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Türkische Panzer auf dem Marsch zur syrischen Grenze.

Türkei

Ankaras gefährlicher Olivenzweig

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Die Türkei marschiert in Syrien ein, um einen zweiten kurdischen Quasi-Staat zu verhindern.

Die Türkei hat am Wochenende im Nordwesten Syriens einen neuen Kriegsschauplatz eröffnet. Wie seit Tagen von der Regierung angekündigt, wurde die kurdische Enklave Afrin seit Samstag zunächst von Kampfjets und Artillerie beschossen und dann auch am Boden angegriffen. Die Bodenoffensive wurde zunächst von syrischen Verbündeten der Türkei aus der Freien Syrischen Armee (FSA) vorangetrieben. Unklar ist, ob auch türkische Soldaten mitkämpfen. Während die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu gegen Sonntagmittag entsprechende Bilder vom Einmarsch publizierte, widersprachen Sprecher der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) der Meldung. Die mit den USA verbündete YPG-Miliz ist das Ziel der Türken, die die YPG als „Terrorarmee“ bezeichnet, weil sie ein Ableger der kurdischen Arbeiterpartei PKK sind.

Die „Operation Olivenzweig“ solle eine 30 Kilometer breite „Sicherheitszone“ an der Grenze zur Türkei schaffen, erklärte der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim am Sonntag. Türkische Kampfflugzeuge hätten mindestens 153 Stellungen der YPG bombardiert. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete von heftigen Kämpfen zwischen türkischen Truppen und Einheiten der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), einer multiethnischen Allianz unter Führung der YPG. Nach übereinstimmenden Meldungen erwiderten die Kurden das türkische Artilleriefeuer. Den Bombardierungen, die am Sonntag weitergingen, fielen bis dahin drei YPG-Kämpfer und sechs Zivilisten zum Opfer. In der türkischen Grenzprovinz Kilis schlugen nach Angaben von Anadolu am Morgen drei Raketen aus Syrien ein. Eine Person sei leicht verletzt worden.

Die Türkei hat laut Anadolu mehrere Grenzübergänge geöffnet, damit Menschen vor den Gefechten fliehen können. Präsident Erdogan sagte am Sonntag: „Hoffentlich werden wir diese Operation in sehr kurzer Zeit abschließen.“ Er sagte, Ziel sei auch, Afrin den Arabern, „seinen Besitzern“, zurückzugeben.

Die Türkei fühlt sich vom Aufbau eines zweiten Quasi-Kurdenstaates wie im Nordirak an der türkisch-syrischen Grenze und wegen dessen PKK-Nähe bedroht. Den Anlass für die Intervention lieferte die amerikanische Ankündigung, zusammen mit den Kurden eine 30 000 Mann starke Grenzschutztruppe.

„Olivenzweig“ ist der dritte Feldzug der Türken in Nordsyrien nach der Offensive „Euphratschild“ vom Herbst 2016 gegen den „Islamischen Staat“ in Dscharablus und Al Bab, sowie in der Provinz Idlib 2017. Wie „Euphratschild“ stützt sie sich vor allem auf syrische Rebellen, von denen angeblich rund 10 000 an der „Operation Olivenzweig“ teilnehmen. Ihnen sollen bis zu 20 000 Kurden gegenüberstehen.

USA unterstützen die Verteidiger von Afrin nicht

Anders als „Euphratschild“ richtet sich diese Invasion gegen eine kampferprobte Truppe, die ihr ethnisches Kernland verteidigt und den IS aus Syrien vertrieben hat. Beobachter erwarten in Afrin starken Widerstand. Der kurdische Kanton um die 200 000-Einwohner-Stadt blieb bisher weitgehend verschont vom syrischen Bürgerkrieg. Bis zu 800 000 Syrer haben sich dorthin gerettet.

Der „Olivenzweig“ birgt viele Risiken. So ist unklar, wie die Kurden in der Türkei und die PKK auf die Offensive gegen ihre syrischen Verwandten reagieren. Erdogan warnte sie alle am Sonntag vorsorglich vor Protesten: „Wo immer ihr auf die Straße geht, sitzen euch die Sicherheitskräfte im Nacken.“ Riskant ist der Feldzug auch außenpolitisch. Zwar gab Moskau, das den Luftraum über Afrin kontrolliert, den Türken offenbar grünes Licht. Auch sieht man die steigenden Spannungen zwischen der Türkei und den USA in Russland sicher nicht ungern. Trotzdem teilte Moskau mit, dass man das Vorgehen mit Sorge betrachte.

Die USA wiederum haben zwar mit Rücksicht auf die Türkei erklärt, dass Afrin außerhalb ihrer Einflusssphäre liege und unterstützen die Verteidiger von Afrin offiziell nicht. Das könnte sich aber rächen, wenn sie die Kurden damit in die Arme Assads – und letztlich ihres Erzfeindes Irans – trieben.

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