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In Mossul explodierte im November die erste Autobombe seit der Befreiung der Stadt vor anderthalb Jahren.

IS

Der Anti-Terror-Krieg ist nicht gewonnen

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Der "Islamische Staat" organisiert sich in Irak und Syrien neu.

Vor einem Jahr überschlugen sich die Siegeshymnen. „Der Traum der Freiheit ist Wirklichkeit geworden“, deklamierte der damalige irakische Premier Haider Abadi. Ganz Irak sei vom „Islamischen Staat“ (IS) gesäubert, jubelte Bagdad, nachdem das russische Oberkommando zwei Tage zuvor das Ende des Kalifats auf syrischer Seite ausgerufen hatte. 

Drei Jahre hatte die Schlacht der „Unheiligen Allianz“ aus Arabern, Kurden, Iranern, Russen, Amerikanern und Europäern gegen den IS gedauert. Kampfjets flogen mehr als 30.000 Angriffe, 100.000 Soldaten, kurdische Peschmerga und schiitische Milizen standen auf irakischer Seite an der Front. Auf syrischer Seite kämpften die von den USA unterstützten kurdisch-arabischen Brigaden Seite an Seite mit Assad-Truppen und russischen Söldnern.

Doch inzwischen ist Ernüchterung eingekehrt. Vor allem in den Provinzen Niniveh, Kirkuk, Diyala und Anbar macht der IS wieder mobil. Es kommt zu Entführungen, falschen Straßensperren und Bombenanschlägen. 75 Terroraktionen registrieren die irakischen Behörden derzeit pro Monat, das sind mehr als während der Schlussphase des „Islamischen Kalifats“ im Jahr 2016. 

Lokale Politiker werden ermordet, um Chaos zu stiften und den Wiederaufbau der Wirtschaft zu torpedieren. In Mossul explodierte kürzlich vor einem populären Restaurant die erste Autobombe seit der Befreiung der Stadt vor anderthalb Jahren und tötete drei Gäste. „Mögen die Sicherheitskräfte auch tagsüber präsent sein, die Nacht gehört dem IS“, klagen die Bewohner. Auf syrischer Seite verteidigen die Dschihadisten seit einem Jahr ihre letzte Enklave rund um das Euphrat-Städtchen Hajin. 

Ende November starteten sie eine Gegenoffensive und töteten mehr als 90 Angehörige der Syrisch-Demokratischen Streitkräfte (SDF). 30 Soldaten nahm der IS gefangen und führte sie auf Propaganda-Kanälen im Internet vor – der bisher schwerste Verlust für die von den USA ausgerüsteten arabisch-kurdischen Brigaden, die diese Woche einen ersten Sturmangriff auf Hajin versuchen. Mindestens 3000 Kämpfer vermuten westliche Nachrichtendienste in dem dünn besiedelten Gebiet, die Mehrzahl Ausländer, darunter auch Deutsche. In dem 50 Quadratkilometer großen Rest des Kalifats, der gespickt ist mit Minen, Sprengfallen und Tunneln, hält sich wahrscheinlich auch der selbsternannte Kalif Abu Bakr al-Baghdadi versteckt.

Und so mahnte kürzlich Maxwell B. Markusen vom „Center for Strategic and International Studies“ in Washington zu mehr Nüchternheit. „Amerikanische und irakische Politiker haben vor einem Jahr den Sieg über diese Gruppe erklärt und behauptet, diese sei zerschlagen und ausradiert.“ Doch davon könne keine Rede sein, schrieb der Politologe. 

Der Wiederaufbau der Trümmerstädte kommt kaum voran. Fast zwei Millionen Iraker hausen in Flüchtlingslagern. In der Hauptstadt dagegen streiten die Parteien weiter ungerührt über das neue Kabinett, vor allem über die Schlüsselressorts von Außen- und Innenministerium.
Trotz der Verluste schätzt das Pentagon die Zahl der IS-Milizen in Irak und Syrien nach wie vor auf 20.000 bis 30.000, so viele wie zu Beginn des Kalifats. Die Organisationsstruktur sei relativ intakt, die Gruppe finanziell gut gepolstert, heißt es in der Studie.

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