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Antisemitismus im Netz nimmt zu

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Von: Julia Haak

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Antijüdische Ressentiments artikulieren sich im 21. Jahrhundert auch im Gewand vermeintlicher "Israelkritik".
Antijüdische Ressentiments artikulieren sich im 21. Jahrhundert auch im Gewand vermeintlicher "Israelkritik". © rtr

Eine Studie der TU Berlin warnt vor Radikalisierung und wachsender Akzeptanz judenfeindlicher Ressentiments.

Mehrere Hunderttausend Texte und Kommentare im Netz mit Bezug zu Judentum und Israel hat das Team um die Sprachforscherin Monika Schwarz-Friesel untersucht. Das Ergebnis nennt die Wissenschaftlerin ein „besorgniserregendes Phänomen“. Vier Jahre lang hat eine Forschergruppe an der Technischen Universität Berlin sich mit der Verbreitung und Manifestation von Antisemitismus im Internet beschäftigt. Und ihre Studie zeigt, dass Antisemitismus massiv zugenommen hat. Im untersuchten Material seien 2007 7,51 Prozent der Äußerungen als antisemitisch einzustufen, 2017 mehr als 30 Prozent.

Es geht dabei um klassischen Judenhass, Stereotype und Verschwörungstheorien, muslimischen Antisemitismus und eine Judenfeindschaft, die auf den Staat Israel projiziert wird. Für die Langzeitstudie „Antisemitismus 2.0 und die Netzkultur des Hasses“ wertete das Team zwischen 2014 und 2018 mit einem eigens entwickelten Computerprogramm über 300.000 Texte aus dem Netz aus, darunter über 265.400 Kommentare in den sozialen Netzwerken und 20.000 E-Mails an die Israelische Botschaft und den Zentralrat der Juden. Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass Antisemitismen in den vergangenen zehn Jahren insbesondere in den Online-Kommentarbereichen der Qualitätsmedien stark zugenommen haben und dabei auch eine Radikalisierung stattgefunden hat.

Seit 2009 hätten sich NS-Vergleiche, Gewaltfantasien und drastische, Juden dämonisierende und das Menschsein absprechende Zuschreibungen verdoppelt. Besonders bedenklich sei das, weil die Netzdiskussionen in relevantem Maße meinungsbildend wirkten. Das fördere Judenfeindschaft und trage maßgeblich zu Akzeptanz und Normalisierung bei.

Schwarz-Friesel leitet das Fachgebiet der Kognitiven Medienlinguistik an der TU Berlin. Ihre Forschergruppe hat auch untersucht, inwieweit alte antijüdische Ressentiments im 21. Jahrhundert modern artikuliert auftreten, zum Beispiel im Gewand vermeintlicher „Israelkritik“. Neben den Kommentarspalten zeigten sich judeophobe Verschwörungsfantasien und Antisemitismen ebenso bei Twitter und Facebook, in Blogs und Ratgeberportalen, unter Youtube-Videos, in Online-Buchläden und in Fan-Foren. Trotz unterschiedlicher politischer und ideologischer Einstellungen glichen sich die Muster. Die Forscher sprechen von der dominierenden Vorstellung des „Ewigen Juden“. „Der israelbezogene Judenhass ist dabei tendenziell auf dem Weg, ein ,politisch korrekter Antisemitismus‘ zu werden, da ihm in Zivilgesellschaft, Politik und Justiz der geringste Widerstand entgegengesetzt wird“, sagt Schwarz-Friesel. Es bestehe die Gefahr einer weiteren Verbreitung und Normalisierung von Antisemitismus.

Zentralratspräsident Josef Schuster sagte am Mittwoch, die Studie belege empirisch „was wir schon lange empfinden“: Der Antisemitismus in den sozialen Medien werde aggressiver und enthemmter. Das erfülle Juden in Deutschland mit tiefer Sorge: „Denn Worten folgen irgendwann auch Taten.“ Das Internationale Auschwitz Komitee sprach von „verheerenden“ Ergebnissen der Studie. Als Ursache für die steigende Akzeptanz von Antisemitismus sieht auch Forscherin Schwarz-Friesel zu wenig „Härte und Entschlossenheit“ von Politik, Justiz und Zivilgesellschaft, dagegen vorzugehen. (mit epd)

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