Jüdisches Leben

Verschwörungstheorien und Corona: Antisemitismus in Deutschland nimmt zu

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    vonJoel Schmidt
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Die Amadeu Antonio Stiftung warnt vor steigendem Antisemitismus in Deutschland. Bei Straftaten spielen auch die Corona-Pandemie und Verschwörungstheorien eine Rolle.

  • Die Zahlen antisemitischer Straftaten in Deutschland steigen seit Jahren kontinuierlich.
  • Die Amadeu Antonio Stiftung warnt vor einem Anstieg des Antisemitismus in Deutschland.
  • In der Corona-Pandemie erleben auch antisemitische Verschwörungstheorien eine Hochkonjunktur.

Berlin – Im Vorfeld des Jahrestages der Reichspogromnacht am 9. November 1938 hat die Amadeu Antonio Stiftung vor einer Zunahme von „offenem und ungehemmten Judenhass“ in Deutschland gewarnt und die Bundesregierung dazu aufgefordert, Projekte gegen Antisemitismus langfristig abzusichern. Die Regierung müsse „den Schutz jüdischen Lebens zur Priorität erklären“ und Gegenmaßnahmen zur Verhinderung antisemitischer Straftaten ergreifen, teilte die Stiftung am Freitag (06.11.2020) in Berlin mit.

Fruchtbarer Boden für Straftaten: Antisemitismus, Corona und Verschwörungstheorien

Die Amadeu Antonio Stiftung veröffentlicht in regelmäßigen Abständen zum Jahrestag der antisemitischen Pogrome einen Bericht mit dem Titel „Lagebild zum Antisemitismus in Deutschland“. In der aktuellen Ausgabe verweisen die Autor:innen unter anderem darauf, dass im Zuge der Corona-Pandemie antisemitische Verschwörungstheorien eine Hochkonjunktur erführen und in diesem Zusammenhang auch die Zahl der Straftaten steige. Als Beispiel nennen sie die rechte QAnon-Bewegung. Mit der Legende der „Ritualmorde“, die für die Anhänger:innen dieser Verschwörungstheorie eine zentrale Rolle spiele, würden altbekannte Mythen des Antisemitismus wiederbelebt werden.

Straftaten nehmen zu: Antisemitismus in allen Bereichen der Gesellschaft

Die Autor:innen des Lageberichts weisen darauf hin, dass Antisemitismus in Deutschland in allen gesellschaftlichen Bereichen vorkomme. Sie betonen allerdings, dass der Hass auf Jüd:innen zunehmend weniger geächtet und vielerorts sogar stärker akzeptiert werde. Aus jüdischer Perspektive sei der Antisemitismus in Deutschland ein „allgegenwärtiges Bedrohungsszenario“, das sich „massiv auf den Alltag auswirkt“, erklärte die Stiftung im Hinblick auf die Zunahme der antisemitischen Straftaten.

Ein Mann mit Kippa auf der Zuschauertribüne des Deutschen Bundestags in Berlin.

Jüdisches Leben in Deutschland: Zunahme von antisemitischen Straftaten

Erst im Sommer 2020 hatte auch der Verfassungsschutz eine deutliche Zunahme des Antisemitismus in Deutschland verzeichnet. Angesichts des Anstiegs der antisemitischen Straftaten in den Jahren 2018 und 2019 sagte der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Thomas Haldenwang, gegenüber der Süddeutschen Zeitung damals: „Im Alltag unserer jüdischen Bürgerinnen und Bürger bedeutet das: Sie sind häufig Beleidigungen, Bedrohungen, Attacken ausgesetzt“.

Die Entwicklung antisemitischer Straftaten in Deutschland lässt sich anhand der Jahresberichte zur „Politisch motivierten Kriminalität“ des Bundeskriminalamts (BKA) nachvollziehen. Demnach kam es in den vergangenen Jahren zu einem kontinuierlichen Anstieg antisemitischer Straftaten:

  • Im Jahr 2017 wurden 1.504 antisemitische Straftaten gemeldet.
  • Im Jahr 2018 wurden 1.799 antisemitische Straftaten gemeldet.
  • Im Jahr 2019 wurden 1.839 antisemitsche Straftaten gemeldet.

Mehr Straftaten: Gesamtgesellschaftliche Antworten auf Antisemitismus

„Jüdinnen und Juden überlegen sich jeden Tag, welchen Weg sie nehmen, wer im dunklen Auto sitzt und ob der Gottesdienstbesuch auch wirklich sicher ist“, erklärte Stiftungsvorsitzende Anetta Kahane angesichts des Anstiegs des Antisemitismus in Deutschland. Die Amadeu Antonio Stiftung fordere den Staat deshalb auf, konsequent auf antisemitische Straftaten zu reagieren und jüdische Einrichtungen zu schützen. Da Antisemitismus ganz verschiedene Milieus von Rechtsextremismus bis Islamismus verbinde, brauche es auch eine „gesamtgesellschaftliche Antwort“. (Joel Schmidt mit dpa)

Rubriklistenbild: © Christoph Soeder/dpa

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