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Shahin Najafis Musik wird von einigen Ayatollahs als Gotteslästerung empfunden, iranische Islamisten trachten ihm deshalb nach dem Leben.
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Shahin Najafis Musik wird von einigen Ayatollahs als Gotteslästerung empfunden, iranische Islamisten trachten ihm deshalb nach dem Leben.

Politische Musik

Ansingen gegen die Angst

  • VonUli Kreikebaum
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Hassnachrichten und Morddrohungen gehören für den Iraner Shahin Najafi und den Israeli Aviv Geffen zum Alltag. Beide Sänger gelten in ihrer Heimat als politische Rebellen. Jetzt machen sie gemeinsame Sache.

Zwei Tage, bevor Shahin Najafi nach Tel Aviv fliegt, sitzt er in seiner mit einem Eisenbolzen verriegelten Kölner Mini-Wohnung und zeigt ein neues Youtube-Video. In dem Clip droht ein iranischer Islamist, er werde Najafi finden und die Kehle durchschneiden. „Ach, nur ein Spinner“, sagt der 36-Jährige. Morddrohungen ist er längst gewöhnt, seit schiitische Ayatollahs im Juli 2012 ein Todesdekret gegen ihn verkündeten.

In dem Liedtext, den die Ayatollahs als Gotteslästerung bewerteten, singt Najafi über den zehnten Imam, einen direkten Vorfahren des Propheten Mohammeds, der ein Leben lang unter Hausarrest lebte. Er fleht um Naghis Wiedergeburt, singt von „weit gespreizten Beinen der Ergebenen“ und „Brüsten aus Silikon und geflickten Jungfernhäutchen“. Die Berichterstattung nach der Morddrohung hat ihn international bekannt gemacht. Zur Ruhe gekommen ist er seither nicht. Auftreten kann er nur unter hohen Sicherheitsvorkehrungen.

Er sagt, er schlafe seit dem Todesurteil wachsam. Oft träume er, sein Mörder stehe vor ihm und schlitze seinen Bauch auf. Die Bedrohung ist aber nicht greifbar. Erkennbar ist, dass Najafi die Konfrontation sucht. „Als Künstler muss ich Risiken eingehen. Ich muss meine Angst überwinden“, sagt er. „Sonst lebe ich nicht richtig.“ Für viele junge Iraner ist Shahin Najafi ein Revolutionär im Exil.

Aviv Geffen nimmt in Israel eine ähnliche Rolle ein. In seiner Heimat gilt der 43-Jährige als politischer Rebell, seit er 1993 in dem Lied „It’s cloudy now“ von der „Fucked Up Generation“ sang, der desillusionierten Jugend, die keine Hoffnung mehr auf Frieden hegt. Geffen hatte den Militärdienst unter einem Vorwand umgangen, viele Konservative und Ultrareligiöse halten ihn auch deswegen für einen Verräter. Das Militär, das die Existenz des Landes sichert, gilt ihnen als heilig.

„Mir ist ein bisschen mulmig wegen des Auftritts“, sagt Najafi bei Tee und selbstgedrehten Zigaretten in seiner Kölner Höhle. „Wegen der Palästinenser, den Verbündeten des Irans.“ Im Iran ist jeder Kontakt zu Israelis verboten. Der Gottesstaat betrachtet das Heilige Land seit der islamischen Revolution als größten Feind und stellt die Legitimität Israels infrage. Iranische Hardliner drohen immer wieder, Israel von der Landkarte zu radieren.

Geffen hat im Internet bekannt gegeben, dass Najafi sein Gast sein wird, über 6000 Menschen werden zum Konzert kommen. Najafi hat zuletzt in Wien vor ein paar Hundert Fans gespielt.

In Najafis 14-Quadratmeter-Zimmer befindet sich kein Schrank, kein Regal, kein Bild. Nur eine Couch, ein kleiner Tisch, seine Gitarre, ein Verstärker, Büchertürme, sein Smartphone, ein Ladekabel. Er ist immer auf dem Absprung. Auf der Reise trägt er Baumwoll-Jackett, Schal und Sonnenbrille. Am Ben-Gurion-Flughafen in Tel Aviv werden der Iraner und seine Freundin Leile empfangen wie Staatsgäste. Geffen lässt sie direkt am Flugzeug abholen.

Eine Limousine bringt sie zum Herods, einem der besten Hotels der Stadt. Yael, eine sommersprossige Frau aus Geffens Crew, ist für Najafis Wohl zuständig. Er hat einen Fahrer und wann immer er will einen Bodyguard. „Sag einfach, was du vom Land sehen möchtest“, sagt Yael. „Jerusalem wäre cool“, sagt Najafi, „die Grabeskirche, die Al-Aksa-Moschee, die Klagemauer, das wäre unglaublich.“

Probe im Papaito, einem ranzigen Tonstudio in Tel Aviv. Es riecht nach Schweiß und Marihuana. Aviv Geffen, fettige Haare, Jogginghose, Marlboro zwischen den Lippen, umarmt Najafi. Der zieht seine Strickjacke aus, sagt, dass er für Geffens Lied „Good Morning to Iran“ einen eigenen Refrain auf Farsi dabei hat. Es geht in dem Song darum, wozu es führen kann, wenn Religion Politik macht. Nach zwei Durchläufen ist das Lied konzertreif. Beim Hope-Song, einem von Geffens Liedern, singt Najafi „meine Welt besteht nur aus Schmerz und Traurigkeit“, und Geffen: „ich tröste dich und gebe dir Hoffnung“.

Najafi windet sich vor dem Mikro und zuckt wie unter Schmerzen. „Du hast unglaubliche Kraft“, sagt Geffen, „die Menschen werden ausrasten.“ Leile macht ein Foto und postet es auf Instagram. Drei Minuten später zeigt Najafi die Reaktionen: Iranische Marxisten bedrohen ihn. „Wir werden dich finden“, schreibt jemand. Das Tonstudio ist nicht bewacht. Die Managerin telefoniert. „Sollen wir Jerusalem canceln?“, fragt sie Najafi. „Ein Bodyguard wäre gut“, sagt der.

Nach der Probe geben Najafi und Geffen eine Pressekonferenz. Die Washington Post ist da, der Fernsehsender NBC, die Nachrichtenagentur AP. Najafi sagt: „Nach Israel zu kommen, ist für mich wie nach Hause zu kommen.“ Geffen sagt: „Wir werden eine Single aufnehmen und weitere Konzerte geben. Shahin ist einer der mutigsten Künstler, den ich je kennengelernt habe.“

Geffen redet leiser als Najafi, er ist schmächtiger und kleiner. Geffen kommt aus einer einflussreichen Familie, sein Vater Jonathan ist einer der bekanntesten linken Publizisten des Landes. Najafi stammt aus einer Arbeiterfamilie. Geffen trägt bei Auftritten Kajal und Glitzer, Najafis Körper ist mit Tätowierungen übersät.

Als es um Heimat geht und Geffen von Israel schwärmt, verdüstert sich Najafis Miene: „Ich beneide Aviv“, sagt er, „ich habe keine Heimat mehr, seit ich aus dem Iran geflohen bin.“ Das war 2005, nachdem er zu drei Jahren Gefängnis und 100 Peitschenhieben verurteilt worden war.

Dutzende Hassmails und Drohvideos hat Najafi in den bald fünf Jahren seit dem Blasphemie-Urteil erhalten. Er sagt: „Ganz ehrlich? Ich glaube, dass sie mich irgendwann töten werden.“ Die deutsche Polizei hält ihn aktuell nicht für gefährdet. Aber die Bedrohungen sind keine Schimäre. Viele Musiker aus Najafis Band und auch sein Manager haben aufgehört, für ihn zu arbeiten, weil sie Angst hatten.

Immer wieder fordert Najafi in seinen Liedern die Gleichberechtigung der Frau, die Reformation des Islam, eine Entfesselung der verängstigten iranischen Gesellschaft. Er sei in seiner Kritik zu laut, zu verletzend, sagen viele. „Angst beherrscht den Geldmarkt, Angst bestimmt die Religion. Angst vor dem IS haben alle. Angst kommt daher, dass wir alles haben wollen: Geld, Glück, Sicherheit, ewiges Leben“, sagt er. „Aber wir müssen die Angst überwinden.“ Er spricht manchmal fast wie Papst Franziskus.

Shahin Najafi und Aviv Geffen haben sich nah gefühlt, als sie sich im November 2016 das erste Mal trafen. Sie denken ähnlich radikal, sie sind beide traumatisiert. Geffen stand neben Jitzchak Rabin, als der damalige israelische Ministerpräsident 1995 nach einer Friedenskundgebung vor 150.000 Menschen in Tel Aviv erschossen wurde. Der Mörder hatte sich als Geffens Fahrer ausgegeben. Seine Musik hat er seit dem Mord an Rabin der Versöhnung verschrieben und der Kritik an abgrenzender Territorialpolitik.

Anfangs hat er für seine auch militärkritische Haltung Todesdrohungen erhalten, inzwischen kritisiert er Regierungschef Netanjahu jede Woche in der Talentshow „The Voice Israel“, in der er einer der Juroren ist. In der deprimierenden Kulisse des Fernsehstudios sagt er: „Natürlich gibt es unfassbare Ungerechtigkeiten und Schmerzen auf beiden Seiten. Trotzdem glaube ich, dass wir alle Menschen sind, die friedlich leben wollen.“

In Jerusalem ist ein Bodyguard an Najafis Seite. Vor der Grabeskirche zieht er die Schuhe aus, schnappt sich ein Holzkreuz, schultert es und geht los. Er hat einen Hang zur Inszenierung. Als Najafi in die Grabeskirche geht, bleibt sein Aufpasser draußen. Eine halbe Stunde später steht Najafi mit Kippa auf dem Haupt inmitten von Hunderten orthodoxen Juden vor der Klagemauer und schweigt.

Wenn man ihn später mit dem Vorwurf konfrontiert, religiöse Gefühle zu verletzen, sagt er: „Kunst versteht keine Grenze, glaube ich.“ Er fühle sich oft missverstanden. „Es stimmt nicht, dass ich gegen Religion bin. Ich respektiere jede Art von Religion – solange sie nicht mit Gewalt durchgesetzt wird oder von der Politik missbraucht wird.“ Als Jugendlicher wollte Najafi Imam werden. „Je mehr ich las, desto mehr hat mir die Religion als Staatsdoktrin Angst gemacht.“

Drei Stunden vor Konzertbeginn im Conference-Center von Tel Aviv steht Najafi ein Schweißfilm auf der Stirn. Er tigert in seiner Künstlergarderobe herum und übt die Botschaft ein, die er auf Englisch verlesen wird: „An alle Trumps und Netanjahus: Hört auf, Menschen zu trennen, bevor es zu spät ist. Wir trennen nicht, wir brechen Mauern.“

Geffen und Najafi singen den Hope-Song, Arm in Arm. 6000 junge Menschen singen den hebräischen Teil mit. Najafis Rede wird bejubelt. In den sozialen Netzwerken bedanken sich Hunderte Fans, ein paar drohen und verwünschen die zwei. Die Musiker sind zufrieden. „Es geht jetzt darum, einen gemeinsamen Song zu machen“, sagt Geffen. „Wir werden weiter gegen die Angst ansingen. Tel Aviv war der Anfang. Ich hoffe, dass Bob Geldorf, Peter Gabriel oder Brian Eno uns für eine gemeinsame Single unter ihren Schirm holen.“ Najafi wäre schon zufrieden, wenn es überhaupt weitergeht. Die Zusammenarbeit, und: sein Leben.

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