Tunesien

Anschläge in Tunis

  • schließen

Zwei Selbstmordattentäter zünden Bomben.

Tunesiens Bevölkerung erlebte am Donnerstag einen doppelten Schock. Erst erschütterten zwei zeitgleich verübte Selbstmordanschläge die Hauptstadt Tunis, bei denen mindestens zwei Menschen starben und acht verletzt wurden. Dann teilte der Präsidentenpalast mit, der 92-jährige Staatschef Beji Caid Essebsi sei in kritischem Zustand ins zentrale Militärkrankenhaus eingeliefert worden. Neuwahlen für das Präsidentenamt sind bisher für Mitte November geplant.

Zu den beiden Terrortaten erklärte das Innenministerium, ein Attentäter habe sich auf dem Boulevard Bourguiba in die Luft gesprengt. Der Tatort liegt im Herzen von Tunis nahe der Altstadt, wo sich ein großes Kaufhaus aus der französischen Mandatszeit befindet. Die Explosion galt einem weißen Pritschenfahrzeug der Polizei, wie Fotos zeigten. Der umliegende Bürgersteig war übersäht mit Leichenteilen des Terroristen. Entlang der populären Prachtstraße, auf der neben Einheimischen auch Touristen gerne flanieren, befinden sich viele Cafés, Restaurants und Geschäfte.

Der zweite Attentäter nahm zehn Minuten später eine im Stadtteil Al-Gorjani gelegene Kaserne der Nationalgarde ins Visier, deren Mitglieder für den Antiterrorkampf zuständig sind. Er versuchte offenbar, sich einem Hintereingang zu nähern, bevor er den Sprengstoffgürtel zündete. Auf dem Boulevard Bourguiba hatte es bereits im Oktober 2018 einen ähnlichen Anschlag auf Polizisten gegeben mit 26 Verletzten. Damals kam außer der Attentäterin niemand ums Leben.

Die neuerlichen Terrortaten und der offenbar sterbenskranke Präsident könnten Tunesien in den nächsten Wochen vor gewaltige Herausforderungen stellen. Die wirtschaftliche Lage ist nach wie vor prekär. Die politischen Verhältnisse sind gezeichnet von Misstrauen, Grabenkämpfen und Stillstand. Und die beiden Selbstmordanschläge von Tunis ereigneten sich fast genau vier Jahre nach dem Attentat von Sousse, als am 26. Juni 2015 ein Fanatiker Badegäste an einem Hotelstrand unter Feuer nahm und 39 von ihnen tötete.

Als Folge brach der tunesische Tourismus ein. Viele Hotels mussten schließen. Zehntausende Beschäftigte verloren ihre Arbeit. Von den Folgen der Krise hat sich Tunesien gerade erst erholt. Für diesen Sommer, dessen Hochsaison in der nächsten Woche beginnt, verbuchen tunesische Reiseveranstalter erstmals wieder Gästezahlen wie vor Sousse, ein Erfolg, der durch Terroranschläge schnell wieder zunichte gemacht werden könnte. Allerdings wurden die Vorkehrungen in den vergangenen Jahren erheblich verbessert. Entlang der Hotelstrände patrouillieren Tag und Nacht Sicherheitskräfte. Hubschrauber und Polizeiboote überwachen die Küsten.

Doch die Terrorgefahr ist keineswegs gebannt. Erst im März veröffentlichte die Terrormiliz „Islamische Staat“ ein Propagandavideo, das vermummte Dschihadisten in der unwegsamen Bergregion des tunesisch-algerischen Grenzgebiets zeigt, einer von ihnen bewaffnet mit einem österreichischen Sturmgewehr. Im Juli 2018 lockten dort Terroristen sechs Mitglieder der Nationalgarde in einen Hinterhalt und erschossen sie. In dem Gebiet operieren neben den „Soldaten des Kalifats“ auch Fanatiker von „Al-Kaida im Maghreb“. Etwa 3000 Tunesier hatten sich seit Mitte 2014 der IS-Terrormiliz in Irak, Syrien und Libyen angeschlossen, bezogen auf die Gesamtbevölkerung mehr als in jeder anderen Nation der Welt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion