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Dietmar Ostermann ist Korrespondent der Frankfurter Rundschau in den USA.

Leitartikel

Angst vorm Showdown

Im Duell Clinton gegen Obama geht der Republikaner McCain unter. Noch nützt das Kopf-an-Kopf-Rennen den Demokraten. Aber ihr Alptraum wäre eine Entscheidungsschlacht auf dem Nominierungsparteitag. Von Dietmar Ostermann

Von Dietmar Ostermann

Dreimal stand Hillary Clinton schon am Abgrund. Dreimal kam sie als "Comeback Kid" zurück. Ihre jüngste Auferstehung und das vorläufige Ende der Siegesserie des Barack Obama bedeutet vor allem das: Amerikas spannendster Nominierungskampf seit Jahrzehnten wird noch eine Weile andauern, sehr lange vielleicht. Hillary Clinton hat mit ihren Siegen in den wichtigen Bundesstaaten Ohio und Texas Zeit gewonnen. Hätte sie verloren, wäre das Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der US-Demokraten entschieden gewesen. Die Partei hätte sie zur Aufgabe gedrängt, wenn das überhaupt nötig gewesen wäre.

Hillary Clinton ist Realistin genug, ihre Lage zu erkennen. Die bleibt kompliziert, denn nach elf Niederlagen im Februar liegt sie im Kampf um Delegiertenstimmen für den Nominierungsparteitag im August weiter zurück. Rein rechnerisch wird es schwer, den Rückstand in den verbleibenden Vorwahlen aufzuholen. Aber auch Obama kann sich aus eigener Kraft die Nominierung vorerst nicht sichern. Das psychologische "Momentum" der langen Siegesserie ist erst mal dahin.

Wie die Demokraten diese Pattsituation beenden, wird über ihre Chancen bei der Präsidentschaftswahl im November entscheiden. Ein Nachteil muss es nicht sein, wenn zwei starke Bewerber im internen Kampf weiter Leidenschaften wecken und Wähler mobilisieren. Bereits jetzt verfügen sowohl Obama als auch Clinton im Land über eine Wahlorganisation, von der der jetzt offizielle Kandidat der Republikaner, John McCain, nur träumen kann.

Im Schatten des in vielerlei Hinsicht historischen Demokraten-Duells war McCain schon in den vergangenen Wochen weitgehend aus dem Rampenlicht verschwunden. Daran dürfte sich vorerst auch wenig ändern.

Können die US-Demokraten ihren Zweikampf wie einst die SPD ihre Oskar-und-Gerhard-Show zu einem (vorübergehenden) versöhnlichen Ende führen, mag der Sieger gestärkt und gestählt daraus hervorgehen. Seit Dienstagnacht aber ist die Gefahr realer geworden, dass die Partei ihre guten Aussichten auf eine Rückkehr ins Weiße Haus im internen Machtkampf aufs Spiel setzt.

Mehr als McCain müssen die Demokraten derzeit ihre eigene Unfähigkeit fürchten, sich zwischen zwei außergewöhnlichen Kandidaten zu entscheiden. Selbst ein großer Showdown auf dem Parteitag in Denver ist kein unwahrscheinliches Szenario mehr. Zuletzt wurde 1952 ein Präsidentschaftskandidat erst auf dem Nationalkonvent ermittelt. Drei Wahlgänge brauchte es damals. Eine solche Zerreißprobe ist der Alptraum der Partei.

Dazu muss es nicht kommen. Nicht nur auf die Kandidaten, auch auf die Wähler steigt der Druck, sich endlich zu entscheiden. Die Lieblingsoption vieler Demokraten, ein Tandem Clinton/Obama oder Obama/Clinton, lässt sich nicht herbeiwählen. Wenn es um die Macht geht, kennen die USA nur Sieger und Verlierer. Freiwillig mit der Vizepräsidentschaft wird sich weder der eine noch die andere begnügen, solange realistische Aussichten aufs Weiße Haus bestehen - obwohl Hillary Clinton solche Spekulationen jetzt genährt hat.

Also geht der epische Kampf wohl weiter. Die Zukunft gehört Obama, doch das politische Ausnahmetalent muss die Menschen noch überzeugen, dass seine Zeit schon gekommen ist. Vor allem Ohio hat dem jungen Senator die Grenzen aufgezeigt: Wo Wähler sich, weil sie eine Rezession und sozialen Abstieg fürchten, große Träume nicht leisten können, reichen vage Hoffnungen nicht. Mitreißende Rhetorik und ein donnerndes "Ja, wir können es" treffen auf die nüchterne Frage: Wie? Was?

Hillary Clinton liefert darauf bislang die konkreteren Antworten. Auch sie hat, das wird manchmal vergessen, Emotionen und Begeisterung geweckt. Dass der Zweikampf längst die Dimension einer herkömmlichen Vorwahl gesprengt hat, dass Menschen in Rekordzahl zu den Urnen strömen, ist auch ihr Verdienst. Vor allem zuletzt aber hat sie die Auseinandersetzung auch zugespitzt und den Ton verschärft. Das ist legitim, birgt aber Risiken. Als harte Kämpferin mit dem Rücken zur Wand sind ihr wieder die Sympathien zugeflogen. Kein Demokrat aber will, dass die Partei Schaden nimmt und der Aufbruch zweier historischer Kandidaturen am Ende Amerikas Schwarze oder Frauen verbittert zurücklässt.

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