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Wenigstens sie können noch ungehindert um Stimmen werben: Anhänger von Imran Khan und seiner PTI in Karachi.

Pakistan

Anschläge überschatten Wahl in Pakistan

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Die Pakistaner bestimmen ein neues Parlament. Die Taliban leisten mit einer Terrorkampagne den religiösen Parteien Schützenhilfe. Auch am Tag der Abstimmung explodieren Bomben.

Die Pakistaner bestimmen ein neues Parlament. Die Taliban leisten mit einer Terrorkampagne den religiösen Parteien Schützenhilfe. Auch am Tag der Abstimmung explodieren Bomben.

Der korpulente Mann tastet sich vorsichtig die Stufen zum ersten Stock hinauf. Eine einsame Lampe taucht die Treppe in ein schummriges Licht, doch sie nutzt ihm nichts, denn seine Augen sind mit einem Turban verbunden. Es sieht fast zartfühlend aus, wie ein kraftstrotzender Polizist den gerade verhafteten Mann in eine Zelle führt. Beim Verhör wenig später wird der Umgang weniger nett sein. Der Mann gilt als gefährlicher Feind: Er soll zum pakistanischen Taliban-Verband TTP gehören, der Anfang April „den sogenannten säkularen Kräften in Karachi“ den Krieg erklärt hat. Für ihn ist der Feldzug für die Talibanisierung der Stadt und des Landes nun vorzeitig zu Ende gegangen.

Die Vernehmung leitet Aslam Khan, der gefürchtete Chef der Extremismus-Einheit der Kriminalpolizei. Der weißhaarige Mann mit dem kräftigen Vollbart verlangt Namen, und er will wissen, wo sich andere Extremisten versteckt halten. „Die Taliban brauchen die Kriminellen von Karachi, und die Gangster brauchen die Extremisten. Dank ihrer Kooperation haben beide eine verlässliche Organisation in Karachi, die durch Erpressung viel Geld einnimmt und ihnen Anschläge ermöglicht“, sagt der Polizeichef, der selbst einmal sechs Monate in Untersuchungshaft verbrachte, weil er willkürlich einen Bauern erschossen haben soll.

In der Zentrale der Extremismus-Einheit herrscht wenige Tage vor der Parlamentswahl am 11. Mai Hochbetrieb. Landesweit hat es in den vier Wochen des Wahlkampfes mehr als 40 Anschläge und Angriffe auf Versammlungen, Wahlbüros, Sympathisanten und Kandidaten gegeben. Mehr als hundert Menschen verloren ihr Leben. Zwei Tage vor der Wahl haben nun bewaffnete Männer einen Sohn von Ex-Premier Yousuf Raza Gilani entführt. Syed Ali Haider Gilani, der für die Volkspartei PPP kandidiert, war laut Polizei auf einer Wahlkampfveranstaltung in seiner Heimatstadt Multan. Angreifer erschossen seinen Manager ,zwangen ihn selbst in ein Auto. Gilanis Schicksal ist ungewiss. In Karachi wurden unlängst ein Politiker und sein sechsjähriger Sohn erschossen.

Ein Land im Niedergang

Kettenraucher Khan, der bereits fünf Anschläge überlebte, schickt nach einem Hinweis die nächste Streife los. Mit Heckler&Koch-Gewehren aus deutscher Produktion und schusssicheren Westen jagen die Beamten durch eine Stadt, von deren 20 Millionen Einwohnern sich um Mitternacht kaum einer auf die Straße traut. Die meisten Straßenlaternen funktionieren nicht, ab und an leuchtet die Neonreklame einer Bank auf. Hunde streunen zwischen Abfalltüten.

Es ist ein Land im Niedergang, das am Sonnabend seine Volksvertreter wählen wird. Stromausfälle gehören zum Alltag der Atommacht Pakistan, in Fabriken steht die Produktion still, immer wieder muss der Verkauf von Treibstoff rationiert werden. In diesen Zeiten der Krise richten immer mehr Pakistaner nicht nur in Karachi ihre Hoffnungen auf konservative und religiöse Parteien: Umfragen zufolge gewinnen die Muslimliga (PML-N) von Ex-Premier Nawaz Sharif und die Gerechtigkeitsbewegung (PTI) des populären früheren Kricketstars Imran Khan an Zuspruch. Der war am Dienstag bei einer Wahlveranstaltung von einer Bühne sechs Meter tief gefallen, hatte sich drei Wirbel gebrochen und wirbt nun aus dem Krankenhaus um Wähler.

Die Taliban leisten ihnen mit ihrer Terrorkampagne gegen säkulare Parteien Schützenhilfe. Die bislang in Islamabad regierende Volkspartei (PPP), deren Ikone Benazir Bhutto 2007 ermordet wurde, traut sich kaum noch, ihre Anhänger auf die Straße zu holen, sie präsentiert nicht einmal einen Spitzenkandidaten. Die MQM, die Partei der aus Indien zugewanderten Mohajir, hat weit um ihr Hauptquartier Straßensperren errichtet – und doch nicht verhindern können, dass am vergangenen Wochenende zwei Bomben der Taliban in der Gegend explodierten. Auch die unter den Paschtunen beliebte Awami-Liga (ANP) riskiert keine öffentlichen Versammlungen mehr. „Wir haben keinen Wahlkampf, hier herrscht Krieg“, sagt Bashir Jan, Regionalchef der Partei.

In manchen Gegenden Karachis sind die Extremisten mittlerweile so stark, dass sie sich nicht einmal mehr verstecken. Rund um den ältesten Sufi-Schrein der Stadt zum Beispiel. Im Inneren der Moschee von Mangho Pir haben Krähen das Kommando übernommen. Aufgeregt flattern sie um die Köpfe der wenigen Besucher. Ein offenes Fenster erlaubt einen Blick auf die „Läuse des Heiligen“: Bis zu drei Meter lange Krokodile schlummern bewegungslos im schmutzigen Wasser eines Teichs . Einer Sage zufolge verwandelte ein frommer Mann, der den Schrein besuchte, die Tiere einst aus Ungeziefer in Reptilien. Weil die Taliban aber derartige Geschichten für Götzendienst halten, bedrohen sie die Gläubigen, die heute noch nach Mangho Pir pilgern.

Erst das Halbfinale

In der Umgebung der Moschee wehen Fahnen der verbotenen Extremistentruppe Sipah-e-Sabah, die im vergangenen halben Jahr fast 400 Schiiten im Land ermordete, am Sonnabend jedoch unter geändertem Namen an der Wahl teilnehmen darf. Hier und da ist auch eine schwarz-weiße Taliban-Flagge zu sehen.

Während sich die Kandidaten von PPP oder ANP nur mit Leibwächtern in die Öffentlichkeit wagen, haben die Bewerber der religiösen Parteien derartige Sicherheitsvorkehrungen nicht nötig. Gelassen steht Sobhan Ali Sahil, der für Imran Khans PTI ins Parlament einziehen will, im Stadtteil Keamari am Straßenrand. Die Zigarette im Mundwinkel, gibt er Anweisungen für einen Autokorso. „Unser Problem Nummer Eins ist die Außenpolitik, ist unsere Abhängigkeit vom Ausland“, sagt der 47-jährige Bauunternehmer. „Korruption ist unser größtes innenpolitisches Problem.“ Und die Bedrohung durch islamistische Extremisten? „Die Taliban haben doch recht mit ihren Forderungen“, erwidert der Kandidat. „Wir müssen ihnen zuhören und mit ihnen verhandeln.“

„Wir leben im Belagerungszustand“, sagt mutlos die MQM-Vorsitzende Nasreen Dschalil. „Wir, die säkulären Kräfte, verlieren im Rennen gegen die Taliban.“ Für die Fundamentalisten sei die Wahl am Sonnabend „nur ein Halbfinale“, erklärt die 69-jährige Senatorin. „Jetzt sorgen sie dafür, dass die Kandidaten ihrer Verbündeten von der PTI und der Muslimliga ins Parlament einziehen. Zur nächsten Wahl treten sie dann selber an.“

Wahl von Gewalt überschattet

Auch am Tag der Abstimmung explodierten Bomben. Bei einem Sprengstoffanschlag in der südpakistanischen Wirtschaftsmetropole Karachi wurden nach Krankenhausangaben mindestens elf Menschen getötet und 36 verletzt. Ziel sei ein Büro der paschtunischen Regionalpartei ANP gewesen, sagte ein Polizeisprecher. In der nordwestpakistanischen Stadt Peshawar seien bei einem Bombenanschlag nahe eines Wahllokals acht Menschen verletzt worden, sagte der Chef des Lady-Redding-Krankenhauses, Iqbal Afridi.

Informationsminister Arif Nizami verurteilte die Gewalt. „Leider ist sie erwartet worden“, sagte er. Die ANP und andere weltliche Parteien waren im Wahlkampf immer wieder von den pakistanischen Taliban (TTP) angegriffen worden. Die TTP hält die Wahl für „unislamisch“. (mit dpa)

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