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Bei seiner Abschiedsrede als Wirtschaftsminister übte Gabriel sich schon mal in diplomatischen Tönen.

Sigmar Gabriel

Ein Antidiplomat zieht ins auswärtige Amt

Mit Ausdrücken wie "bekloppt" und "Arschlöcher" zeichnet sich Gabriel nicht gerade durch seine Diplomatie aus. Mit der Ernennung zum Chefdiplomaten am Freitag dürfte sich das ändern.

Mit einer diplomatischen Ader ist der künftige Außenminister Sigmar Gabriel bisher nicht aufgefallen. Im Gegenteil: Der scheidende SPD-Chef präsentierte sich oft als Anhänger des offenen bis schnoddrigen Wortes und verstörte Freund wie Feind mit ruppigen Sprüchen. Rechtsextremen zeigte der Sohn eines bekennenden Nationalsozialisten schon mal den Stinkefinger oder beschimpfte sie als "Pack". Die Ausländer, die in der Kölner Silvesternacht 2015 Hunderte Frauen attackierten und misshandelten, titulierte er als "Arschlöcher". Selbst die ehrwürdige Bundesbank nahm er ins Visier: Als die Banker eine Anhebung des Rentenalters auf 69 Jahre vorschlugen, nannte Gabriel sie "bekloppt". Mit der Ernennung zum Chefdiplomaten am Freitag dürfte die Zeit der obszönen Gesten und allzu offenen Schimpftiraden für den 57-Jährigen allerdings vorbei sein.

In diplomatischen Tönen übte sich Gabriel schon mal am Donnerstag bei seiner Abschiedsrede als Wirtschaftsminister vor dem Bundestag. Er dankte den Abgeordneten für eine streitbare Debattenkultur, in der Humor nicht völlig außen vor bleiben müsse. "Im zukünftigen Amt darf ich das ja nicht mehr so, hat mir Herr Steinmeier gesagt, muss ich diplomatischer werden. Da müssen wir uns einfach außerhalb des Hauses treffen", kündigte Gabriel unter Beifall und Gelächter an.
Auch in der SPD war vielerorts mit großer Überraschung und ungläubig aufgenommen worden, dass Gabriel mit dem Verzicht auf die Kanzlerkandidatur seine Nachfolge des künftigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier im Auswärtigen Amt verband. "Das ergibt sich doch unter anderem daraus, dass nach Martin Schulz ich vermutlich innerhalb der SPD und innerhalb der Regierung die meiste internationale Erfahrung auf seiten der SPD habe", rechtfertigte sich Gabriel auf Journalistenfragen.

Auch Westerwelle schaltete auf leise Zwischentöne um

Auch andere Politiker vor Gabriel mussten im Amt des Außenministers von der Abteilung Spaß und Attacke auf die feinen leisen Töne umschalten. Zu ihnen zählte der im vergangenen Jahr verstorbene Guido Westerwelle, der Anfang des Jahrtausends als FDP-Chef noch im gelben Guidomobil einen Spaßwahlkampf betrieb und für scharfe Verbalattacken berüchtigt war. In seiner Zeit als Außenminister bediente er sich dann jedoch einer deutlich gemäßigteren Sprache, auch wenn ihm manchmal Ausrutscher unterliefen - etwa 2010, als er Hartz-IV-Empfängern eine "spätrömische Dekadenz" unterstellte.

Doch die Diplomatie ist die Kunst der Verhandlungen, der leisen Töne und feinen Nuancen. Außenminister dürfen nicht mit Kraftausdrücken trotzen, wenn etwas nicht nach ihrem Willen läuft: Ihre Aufgabe ist das geduldige Bohren dickster Bretter und die komplizierte Suche nach Kompromissen, wo keine möglich scheinen. Gabriels Amtsvorgänger Steinmeier gilt als besonders langmütiges Exemplar dieser Spezies: War kein Kompromiss im Großen möglich, suchte er ein Fortkommen im Kleinen, selbst in scheinbar unwichtigen Details, die der Öffentlichkeit abseits vom Verhandlungstisch kaum noch zu vermitteln waren. Diese Zähigkeit vor allem in der Ukraine-Krise war eines der Markenzeichen Steinmeiers.

Wenn ein erfahrener Diplomat wie Steinmeier wütend wird, muss man schon genau hinhören, um es mitzubekommen. Die Beschreibung eines Eklats wie etwa im November beim Gespräch mit seinem türkischen Kollegen in Ankara klingt dann so: "In diesem Sinne darf ich herzlich danken für ein, ja, heute nicht ganz einfaches Gespräch, wenn ich das so sagen darf, das aber aus meiner Sicht ein offenes und ehrliches Gespräch war und gerade deshalb besonderen Dank", zog Steinmeier damals eine für seine Verhältnisse schonungslose Bilanz.

"An Klarheit nicht fehlen lassen."

Ob Gabriel sich an diesem Vorbild orientieren wird, ist sehr fraglich - nicht nur, weil Steinmeier bei einer Wahl zum Bundespräsidenten viele seiner Top-Beamten mit ins Schloss Bellevue nehmen will. Schon in der Vergangenheit gerieten die beiden Politiker wegen ihres unterschiedlichen Politikverständnisses hinter verschlossenen Türen immer wieder aneinander. Denn ein außenpolitischer Novize ist Gabriel durchaus nicht, allein in den vergangenen Monaten war er in diplomatisch extrem verminten Feldern wie Russland, Iran oder China unterwegs. Zurückgenommen hat er sich dabei selten - und dass er damit den einen oder anderen diplomatischen Eklat auslöste, Gesprächsabsagen provozierte, hielt er nie für tragisch, sondern akzeptierte es als notwendige Kosten.

Besonders deutlich wurde dies in China Anfang November. Schon vor dem Abflug und auch in China selbst kritisierte er scharf eine Benachteiligung deutscher Firmen in dem Land, rechtfertigte die Prüfung chinesischer Übernahmeprojekte, forderte in der EU neue Schutzinstrumente gegen unfaire Vorhaben von Investoren aus China. Die Folge: hochrangige chinesische Vertreter sagten Gespräche mit ihm ab, waren plötzlich anderweitig unabkömmlich, und die Presse des Landes schäumte. "Wir haben es an Klarheit nicht fehlen lassen - auf beiden Seiten", gestand Gabriel nach einem der vielen Treffen ein. Bedauern war in diesen Worten nicht zu spüren.

Ähnliche Erfahrungen machte Gabriel im Iran. Nachdem er der Führung des Landes Menschenrechtsverstöße und eine harsche Israel-Politik vorgeworfen hatte, sagte Parlamentspräsident Ali Laridschani ein Treffen mit ihm ab. Den künftigen deutschen Außenminister irritierte das nicht. "Es nützt nichts, so zu tun, als gebe es keine Probleme", lautet seine Devise. Eine Partnerschaft müsse Konflikte aushalten. Diplomatische Zurückhaltung, so handelte er bisher, hat seine Grenzen. Das machte er auch schon in Moskau, Havanna oder Warschau klar.

"Es gibt auch eine Zeit nach Donald Trump."

In Brüssel machte sich Gabriel dagegen bisher rar, meist schickte er seinen Staatssekretär zu Treffen in der europäischen Hauptstadt. Was er allerdings von einigen der EU-Partnern hält, daraus macht er keinen Hehl: "Kanada ist ein europäischeres Land als einige Länder der Europäischen Union", sagte er noch am Tag vor seiner Ernennung zum Außenminister im Bundestag.

Vielleicht passt Gabriels lauter Politikstil auch einfach in die neue Zeit: In London amtiert inzwischen Boris Johnson als Außenminister, dessen verbale Entgleisungen legendär sind - darunter ein obszönes Schmähgedicht auf den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Der Oxford-Absolvent aus reichem Hause beleidigte so viele Spitzenpolitiker, dass die Medien höhnten, er werde sein Amt wohl mit einer ausgedehnten Entschuldigungstour beginnen müssen. Und auch der neue US-Präsident Donald Trump ist nicht für einen leisen Politikstil bekannt. Gabriel kommentierte dessen Auftreten am Mittwoch gewohnt direkt: "Es gibt auch eine Zeit nach Donald Trump." (Reuters)

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