Hendrik Streeck, 42, ist Direktor des Institut für Virologie an der Uniklinik in Bonn.
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Hendrik Streeck, 42, ist Direktor des Institut für Virologie an der Uniklinik in Bonn.

Corona

„Angst ist stark und manipulierbar“

  • vonThorsten Fuchs
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Der Virologe Hendrik Streeck über Fakten, Emotionen und den Spagat zwischen Wissenschaft und Politik.

Herr Streeck, als Sie sich entschlossen haben, Virologe zu werden: Hätten Sie sich da vorstellen können, dass man es mit der Vorabversion einer wissenschaftlichen Studie auf die Titelseite einer Boulevardzeitung schafft – und dann noch auf das Heftigste attackiert wird?

Nein. Dass man beim Erforschen einer Pandemie etwas herausgefunden hat, das auch Boulevardmedien interessiert, damit hätte ich schon gerechnet. Aber dass man allein für Daten kritisiert wird, die man herausgefunden hat – und das habe ich ja am eigenen Leib erfahren –, damit hätte ich nicht gerechnet.

Einem Kollegen, dem Charité-Virologen Christian Drosten, ist das in dieser Woche passiert – wegen einer Studie, die nahelegt, dass Kinder genauso ansteckend sein könnten wie Erwachsene. Ist das, was ihm widerfahren ist, noch eine kritische Beobachtung oder eher der Versuch einer medialen Vernichtung?

Drosten weist Kritik zurück

Der Chefvirologe der Berliner Charité , Christian Drosten, hat sich mit scharfen Worten gegen Kritik des Direktors des Instituts für Medizinische Mikrobiologie des Universitätsklinikums Halle, Alexander Kekulé, an einer Studie zur Corona-Ansteckung von Kindern gewehrt. „Kekulé macht Stimmung, seine Darstellung ist tendenziös“, schrieb Drosten am Donnerstag auf Twitter. Kekulé hatte in einem Gastbeitrag für den Berliner „Tagesspiegel“geschrieben , Drosten und sein Team hätten ihre Publikation zurückziehen müssen. Die Unsicherheit der Daten sei zu groß und das Verfahren für die statistische Auswertung ungeeignet.

Der Streit dreht sich um eine von Drosten und seinem Team Mitte April veröffentlichte Vorstudie, nach der Kinder das Coronavirus ähnlich verbreiten können wie Erwachsene. Dies ist für die Frage relevant, in welchem Umfang Schulen und Kindergärten wieder öffnen können.

In den vergangenen Tagenhatte die „Bild“-Zeitung eine Reihe Statistiker mit Kritik an der Studie zitiert. Die zitierten Forscher distanzierten sich allerdings später von der Berichterstattung.

Man muss da differenzieren. Die Methode ist von fünf Statistikern kritisiert worden, und diese Kritik kommt nicht von ungefähr. Das ist etwas, dessen man sich als Wissenschaftler annehmen und im Dialog mit Kollegen, im Peer-Review-Verfahren, beantworten muss. Das Problem ist der Zeitpunkt, zu dem die Studie erschienen ist: Das war im Zusammenhang mit der Entscheidung zur Wiedereröffnung der Schulen – mit einer Empfehlung im Manuskript. Und da ist einem – und das war auch bei mir so – nicht klar, in welche politische und mediale Gemengelage man sich da begibt.

Ihre Studie zum Ausbruch in Heinsberg ist international breit rezipiert worden. Sie war die erste dieser Art, wurde Vorbild für andere Studien. In Deutschland dagegen sind Sie viel kritisiert worden, Solidarität – wie Sie jetzt Ihr Berliner Kollege erfährt – fehlte. Wie erklären Sie sich das?

Ich habe darauf keine Antwort. Aber es ist eine Frage, die mich wirklich beschäftigt: Warum es auf der einen Seite trotz berechtigter Kritik viel Unterstützung von Medien und auch sonst gibt, während einem auf der anderen Seite niemand zur Seite springt. Die inhaltliche Kritik an unserer Studie – und um die geht es ja am Ende – hat jedenfalls nicht standgehalten.

Haben Sie eine Erklärung für dieses so schwierige Verhältnis zwischen Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit? Warum es nur wahlweise Verdammung oder Bewunderung zu geben scheint?

Ja. Der wichtigste Faktor, über den wir reden, ist die stärkste Emotion: Angst. Angst ist ganz schwer kontrollierbar – und zugleich gut manipulierbar. Daher hofft man als Anker auf die Objektivität der Forschung. Aber wenn die Ergebnisse nicht dem entsprechen, was die Menschen hören wollen oder die Angst widerspiegelt, dann wird gesagt, es sei falsch oder gekauft.

Die Kampagne in dieser Woche entzündete sich nicht zufällig an einem extrem umstrittenen Thema: der Infektiösität von Kindern. Was können Sie aus Ihrer eigenen Studie dazu sagen?

Eigentlich gar nichts. Das liegt daran, dass viele Eltern eine Blutentnahme bei Kindern abgelehnt haben. Aber wir sehen einen Trend von weniger Infektionen bei Kindern. Der zweite Hinweis sind die Infektionen im Haushalt. Im Zwei-Personen-Haushalt liegt die Gefahr einer Ansteckung bei 43 Prozent. Im Vier-Personen-Haushalt liegt die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine weitere Person infiziert, für jede Person bei etwa 18 Prozent. Das kann daran liegen, dass man sich leichter aus dem Weg gehen kann, wenn man in Quarantäne ist. Es kann aber auch daran liegen, dass sich die Kinder weniger häufig infizieren. Wir wissen es nicht.

Welche Studien und Befunde zur Infektiösität von Kindern überzeugen Sie?

Letztlich kann keine Studie an sich diese Frage beantworten. Auch ein Rachenabstrich sagt ja nichts über einen Viruslastvergleich aus, weil es auch davon abhängt, wie man abstreicht. Es mehren sich derzeit die Studien, die zeigen, dass es weniger Infektionen bei Kindern gibt. Aber das ist bisher eine sehr schwache Datenlage.

Sind die Forderungen von Kinder- und Jugendärzten nach einer Öffnung der Schulen und Kitas aus Ihrer Sicht berechtigt?

Aus der virologischen Perspektive kann man nur sagen: Wir wissen es nicht. Daher muss die Entscheidung bei anderen liegen, die das Für und Wider besser abwägen können und bei denen es dann auch um andere Fragestellungen geht. Auch ein Virologe kennt sich zum Beispiel nicht wirklich mit der Hygiene in der Schule aus.

Woran arbeiten Sie gerade?

Wir haben sehr viele Dinge, die wir noch als Teil der Studie analysieren. Zum Beispiel haben wir uns die Karnevalssitzung noch mal vorgenommen: Wer hat wo gesessen, wer hat sich infiziert, wie hat sich die Infektion weiterverbreitet? Dann versuchen wir, die Immunität besser zu verstehen. Wenn wir die Immunität verstanden haben, können wir auch sehr viel besser einen Impfstoff generieren. Wir wissen viel zu wenig über das Immunsystem.

Ihr Spezialgebiet ist eigentlich das HI-Virus, gegen das es bis heute keinen Impfstoff gibt. Wie zuversichtlich sind Sie, dass es gegen Corona je einen geben wird?

Jede Vorhersage für einen Impfstoff ist nicht seriös. Es gibt bislang gegen kein Coronavirus einen Impfstoff. Gegen HIV wurden schon über 500 Impfstoffe konstruiert, wenige auf Effektivität getestet, aber keiner hat funktioniert.

Das heißt, man tut gut daran, sich auch darauf vorzubereiten, dass es diesen Impfstoff nie geben wird?

Ja. Das Virus ist da und wird bleiben. Und wir müssen uns darauf einstellen, damit umzugehen.

Rechnen Sie mit einer zweiten Welle?

Ich vermute, dass wir immer mal wieder lokale Ausbrüche wie zuletzt in Leer oder Frankfurt haben. Das wird vielleicht im Herbst auch vermehrt und überraschend geschehen – aber ich glaube nicht, dass wir eine zweite Welle sehen werden, die uns regelrecht überschwemmt und überfordert.

Interview: Thorsten Fuchs

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