TV-Kritik

ZDF-„Klartext“: Baerbock erwischt die Wut ausgewählter Gäste

Von Mirko Schmid

Annalena Baerbock ging als Gast der ZDF-Sendung „Klartext“ durch ein Stahlbad.

Annalena Baerbock erlebt in der ZDF-Sendung „Klartext“ ein Stahlbad. Ein Wunder, dass sie einigermaßen schadlos herauskam. Die TV-Kritik.

Frankfurt/Berlin – Annalena Baerbock hat aktuell keine leichte Zeit. Als Kanzlerkandidatin, die versucht, erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik mit den Grünen ein Kanzleramt zu erobern, das stets fest in der Hand von Christ- oder Sozialdemokraten war, hat sie einen Kampf angenommen, der skeptisch beäugt wird. Auch an diesem Abend im ZDF wirkte es fast schon wie ein Tribunal für Baerbock und selbst die Moderation aus Bettina Schausten und Peter Frey schien im Rahmen ihres Formats „Klartext“ eine geradezu diabolische Freude daran zu haben, die Grüne zu grillen.

Das ist an sich erst einmal nichts, das es zu kritisieren gälte. Im Gegenteil: Ein Sprichwort aus dem angelsächsischen Sprachraum lautet, dass niemand in die Küche gehört, dem es am Herd zu heiß wird. Vergleicht man jedoch das Frageschema und -muster dieser Ausgabe des ZDF-„Klartext“ etwa mit dem weitaus faireren Format „Wahlarena“ der ARD, dann fällt doch schnell auf, worauf diese Art der Befragung hinauslaufen soll. Denn im Gegensatz zur „Wahlarena“ werden die Fragenden im Publikum nicht nach einer eher zufälligen Auswahl drangenommen, was im besten Fall zu einer Dynamik führen kann, wie einen Abend zuvor, als die „Wahlarena“ mit Armin Laschet sehr ausgewogen daherkam. Nein, beim ZDF-„Klartext“ dienen die Fragenden eher als Aushängeschilder für ihre jeweiligen Themenfelder, handverlesen, ausgesucht und nach klarer Linie orchestriert, dürfen sie ihre Sätzchen aufsagen, werden zum Teil sogar zuvor noch per Einspieler vorgestellt. Spontan ist hier gar nichts.

Annalena Baerbock zu Gast bei ZDF-„Klartext“: Gescripteter Ablauf statt Dynamik

Vielmehr dienen die Auserwählten als Staffage für genau die Reihenfolge von Fragen und Vorwürfen, welche sich die ZDF-Redaktion im Vorhinein gemäß eines wenig subtilen Scripts zurechtgelegt hat. Es wäre unfair, diese ja durchaus besorgten Menschen als Handpuppen zu bezeichnen, aber dem ZDF-„Klartext“ geht so einfach das Authentische, auch einmal Unberechenbare der „Wahlarena“ gänzlich ab.

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Das zeigte sich gleich zu Anfang. Die ersten drei Fragenden: Ein älterer Herr, der sich Sorgen um Arbeitsplätze in der Kohleindustrie macht und neidisch auf das nur wenige Kilometer weg von seinem Zuhause liegende Polen schaut, wo fröhlich weiter CO2 in die Luft geblasen wird. Dann eine, ebenfalls ältere, Landwirtin, die sich darüber beschwerte, dass Massentierhaltung verteufelt wird. Und direkt im Anschluss auch noch ein zwar eloquenter, aber auch äußerst passiv-aggressiver Aktivist der Anti-Windkraft-Bewegung.

Annalena Baerbock wurde also aus dem Stand mit der Wut jener konfrontiert, die es mit den Grünen und ihren Zielen eher nicht so halten. Gut, das kann man so machen. Vielleicht ist das sogar richtig, um die Ideen und Vorstellungen einer Kandidatin einem knallharten Realitätscheck auszusetzen. Schließlich müsste Baerbock, würde sie tatsächlich Kanzlerin werden, auch im Amt mit den Wünschen und Problemen von Menschen klarkommen, denen die Einhaltung von Klimazielen nicht das Wichtigste ist.

ZDF-„Klartext“ mit Annalena Baerbock: Das Problem ist der Egoismus

Vor allem zeigten diese ersten Gespräche aber, wo das Grundproblem liegt. Und zwar nicht das der Kanzlerkandidatin, sondern das der bundesdeutschen Gesellschaft, nur wenige Tage vor der Bundestagswahl 2021. Das Problem nämlich ist, dass so ziemlich gar niemand auch nur zu verstecken versucht, dass ihm das Hemd näher ist als die Hose. Dass künftige Generationen ruhig unter menschenfeindlichen klimatischen Bedingungen leben dürfen, solange heute der Sprit keine zwei Euro pro Liter kostet.

NameAnnalena Charlotte Alma Baerbock
ParteiBündnis 90/Die Grünen
PositionenBundesparteivorsitzende
Mitglied des Bundestages
Alter40 Jahre (15. Dezember 1980)
GeburtsortHannover, Niedersachsen

Solange das eigene, wie es der Windkraftanlagengegner nannte, kleine, schöne, funktionierende Dorf nur von diesen grässlichen Windrädern verschont bleibt, die ja schon bis auf einhundert Meter herangerückt sind. Und so grausam für die „Kulturlandschaft“. Absolut auf den Punkt brachte er diese Form der Ich-Fixierung, als er forderte, dass die Herren Markus Söder und Armin Laschet doch in „ihrem schönen Bayern und Nordrhein-Westfalen“ Windräder bauen sollten. Klar, diese Forderung ist legitim. Es ist, das sagte auch Baerbock, eine absolute Ungerechtigkeit, wenn sich etwa die Münchener Stadtwerke an Strom aus dem Norden bedienen müssen, weil die CSU ihren konservativen Wählerschichten im Land keine Windräder zumuten möchte.

Aber auch das zeigt wieder einmal auf, dass es kein gemeinsames Projekt, kein An-einem-Strang-Ziehen gibt in diesem Land. Die Windräder sollen nämlich gefälligst immer da stehen, wo man sie nicht sehen muss. Bei den anderen. Nicht vor dem eigenen Garten. Und der Spritpreis muss niedrig bleiben, damit man selbst gut zur Arbeit kommt. Die es in wenigen Jahrzehnten dann vielleicht für die nächste Generation aber gar nicht mehr gibt, wenn der Klimawandel erst einmal in aller Härte zugeschlagen hat. Man erkundige sich bei den Menschen aus den Flutgebieten. Von denen übrigens nicht allzu viel zu hören war an diesem Abend.

Nur eine junge Aktivistin denkt bei ZDF-„Klartext“ mit Annalena Baerbock an künftige Generationen

Die einzige Stimme im weiten Rund, die sich für mehr Klimaschutz aussprechen durfte, war eine junge Aktivistin. Stellvertretend für ihre und viele nachfolgende Generationen mahnte sie richtigerweise an, dass selbst das Wahlprogramm der Grünen nicht ausreicht, um ihrer Generation eine Zukunft zu versprechen, die nicht in einer einzigen Naturkatastrophe endet.

Anschließend ging es aber, ganz wie zuvor, gemäß dem verbalen Dresscode dieser egozentrisch-schaurigen Mottoparty weiter. Ein Clubbetreiber aus Frankfurt forderte das Ende der 2G-Regel, weil sie seinem Geschäft schadet und er es sei, der den „Shitstorm“ abbekäme. Und das, obwohl kurz zuvor ein von Long Covid schwer getroffener Mann erzählen musste, dass er von „Querdenkern“ beleidigt und als Simulant gebrandmarkt wird, seit er seine Geschichte öffentlich erzählt.

Annalena Baerbock blieb hier konsequent, setzte sich glaubwürdig für das Impfen ein und erneuerte ihre berechtigte Forderung, wonach jene, die mit ihrer Impfung einen Beitrag leisteten, für sich und andere, nun ihre Freiheiten zurückerlangen müssten. Anders eben als jene, die sich dafür entschieden, keinerlei Verantwortung zu übernehmen – und im hässlichsten Fall auch noch andere wirr querdenkend dafür angreifen, dass diese mehr Gemeinschaftssinn haben.

ZDF-„Klartext“ mit Annalena Baerbock: Das alte Lied von der „Sprachdiktatur“

Doch es gab auch berechtigtere Sorgen, die zur Sprache kamen. Eine Migrantin, die vor vielen Jahren aus dem Libanon eingewandert war und nun geflüchteten Frauen die deutsche Sprache beibringt, forderte mehr Geld für Integrationskurse. Schließlich, so sagte sie, wollten diese Menschen auch lernen, seien arbeitsfähig und arbeitswillig. Baerbock stimmte ihr zu und kritisierte die Bundesregierung dafür, Gelder für Programme genau dieser Art herunterfahren zu wollen.

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Ein äußerst sympathischer und engagierter Gesamtschullehrer prangerte völlig zu Recht an, dass es an den Schulen an so ziemlich allem fehlt: an genügend Lehrkräften, an Mitteln für Gebäudesanierungen, sogar an Luftfiltern. Auch ihm pflichtete Baerbock bei und forderte vehement, dass der Bund sich endlich an der Finanzierung der Bildung beteiligen müsse. Und ein Ortsvorsteher aus dem östlich-ländlichen Raum verlangte mehr öffentlichen Personennahverkehr. Eine legitime Forderung, der auch Baerbock nicht widersprechen wollte.

Doch dieses konstruktive Niveau konnte (oder wollte) das ZDF nicht lange halten. Stattdessen durfte eine per Telefon zugeschaltete Frau aus Sachsen irgendwas von wegen Sprachdiktatur und Gendern und Frauenquoten und so loswerden und den hinlänglich bekannten und breitgetretenen Fakt in den Raum werfen, dass eine moderne Sprache alleine nicht ausreicht, um mehr Gleichberechtigung zu schaffen. Baerbock stimmte ihr konsequenterweise zu, erinnerte sie aber auch daran, dass es sich bei einer inklusiven Art des Redens nicht um eine große politische Frage handelt, sondern schlichtweg um ein Gebot der Höflichkeit.

„Klartext“ im ZDF: Annalena Baerbock belehrt junges AfD-Mitglied über Menschenrechte

Und dann kam eine junge Frau dran, deren Eltern, wie sie sagte, als Katholiken aus dem kommunistischen Vietnam geflohen waren. Ihr Beitrag zur Debatte ist schnell auserzählt. Sie ist nun in der AfD und hat Angst davor, dass mit einer „unkontrollierten Masseneinwanderung“ (tatsächlich liegt die Quote in Deutschland lebender Geflüchteter aktuell im unteren einstelligen Prozentbereich) ganz viele Vergewaltiger ins Land kämen. Als Frau, sagte sie, habe sie da natürlich Angst. Ob Baerbock denn nicht auch dafür sei, fragte sie, sich von Einwanderung aus überwiegend muslimischen Ländern abzuschotten.

Hier hatte die Grüne Kanzlerkandidatin ihren stärksten Moment. Sie blieb standhaft dabei, der jungen Frau zu erklären, dass das Recht auf Asyl nun einmal ein Menschenrecht ist. Und in einem Rechtsstaat wie Deutschland das Völkerrecht gilt, wonach niemand in Regionen abgeschoben wird, in denen Verfolgung, Mord und Todesstrafe drohen. Und klar, ergänzte Baerbock, müsse in einem Rechtsstaat schlichtweg der ins Gefängnis, der kapitale Verbrechen begehe. Vollkommen unabhängig von der Herkunft des Opfers, vollkommen unabhängig von der Herkunft des Täters.

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Den stärksten Applaus des Abends erhielt sie, als sie das junge AfD-Mitglied darauf hinwies, dass der überwältigende Großteil von Gewalttaten an Frauen nicht von, wie es die Spitzenkandidatin der Rechtspopulisten einmal sagte, „alimentierten Messermännern“ begangen wird. Sondern von Partnern und Ehemännern in den gemeinsamen, eigenen vier Wänden. Das war der jungen Frau aber egal, die ihre vorgefertigte Meinung noch einmal kundtat: „Die Angst konnten sie mir nicht nehmen.“

Annalena Baerbock präsentiert sich bei ZDF-„Klartext“ als Kandidatin des Aufbruchs

Seinen Tiefpunkt erreichte dieser Abend im ZDF, als die Moderation, namentlich Chefredakteur Peter Frey, wieder mit dem angenagten Nicht-Argument um die Ecke kam, wonach ja alle bisherigen Bewohner des Kanzleramts (mit Ausnahme von Konrad Adenauer) viel erfahrener als Baerbock und mindesten schon einmal Ministerpräsident oder Ministerin gewesen seien. In einem Land, in dem vor allem ältere Generationen die Politik bestimmen und in dem die Bevölkerungspyramide zielsicher auf den Kopf gestellt wird, vielleicht eine passende Frage für das angepeilte Zielpublikum. Und doch schlichtweg politisch inhaltslos.

Baerbock drehte den Spieß aber umgehend herum und betonte, dass gerade sie für Aufbruch und einen frischen Wind in der Politik stehe, anders als die politischen Ü-60-Schlachtrösser Olaf Scholz und Armin Laschet von den Regierungsparteien SPD und CDU. Und warf ihre „klare Vision, wie wir Deutschland erneuern können“ und ihre Tatkraft in die Waagschale.

ZDF-Klartext

Mit Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen). Erstausstrahlung Do., 16. September 2021, 20.15 Uhr, ZDF.

Natürlich blieb ihr auch ein Nachhaken bezüglich der weggelassenen Quellenangaben in ihrem Buch nicht erspart. Angesichts einer drängenden Menschheitsaufgabe wie der katastrophalen Erderwärmung natürlich ein ganz heißes Eisen, quasi das wichtigste Thema im Land. Gut, dass es die Moderation nicht vergaß, anzusprechen. Seltsam nur, dass Armin Laschet bisher weitgehend verschont davon blieb, seinerseits darauf angesprochen zu werden, wie er es denn mit den Plagiaten in seinem eigenen Buch hält.

„Klartext“ im ZDF mit Annalena Baerbock: Fast niemand schaut über den Tellerrand

Geschenkt. Was von diesem Abend im ZDF bleibt, das ist die traurige Erkenntnis, dass die meisten Deutschen vor Wahlen nicht über den Tellerrand hinausschauen wollen oder gar können. Zumindest, solange die vom ZDF ausgesuchten Fragenden einigermaßen repräsentativ für dieses Land stehen. Dass das Leben im Hier und Jetzt mit all seinen Annehmlichkeiten für all jene so viel wichtiger ist, als das Überleben künftiger Generationen.

Umso passender, dass just am Ende der Sendung erst ein älterer Herr über zu wenig Rente klagen und direkt darauf ein junger Mann fragen durfte, wie es denn um seine Rente in einigen Jahrzehnten stünde. Annalena Baerbock bediente beide Sorgen und forderte eine höhere Rente bei einem gleichzeitig nicht steigenden Rentenbeitragsniveau. Wie sie das finanzieren will, zumal in einer Regierung mit einem viermal täglich gen Ausgabensenkung betenden FDP-Chef Christian Lindner, bleibt abzuwarten. (Mirko Schmid)

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