft wiederfindet und zwar häufig gänzlich unhinterfragt.

Die wenigen vorhandenen Studien lassen vermuten, dass Antiziganismus in Deutschland weit verbreitet und eher Norm als Ausnahme ist. Gibt es Milieus, Regionen, Zusammenhänge, in denen er besonders häufig auftaucht?
Ich persönlich habe nie solche quantitativen Daten erhoben. Ich bin dem gegenüber auch etwas skeptisch. Ich glaube, was diese Studien häufig abbilden, ist nicht die Einstellung der Menschen, sondern das, was sie meinen sagen zu dürfen – und was nicht. Das gilt für manche Milieus mehr als für andere. Mein Verständnis von Antiziganismus bezieht sich stark auf ein gesellschaftliches Wissen, das sich in Filmen, Fernsehserien, Büchern widerspiegelt, in Alltagskultur, in politischen Debatten, in Medien. Es geht also nicht primär darum, Einzelne zu kritisieren. Ich will eher den Fokus darauf lenken, dass es sich um gesellschaftliche Strukturen und Kommunikationsformen handelt. Gruppen und Einzelpersonen, die Antiziganismus ganz bewusst, radikal und gewalttätig betreiben, stellen selbstverständlich ebenfalls ein großes Problem dar. Dem ist aber kaum mit Aufklärung beizukommen.

Wenn es um die Ursachen für Antiziganismus geht und um deren Bekämpfung, geht es um viel Geld. Spielt das für Ihre Arbeit im Hinterkopf eine Rolle?
Eine Unterscheidung ist mir sehr wichtig: Die zwischen Ursachen des Antiziganismus und den Folgen des Antiziganismus. In der politischen Debatte wird das oft vermengt und damit so getan, als müsse man nur die schlechte soziale Situation, in der viele Sinti_ze und Rom_nja in ganz Europa aufgrund von Diskriminierung leben müssen, verbessern, dann verschwände der Antiziganismus von ganz allein. Die Bekämpfung desolater Wohnsituationen oder von Arbeitslosigkeit sind wichtige sozialpolitische Themen: Aber sie sind keine Bekämpfung von Antiziganismus, sondern eine Bekämpfung der Effekte desselben. Es muss aber um die Ursachenbekämpfung gehen. Die ist auch teuer, aber da geht es um langfristige, flächendeckende Bildungs- und Aufklärungsprogramme. Dafür muss die Kommission die Weichen stellen.

Sie selbst haben die Rolle der Medien bei der Verbreitung von Vorurteilen und Stereotypen erforscht. Warum gerade dieser Ansatz?
Der Aufhänger war für mich ein Titelbild der Schweizer „Weltwoche“. Das zeigte einen kleinen Jungen, der mit einer Pistole auf die Betrachtenden zielt. Die Überschrift war: „Die Roma kommen: Raubzüge in die Schweiz“. Darüber gab es größere Aufregung, Berichterstattung und Kommentare auch in deutschen Medien und die Kritik, dass dieses Cover rassistisch sei. Das stimmt, das sehe ich auch so. Aber ich habe mich gefragt, warum sich darüber alle so aufregen. Das war die „Weltwoche“, eine rechtspopulistische Wochenzeitung. Viel schlimmer ist es doch, wenn die öffentlich-rechtlichen Sender und die seriösen Zeitungen und Magazine ähnliche Muster bedienen, nur nicht ganz so drastisch aufgemacht. Ich wollte nicht die extremen Beispiele zeigen, sondern die alltäglichen Strukturen, die Häufigkeit.

Das Ergebnis Ihrer Forschung fällt für die Qualitätsmedien düster aus.
Die antiziganistischen Vorannahmen sind so weit verbreitet, dass auch die meisten Journalist_innen sie teilen. Wenn das Wort „Roma“ fällt, macht es auch da klick und ganz viel läuft mit. Mir ging es darum, die Mechanismen und Strategien aufzuzeigen, die dazu führen, dass bestimmte Stereotype immer wieder produziert und hervorgebracht werden.

Sie führen viele Beispiele an, deren Problematik vielleicht vielen Betrachtern tatsächlich nicht sofort ins Auge springt. Etwa die häufige Verwendung von Aufnahmen geblümter Wäschestücke auf Balkonen in Fernsehsendungen über Roma.
Dafür gibt es unzählige Beispiele. Das Thema Müll spielt auch eine große Rolle, wird bei Berichten über die sogenannte ‚Armutszuwanderung‘ – der Begriff an sich ist schon antiziganistisch geprägt – häufig eingesetzt. Es ist an sich schon eine Stereotypisierung, wenn ‚Roma‘ und Müll ständig in einen Bedeutungszusammenhang gesetzt werden. In vielen Beiträgen der öffentlich-rechtlichen wurde der Müll allerdings gezielt größer gemacht oder vermehrt. So wurde ein und derselbe Müllhaufen mehrmals aus verschiedenen Perspektiven gezeigt, so dass der Eindruck von immer neuen Ansammlungen entstand. Teilweise wurden – ohne Kennzeichnung – Müllaufnahmen aus dem Archiv verwendet, obwohl die Beiträge ansonsten aktuelle Bilder von vor Ort zeigten.

Medienschaffende sind bei der Berichterstattung über das Thema oft verunsichert. Welche Ratschläge für eine diskriminierungsfreie Berichterstattung haben Sie?
Kritik von Selbstorganisationen der Sinti_ze und Rom_nja an Medienberichten wird von den Redaktionen häufig zunächst reflexhaft abgewehrt: „Wir sind nicht rassistisch, wir wollten das so gar nicht.“ Wichtig wäre aber, die Kritik ernst zu nehmen. Die Möglichkeit zu akzeptieren, dass es auch in den eigenen Redaktionen solche Denkmuster gibt. Ein Tipp zur Überprüfung kann auch sein: Wenn ich über Sinti_ze und Rom_nja schreibe, funktioniert der Satz auch noch mit einer anderen Gruppe?

Das müssen Sie erklären.
In der Berichterstattung, auch der Frankfurter Rundschau übrigens, über das Occupy-Camp in Frankfurt hieß es immer, dort lebten „Aktivisten, Obdachlose und Roma“. Die „Aktivisten“ waren im Camp politisch aktiv, die „Obdachlosen“ suchten Obdach, das erklärt sich. Aber was war mit den „Roma“? Waren das auch Aktivist_innen, waren sie als Anwält_innen dort oder warum? Ersetzen Sie den Satz durch: „Im Camp lebten Aktivisten, Obdachlose und Friesen“ – und er ergibt keinen Sinn mehr. Der Test macht also im konkreten Fall deutlich, wie sehr mit dem Wort „Roma“ bereits das Stereotyp „arme Menschen, die Obdach suchen und nicht politisch aktiv sind“ mitschwingt.

Die Verantwortung der Medien ist eine Sache. Im Bundestag ist es am Freitag nicht gelungen, einen gemeinsamen Entschließungsantrag zur Bekämpfung von Antiziganismus zu verabschieden. Sehen Sie genügend Unterstützung seitens der Politik für Ihre Arbeit?
Noch in der letzten Legislaturperiode hat ein Abgeordneter der großen Koalition im Bundestag erklärt, Antiziganismus sei „in Deutschland momentan kein weitverbreitetes Phänomen“. Insofern ist der Beschluss vom Freitag ein Schritt in die richtige Richtung. Wichtig ist mir, dass die Kommission nicht als Vorzeigeobjekt angeführt wird. Mit ihrer Einsetzung geht die politische Verpflichtung einher, Antiziganismus als gesellschaftliches Problem anzuerkennen, ernstzunehmen und in allen seinen Ausformungen zu bekämpfen.

Interview: Nadja Erb

Zu Person und Kommission

Markus End ist Vorsitzender der Gesellschaft für Antiziganismusforschung.

Markus End forscht am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin zu Antiziganismus. Er ist auch Vorsitzender der Gesellschaft für Antiziganismusforschung. Der Politikwissenschaftler ist einer von elf Expertinnen und Experten der von Bundesinnenminister Horst Seehofer berufenen Kommission Antiziganismus, die am gestrigen Mittwoch ihre Arbeit aufgenommen hat. 

Elf Expertinnen und Experten sollen im Auftrag der Bundesregierung in den nächsten zwei Jahren die Diskriminierung von Sinti und Roma und den Hass auf diese Gruppe in Deutschland untersuchen. Das Gremium, dem Forscher aus ganz Deutschland sowie Vertreter von Roma-Selbstorganisationen angehören, hat am Mittwoch mit der Arbeit begonnen.

Bis Anfang 2021 soll die Kommission einen Bericht vorlegen, der als Grundlage für anschließende Diskussionen im Bundestag und in der Gesellschaft gedacht ist. Laut Regierungsauftrag soll sie auch Empfehlungen entwickeln, wie Antiziganismus bekämpft werden kann.

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