1. Startseite
  2. Politik

Anti-LGBTQ-Gesetz in Russland: „Ich rate allen, das Land zu verlassen“

Erstellt:

Von: Stefan Scholl

Kommentare

LGBTQ-Demo 2017 in Sankt Petersburg
LGBTQ-Demo 2017 in Sankt Petersburg © OLGA MALTSEVA/AFP

LGBTQ-Aktive warnen, in Russland könnte Homosexualität faktisch verboten werden

Zu den Ausstellungsstücken gehören zwei Bronzefiguren nackter Athleten – zwei schwule Athener, die 514 vor Christi bei einem Umsturzversuch gegen den Despoten Hippias umkamen, denen ihre antiken Mitbürger:innen aber danach als Freiheitskämpfer Denkmäler setzten. „Unsere Machthaber wollen die Vergangenheit wiederholen. Und dieses Exponat zeigt, dass sich die Vergangenheit auf ganz andere Weise wiederholen kann, als diese Despoten es sich vorstellen“, sagt Pjotr Woskresenskij.

Der LGBTQ-Aktivist hat am Sonntag in Sankt Petersburg das erste Queer-Museum Russlands eröffnet. Ein Protest gegen die vom Parlament verabschiedeten LGBTQ-Gesetze, die nun jederzeit in Kraft treten können. (Bei Redaktionsschluss fehlte noch die Unterschrift Putins.) Die Neuerungen verbieten „LGBTQ-Propaganda“ jetzt auch unter Erwachsenen, außerdem die „Demonstration“ nicht traditioneller sexueller Vorlieben sowie „Informationen“, die bei Kindern den Wunsch erwecken, ihr Geschlecht zu ändern.

Die letzten beiden Tatbestände sollen mit bis zu umgerechnet 3200 Euro für physische und bis zu 64 000 Millionen Euro für juristische Personen geahndet werden, LGBTQ-Propaganda mit bis zu 6400 Euro beziehungsweise 80 000 Euro.

Aber wie viele andere Aktivist:innen befürchtet Woskresenskij, die sehr schwammigen Formulierungen könnten einem praktischen Verbot der sexuellen Minderheiten gleichkommen. „Wie das sogenannte Labouchere-Gesetz, mit dem das britische Parlament 1885 statt konkreter sexueller Handlungen ,grobe Unanständigkeit‘ gegenüber anderen Männern unter Strafe stellte. Was ,grobe Unanständigkeit‘ bedeutete, entschied jeder Richter selbst.“ Ähnliche Willkür drohe auch in Russland: Wer hier mit einem anderen Mann Sex habe, demonstriere zumindest diesem, dass er das als normal betrachte und mache sich damit strafbar.

Russlands kremltreue Parlamentarier:innen veranstalten eine wirre und bedrohliche Debatte darüber, was künftig verboten sein soll. Auf der Abschussliste ganz oben steht der Bestsellerroman „Sommer mit Pionierhalstuch“, der eine Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Männern in der Sowjetunion erzählt.

Aber auch dem Popduo Tatu wird vorgeworfen, es sei mit seinen Liedern dafür verantwortlich, dass heute Mädchen mit Mädchen Händchen hielten. „Ein Lied ist auch eine Aufforderung: Mach es so wie ich!“, schimpft die Duma-Abgeordnete Tatjana Buzkaja. Jeder dürfe über nicht traditionelle Geschlechtlichkeit schreiben oder malen. „Jeder darf sich selbst verwirklichen. Aber nur für die Schublade.“

Das Nowosibirsker „Erste Theater“ strich bereits eine Kinderaufführung, in der ein schnurrbärtiger Mann die weibliche Hauptrolle spielte. LGBTQ-Portalen droht die Blockade, noch herrscht Unklarheit, ob auch einschlägige Nachtclubs geschlossen werden.

„In Russland herrscht keine Homophobie. Aber es entsteht eine totalitäre Diktatur, die zuerst die Minderheiten trifft“, sagt Aktivist Woskresenskij. „Ich rate allen, die es können, das Land zu verlassen.“ Er schließt sein Queer-Museum, sobald die LGBTQ-Verbote rechtskräftig sind.

Auch interessant

Kommentare