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Die Situation in den Einrichtungen ist für die Bewohner wie für die Beschäftigten belastend.

Stephan Antfang

„Die Angst wächst“

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Seniorenheim-Leiter Stephan Antfang über den Druck auf Pflegekräfte, den Umgang mit dem Tod und die Wirkung der Berichterstattung.

Stephan Antfang, geboren 1963, leitet in Ochtrup im Münsterland zwei Seniorenheime der Caritas.

Herr Antfang, Sie leiten zwei Altenheime. Wie wirkt sich die Corona-Krise in Ihren Heimen aus?

Es ist eine extreme Belastung für alle Bewohnerin*nen und die Kollegin*nen. Jeder Tag ist neu, jede Situation muss neu bewertet werden. Das Gestern zählt im Grunde nicht. Wir schauen auf den Tag und entscheiden an diesem nach bestem Wissen und Gewissen. Wir versuchen zudem, das möglichst professionell zu tun und auch unseren pflegerischen Standard hochzuhalten.

Wenn ganze Heime unter Quarantäne gestellt werden, dann bedeutet das letztlich, dass Infektionen nur von Mitarbeitern ins Haus getragen werden können. Wie gehen Ihre Mitarbeiter mit dieser Belastung um?

Stephan Antfang.

Da wir bereits seit dem 13. März ein generelles Besuchsverbot haben, war allen Kolleg*innen nach 14 Tagen klar, dass nur noch wir und die ins Haus kommenden Hausärzte das Virus ins Haus tragen können. Das löste bei allen Beteiligten Ängste aus. Und natürlich stellten sich die Kollegin*nen auch die Frage: „Bin ich schuld, wenn ich Corona ins Haus trage und Menschen deshalb sterben?“ Zum Thema Angst hat mir ein befreundeter Kinder- und Jugendpsychiater eine kurze Expertise geschrieben. Sie war beim Verständnis der Situation und der Kommunikation in den Häusern sehr hilfreich. Seitdem ist mir klarer als vorher: Angst als eine sehr starke Emotion kann durchaus gut sein, da sie aufmerksam und vorsichtig macht. Aber sie kann auch lähmen.

Sie sagten mir in einem Vorgespräch, dass Sie es als problematisch empfinden, wenn jeder neue Corona-Todesfall von alten Menschen von Medien vermeldet wird. Weil das den Druck auf Sie und Ihre Mitarbeiter erhöht? Weil Menschen in Altenheimen auch sonst sterben? Oder warum?

Natürlich sterben Menschen in Altenheimen. Und sie sollen auch möglichst bei uns sterben, würdevoll begleitet durch Angehörige, Kolleg*innen aus der Pflege, Palliativmediziner und auch durch den ambulanten Hospizdienst. Das klappt hier in Ochtrup sehr gut. Corona stellt uns zwar vor große Herausforderungen. Doch wir stellen uns dieser Herausforderung mit unserer ganzen pflegerischen Kompetenz – so wie wir es auch bei anderen Erkrankungen, die zum Tode führen, tun.

Aber?

Ich habe von einer Kollegin, die in ihrer Einrichtung leider Corona-Todesfälle zu beklagen hat, gehört, dass sie und ihre Kolleg*innen jeden Tod eines Bewohners, der an Corona verstorben ist, als persönliche Niederlage empfinden. Die täglichen Meldungen in den Medien verstärken dieses Empfinden noch – und das bei Kolleg*innen, die seit Wochen am Limit arbeiten, psychisch wie physisch. Insofern helfen sie uns nicht weiter, sondern verstärken eher den Druck, die Angst und das Schuldgefühl. Das gilt erst recht, wenn Staatsanwaltschaften in Heimen ermitteln, in denen es Corona-Ausbrüche gibt. Für mich fühlt sich das so an, als würden „Sündenböcke“ gesucht. All das führt dazu, dass in den Häusern Angst herrscht, Fehler zu machen. Und diese Angst wächst. Dabei sagte unsere Personalratsvorsitzende kürzlich vollkommen mit Recht: „Es sterben täglich Menschen, AUCH in Altenheimen – mit oder ohne Corona. Und es sterben täglich Menschen jeden Alters an ganz unterschiedlichen Krankheiten.“

Interview: Markus Decker

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