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Alltägliche Kopfbedeckung: Kippas in einem Laden in Jerusalem.

Antisemitismus

„Die Regierung muss dafür sorgen, dass Juden auf der Straße eine Kippa tragen können“

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Die israelische Autorin Haviv-Horiner über zunehmenden Antisemitismus und ihr Problem mit der Warnung an Kippaträger in Deutschland.

Frau Haviv-Horiner, was halten Sie von der Warnung des Antisemitismusbeauftragten Felix Klein, Juden sollten in Deutschland auf das Tragen der Kippa verzichten?
Ich finde die Warnung problematisch, weil es ja gerade die Aufgabe der deutschen Regierung sein sollte, dafür zu sorgen, dass Juden auf der Straße eine Kippa tragen können. Eine Warnung auszusprechen, ist immer leicht. Ich denke, dass war einfach unglücklich formuliert von Klein.

Auch wenn die Warnung berechtigt ist?
Natürlich ist es gefährlicher geworden, sich als Juden zu erkennen zu geben. Das ist ein Fakt. Nicht nur in Deutschland. Ich komme aus Wien, und da war es auch vor 40 Jahren schon bedenklich, auf der Straße Kippa zu tragen. In Deutschland konnte man nach der Schoah gewisse Dinge nicht aussprechen, aber jetzt werden sie wieder salonfähig. Die Frage ist nur, welche Erkenntnis ziehe ich daraus?

Anita Haviv-Horiner gibt Seminare und betreut Gruppen der Bundeszentrale für Politische Bildung.

Was schlagen Sie vor?
Man muss dafür sorgen, dass jeder Vorfall bestraft wird, dass Tätern klar ist, sie gehen ein Risiko ein. Das Wichtigste aber ist Bildung. In meinen Seminaren versuche ich, Fragen anzuregen: Wie komme ich zu meinem Urteil? Nehme ich Juden nur so wahr, wie sie von außen dargestellt werden? Beruht meine Meinung auf Wissen oder auf Vorurteilen?

Wann ist Kritik an Israel antisemitisch?
In meinem Buch sagt Daniel Schek, Ex-Botschafter Israels in Frankreich, Kritik an Israel wird dann antisemitisch, wenn man Israel nicht dafür kritisiert, was es tut, sondern dafür, was es ist.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Als die Firma Sodastream ihre Niederlassung aus den besetzten palästinensischen Gebieten auf israelisches Staatsgebiet verlegte, sagten Vertreter der BDS-Bewegung: „Der Kampf ist noch nicht gewonnen.“ Das war für mich der Beweis, dass es ihnen nicht um die Besatzung geht, sondern um die Existenz Israels.

Erleben Sie selbst Antisemitismus?
Ja, früher bin ich deswegen auch schon mal in Tränen ausgebrochen. Jetzt sage ich, dass ich nicht bereit bin, auf der Anklagebank zu sitzen, nur weil ich einen israelischen Reisepass habe. Ich bin eine scharfe Kritikerin der Regierungspolitik und der Besatzung. Aber wenn Deutsche mir, deren gesamte Familie bis auf die Eltern in der Schoah umgebracht wurden, sagen: „Wie können Israelis mit Palästinensern so umgehen? Ihr müsst doch aus Auschwitz gelernt haben!“, finde ich das inakzeptabel. Ich glaube, in erster Linie müssen die Deutschen aus Auschwitz lernen.

Hören Sie solche Sprüche heute öfter als früher?
Mein Eindruck ist, man spricht es leichter aus und identifiziert sich eher mit den Palästinensern. Ich treffe aber auch auf Menschen, die Israel und die Juden um jeden Preis verteidigen wollen. Philosemitismus ist für mich die Umkehr von Antisemitismus, wird aber oft genauso von Emotionen beeinflusst und nicht von Fakten. In dem Moment, wenn sich Menschen mit Juden oder Israel befassen, geht es oft um die eigene Familiengeschichte.

Sprechen Sie das an, wenn Sie es merken?
Ja. Ich bin in Wiener Kaffeehäusern aufgewachsen. Ich glaube an den Dialog und das Gespräch.

Erleben Sie Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen?
Nach der Wende ist mir aufgefallen, dass Menschen aus der ehemaligen DDR weniger Wissen über Israel hatten und ein negativeres Bild. Israel war für die DDR ja der Aggressor, der Feind des Kommunismus. Auch über den jüdischen Aspekt des Holocaust wussten sie wenig, weil in der DDR in erster Linie über Kommunisten als NS-Opfer berichtet wurde. Das hat sich aber heute bei den Jüngeren ausgeglichen.

Wie sind die Reaktionen in Israel auf die Warnung von Klein?
Es gibt Fragen nach der Verantwortung der deutschen Regierung und auch: Ist es wirklich so schlimm? Ich bin sicher, dass die rechten Populisten bald das Thema für sich vereinnahmen werden. Als die Anschläge in Frankreich waren, hat Netanjahu den Juden dort gesagt: Euer Platz ist in Israel. Für mich ist das eine Form der Manipulation. Ich finde, jeder kann selber entscheiden, wo sein Platz ist.

Interview: Anja Reich

Zur Person

Anita Haviv-Horine r, 59, Tochter von Holocaust-Überlebenden, ist früher in Tränen ausgebrochen, wenn ihr Antisemitismus begegnet ist. Heute gibt sie Seminare und betreut Gruppen der Bundeszentrale für Politische Bildung auf ihren Reisen in Israel. Gerade ist ihr Buch erschienen: „In Europa nichts Neues? Israelische Blicke auf Antisemitismus heute“.

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