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Angst vorm Mittelalter

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Von: Peter Rutkowski

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Warum alles an der Artillerie hängt

Von was reden wir eigentlich beim „Kampf um Sjewjerodonezk“? Was wird dort verteidigt, was soll dort eingenommen werden? Strategisch ist die Antwort altbekannt: nichts. Bedeutsam könnte das Moskau allenfalls finden, weil dort schon 2004 einige Separatisten die Autonomie von recht genau dem forderten, was die russischen Invasoren bislang von der Ukraine besetzt haben. Die Forderung verpuffte, aber in russischen Vorstellungen von Politik hat so etwas eine geradezu greifbare Realität.

Wirklich greifbarer ist die Geografie: Sjewjerodonezk bildet zusammen mit dem schräg gegenüber am anderen Ufer des Siwerskyj Donez gelegenen Lyssy-tschansk einen kleinen Ballungsraum. Der derzeitige Kampfraum ist entlang des Flusses ungefähr 30 Kilometer lang und vielleicht fünf Kilometer tief; ganz im Osten davon ist Sjewjerodonezk. Von dort aus erstreckt sich bis zu einer Linie Slowjansk-Kramatorsk ein um die 70 Kilometer langer „Flaschenhals“, den die russischen Truppen vor Wochen schon eindrücken wollten, um so ein Stück mehr vom Donbass zu besetzen – und um Slowjansk und Kramatorsk näherzukommen.

Nachdem die großspurigen Pläne vom Beginn der Invasion – sofortige Siegesparade durchs ganze Land, gigantische Kesselschlachten, größere Zangenbewegungen, kleinere Zangenbewegungen ... – aufgegeben werden mussten, kämpfen sich nun offenbar nur noch bestenfalls schwache Bataillone (um die 500 Mann) durch den unwegsamen westlichen Donbass.

Und so konzentriert sich das Kampfgeschehen auf die Artillerie, bei der nach ukrainischer Einschätzung die Russen 20:1 im Vorteil sind. Neue Geschütze aus dem Westen kommen zwar kontinuierlich in der Ukraine an, aber es sind immer noch viel zu wenig, um gegen die russischen Truppen bestehen zu können. Bestehen aber müssen die Menschen in der Ukraine. An diesem 114. Kriegstag wurde vermeldet, dass 1300 zivile Tote in Mariupol bestätigt sind. Die Dunkelziffer soll viele Tausende höher sein, besser wissen könne man es nicht, hieß es, denn Mariupol sei durch die Kämpfe dort praktisch auf das Niveau des Mittelalters zurückgefallen.

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