1. Startseite
  2. Politik

Angst und Hass auf Kollisionskurs

Erstellt:

Von: Stefan Scholl

Kommentare

2021: „Projekt 955A Borei“, das russische Atom-U-Boot „Knyaz Oleg“ auf seiner Jungfernfahrt in der Weißen See.
2021: „Projekt 955A Borei“, das russische Atom-U-Boot „Knyaz Oleg“ auf seiner Jungfernfahrt in der Weißen See. © Imago

In Russlands Netzwerken und auch in westlichen Medien machen immer abstrusere und gefährlichere Fantasien von einem Schlagabtausch mit Kernwaffen die Runde – aber alles hängt weiter an Wladimir Putin.

Es war 1962, als vor Kuba das mit Kernwaffen bestückte sowjetische U-Boot B-59 von US-amerikanischen Kriegsschiffen mit Wasserbomben beworfen wurde. Der Kapitän hatte keinen Funkkontakt zum eigenen Kommando und glaubte, der Dritte Weltkrieg sei ausgebrochen. Er wollte befehlen, mit Nukleartorpedos zurückzuschießen. Aber sein Stellvertreter und ein weiterer ranghoher Offizier an Bord überredeten ihn, sich mit einem Signal an den Gegner zu begnügen, die Provokationen einzustellen...

Diese Geschichte zieht 60 Jahre später erneut in Moskau ihre Kreise. Online-Aufrufe, die Ukraine in Schutt und Asche zu legen allerdings auch. Und politische Freaks wie Tschetschenenchef Ramsan Kadyrow fordern dort den Einsatz „von Kernwaffen mit geringer Leistungskraft“ in einem Atemzug mit der Verhängung des Kriegsrechts in den Grenzregionen. Russland scheint sich diesmal am Abgrund zum atomaren Krieg einzurichten.

Nach Wladimir Putins Unterschrift wurden die Annexionen der besetzten Gebiete in der Ostukraine rechtskräftig – eine heikle Lage: Ein großer Teil „Neurusslands“ wird weiter von ukrainischen Truppen kontrolliert oder gerade zurückerobert. Wladimir Putin aber drohte mehrfach, dass, wenn jemand die territoriale Unversehrtheit Russlands antaste, man „alle zur Verfügung stehenden Mittel“ einsetzen werde. „Das ist kein Bluff“. Wie die Zeitung „Iswestija“ am Dienstag schrieb, ist die Nachfrage nach Jod in Russland binnen einer Woche um 75 Prozent gestiegen.

Seit Wochen diskutieren ultrarechte Blogger und Propagandasprachrohre atomare Rache für Schlappen an der Front. Jemand will demonstrativ die Schlangeninsel vor Odessa mittels eines nuklearen Sprengsatzes in die Luft jagen, jemand anderes fordert einen atomaren „Enthauptungsschlag“ gegen die Hauptstadt Kiew. „Wenn ein Sieg der Ukraine oder ein globaler Atomkrieg zur Wahl stehen“, postet der Turbonationalist Jegor Cholmogorow, „ist der Atomkrieg vorzuziehen.“

Schon schreibt die „Times“ von einem russischen Militärzug, der mit Atomwaffen Richtung Ukraine fahre. Und die italienische „La Repubblica“ meldet, ein neues russisches Atom-U-Boot sei in See gestochen, möglicherweise mit einem nuklearen Supertorpedo namens „Poseidon“ an Bord. Der Explosion dieser Waffe soll eine Hunderte Meter hohe Springflut feindliches Festland überschwemmen. Oder wie der TV-Propagandist Konstantin Siwkow jubelt: „Die Wellen des ,Poseidon‘ spülen die West- und die Ostküste der USA völlig weg, wo sich 90 Prozent der amerikanischen Industrie und 80 Prozent der Bevölkerung konzentrieren.“

Allerdings konnten westliche Geheimdienste in den vergangenen Tagen keinen russischen Kernwaffenzug orten, der sich nach Westen bewegt. Das Fabeltorpedo „Poseidon“ aber wird nach russischen Angaben auch nur als Vergeltungswaffe taugen, weil es mit einer Geschwindigkeit von 200 bis 300 Stundenkilometern viel langsamer als jede Atomrakete ist. Sobald es wirklich funktioniert. „Poseidon“ gehört zu den Wunderwaffen, die Wladimir Putin 2018 ankündigte, die aber frühestens in einigen Jahren einsatzbereit sind. „Selbst mittelfristig wird es ein experimentelles Projekt sein“, befindet der Moskauer Waffenexperte Dmitri Stefanowitsch in der Zeitung „Kommersant“. Spötter erinnern an den 2015 als Superwaffe vorgestellten Kampfpanzer „Armata“, der gleichwohl nie in Massenproduktion gingt.

In Russland blufft man gern. Der Militärexperte Viktor Litwinow aber geht davon aus, dass Präsident, Verteidigungsminister und Generalstabschef nur dann auf die Knöpfe zum Start der Atomraketen drücken, wenn die Fälle eintreten, die die russische Militärdoktrin vorsieht: „Als Antwort auf einen Atomschlag, auf einen Angriff von Atomwaffenstaaten oder einen Angriff, der die Existenz Russlands bedroht.“ In der Ukraine sieht er den nuklearen Verteidigungsfall konkret dann, wenn „Nato-Truppen die russischen Gebiete dort angreifen“.

Die Debatte über den Einsatz taktischer russischer Atomwaffen hält Litowkin für idiotisch. „Das Endziel Russlands ist, die Ukraine von den Bandera-Leuten zu befreien, also praktisch ihr gesamtes Gebiet.“ Auch taktische Atomexplosionen träfen vor allem die Zivilbevölkerung, mit der man später doch zusammenleben wolle...

Westliche Militärkreise bezweifeln den Einsatz taktischer Atomraketen auf ukrainisches Gebiet ebenfalls. Militärisch seien sie wenig effektiv, dürften außerdem das Verhältnis zu China und Indien, Russlands letzten gewichtigen Partnern, weiter beschädigen. „China hat eine Doktrin, die Erstschläge ablehnt“, erklärt die britische Atomrüstungsexpertin Hether Williams in der BBC. „Wenn Putin solche Waffen einsetzte, würde er China vermutlich verlieren.“

Aber fast alle sind sich einig, dass die Frage am Ende im Kopf Wladimir Putins entschieden wird. „Über nicht öffentliche Wege erhalten Putin und seine nächste Umgebung Signale, welche physischen Risiken ein taktischer Atomschlag für sie persönlich bedeutet“, sagt Oleksi Melnyk, Sicherheitsexperte des Kiewer Rasumkow-Instituts. Wichtiger als alle Argumente sei es, Putin zu zeigen, dass er selbst nicht ungeschoren davon kommt. (Stefan Scholl)

Auch interessant

Kommentare