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Orthodoxe Juden im ukrainischen Berdytschiw auf einem ehemaligen jüdischen Friedhof: Überall im Land sind Zeugnisse der einstmals reichen jüdischen Kultur zu finden.

Aachener Friedenspreis

Vom Antisemiten zum Pazifisten?

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Der Aachener Friedenspreis für den Ukrainer Ruslan Kotsaba steht auf der Kippe – ein altes Video wirft kein gutes Licht auf ihn. Im FR-Gespräch bereut er seine Aussagen.

Der Mann redet wie ein Wasserfall: „Ich schäme mich, ich weiß nicht, mit welchen Worten ich ausdrücken kann, wie leid es mir tut, ich würde so etwas nie wieder sagen.“ Der Mann, der das sagt, heißt Ruslan Kotsaba. Er ist ukrainischer Journalist, Blogger und Pazifist – und eigentlich wurde ihm diese Woche der Aachener Friedenspreis zugesprochen – nun könnte diese Ehrung wieder zurückgezogen werden. Wegen Äußerungen, die er „nie wieder“ machen würde, betont er gegenüber der FR.

Das Unsagbare war ein antisemitischer Wortschwall, den er am 22. Juni 2011 vom Stapel ließ. Die Juden hätten Hitler und Stalin „herangezüchtet“, sie hätten den „Holodomor“, die von den Sowjets organisierte Hungersnot in der Ukraine 1932 bis 1933, zu verantworten und dafür dann eben nach dem deutschen Einmarsch „bezahlt“ – diese Sätze sind in einem Videoausschnitt von Kotsaba zu hören. Er hatte es auf einem alten jüdischen Friedhof in seiner Heimatstadt Iwano-Frankiwsk aufgenommen.

Ruslan Kotsaba sagt, er hat sich inzwischen gewandelt und distanziert sich von seinen früheren Aussagen.

Die gut 220 000 Einwohner zählende Universitätsstadt in der Westukraine besaß vor dem Zweiten Weltkrieg eine große jüdische Gemeinde. Nach dem Beginn des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 wurde die Stadt von den mit den Deutschen verbündeten Ungarn besetzt, es kam zu Pogromen gegen Juden, deutsche Polizeieinheiten organisierten Massenerschießungen. Die antisemitischen Aussagen Kotsabas aus diesem etwa siebenminütigen Video sorgen seit Donnerstag für Aufregung: Verdient es so jemand, den Aachener Friedenspreis zu bekommen?

Der ehemalige Grünen-Bundestagsabgeordnete Volker Beck, der sich gegen Antisemitismus engagiert, hat den Vorstand des Vereins, der den Aachener Friedenspreis verleiht, aufgefordert, „zu prüfen, ob diese Vorwürfe stimmen. Falls ja, kann so jemand keinen Preis erhalten“. Auch Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt, reagiert auf die Ehrung: „Ruslan Kotsaba (...) hat in der Vergangenheit anscheinend bizarre Thesen zur Shoa verbreitet. Sehr befremdlich!“, schrieb er auf Twitter. Kritik an der Nominierung Kotsabas kommt auch vom Projekt „Ukraine Verstehen“, das zur Berliner Denkfabrik „Liberale Moderne“ gehört, die von den Grünen-Politikern Marieluise Beck und Ralf Fücks gegründet wurde.

Der 52 Jahre alte Kotsaba ist jemand, der vielen Menschen querkommt. Bevor er Journalist wurde, engagierte er sich für den Naturschutz und trat lokalen Geschäftemachern auf die Füße, die wenig für die Natur übrig hatten. Er leitete zwischenzeitlich ein Museum in seiner Heimatstadt, um – nach seinen Worten – dort „dafür zu sorgen, dass das Geld nicht geklaut wird“. Als Reporter berichtete er durchaus mit Sympathie über die Maidan-Revolution 2013/2014.

Nach der Besetzung der Krim durch Russland und dem Kriegsbeginn im Osten der Ukraine im April 2014 war Kotsaba als Journalist im Kriegsgebiet unterwegs. Seine Berichte passten vielen nicht, weil er sich zwischen den Fronten bewegte und offen gegen Rekrutierungsaktionen der Regierung in Kiew agitierte. Dafür wurde er angeklagt und musste ins Gefängnis. Im Westen setzten sich zahlreiche Friedeninitiativen für ihn ein, unter anderem auch Amnesty International.

Im Sommer 2016 entschied die Justiz dann für Kotsaba und er kam frei. Die Staatsanwaltschaft versuchte noch einmal, das Verfahren gegen ihn durchzuziehen, scheiterte aber.

Antisemitismus-Vorwürfe gegen ihn tauchten in all der Zeit nicht auf. Kotsaba selbst erklärt nun im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau, dass er im Krieg einen Wandel vollzogen habe. „Sie müssen sich zwei Ruslans vorstellen“, sagt er, „der eine war vor dem Krieg: Ich habe in dem Video nichts gesagt, was nicht weit verbreitet bei uns ist. Aber im Krieg habe ich gesehen, wozu Mythen und Verschwörungen führen. Ich schäme mich dafür, ich teile Menschen heute nicht mehr nach Nationalitäten oder was auch immer ein.“

Der nun kursierende antisemitische Videoausschnitt wurde auf der Plattform Rutube veröffentlicht, eine russische Internetseite für Videos. In dem entsprechenden Kanal ist es das einzige Video. Kotsabas Aussagen sind in perfektes Deutsch übersetzt. Bis Donnerstag soll das Video dem Vereinsvorstand des Aachener Friedenspreises nicht bekannt gewesen sein.

Das komplette Video vom Juni 2011 ist ein offensichtlich gescheiterter Versuch, über Juden und Ukrainer im Krieg und Aussöhnung zu sprechen. Kotsaba will „unschuldiger Juden“ gedenken und hofft, dass auch „Juden der unschuldigen Ukrainer“ gedenken, die im Krieg ermordet wurden. Er redet über die Politik des von den Maidan-Revolutionären fortgejagten Präsidenten Wiktor Janukowitsch und er kritisiert die „ungerechte“ Justiz.

Das Video ist ein Mix zusammenhangloser Themen, darunter auch jene antisemitischen Aussagen. Kotsaba selbst erläuterte zu dem nun bekannt gewordenen Ausschnitt schriftlich: „Ich habe diese Aussagen 2011 gemacht. Zwar sind die Aussagen dadurch aus dem Kontext gerissen, dass der Rest meines Beitrages entfernt wurde. Das macht sie aber nicht richtig. Ich habe deshalb bereits vor mehreren Jahren die Stelle aus dem Video entfernt. Auch wenn sie eine für die Westukraine typische Sicht darstellt, ist sie falsch.“

Meron Mendel vom Anne-Frank-Bildungszentrum sagte dazu auf Anfrage der FR: „Wenn er sich wirklich gewandelt hat, dann kann ich das nur als positiv bewerten.“

Wie glaubwürdig sein Wandel ist – das muss nun geklärt werden. Der Vorstand des Vereins Aachener Friedenspreis entschied sich am Freitagmittag „gegen eine Preisverleihung an den ukrainischen Pazifisten“. Die endgültige Entscheidung dazu wird eine Mitgliederversammlung am 14. Juni fällen.

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