Terror

Angst und Schrecken in Mosambik

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Eine Welle brutaler Gewalt in der Cabo-Delgado-Provinz geht vermutlich auf das Konto einer neuen islamistischen Terrorgruppe.

Der jüngste Zwischenfall ereignete sich Anfang dieser Woche im Dorf Nathuko. Mit Macheten und Gewehren bewaffnete Mitglieder einer islamistischen Sekte überfielen die im Nordosten Mosambiks gelegene Ortschaft, zündeten fast hundert Hütten an und hieben einem Greis den Kopf ab, der nicht schnell genug in die Büsche fliehen konnte. Ein Woche zuvor waren nicht weit von Nathuko entfernt bereits sieben Menschen mit Macheten in Stücke gehauen worden. Auch in Naunde gingen rund hundert Hütten in Flammen auf. Noch eine Woche zuvor waren in den Dörfern Monjane und Ulumbi zehn Menschen – darunter Frauen und Kinder – entführt worden. Sie wurden später allesamt enthauptet aufgefunden.

Die mosambikanische Cabo-Delgado-Provinz wird derzeit von einer Welle brutaler Gewalttat erschüttert: Experten befürchten, dass in dem südostafrikanischen Armutsstaat eine militante islamistische Terrorgruppe wie Al Schabab in Somalia oder Boko Haram in Nigeria entstanden ist.

Bisher blieb der Süden Afrikas von Umtrieben extremistischer Islamisten weitgehend verschont – im Gegensatz zum Norden, Westen und Osten des Kontinents, in dem islamistische Terrorgruppen bereits seit Jahren operieren. Viel ist über die tatsächlichen Hintergründe der Gewalt in der abgelegenen Region an der Grenze zu Tansania bislang nicht bekannt: Doch der Verdacht erhärtet sich, dass eine erstmals vor drei Jahren in Erscheinung tretende Sekte namens Ahlu Sunnah Wa-Jamâ für die blutigen Überfälle verantwortlich ist.

In der 2,3 Millionen Einwohner zählenden Provinz, in der mehr als die Hälfte der Bevölkerung Muslime sind, herrscht jenes Gemisch an Armut, korrupter politischer Führung und neu entdecktem Reichtum, das auch in anderen Teilen Afrikas für Sprengstoff sorgt. In Cabo Delgado wurden bereits vor Jahren riesige Erdgas-Vorkommen entdeckt, die derzeit von ausländischen Konzernen erschlossen werden. Der US-Konzern Andarko Petroleum will mehr als 15 Milliarden US-Dollar investieren, um die Erdgasfelder auszubeuten: Spätestens in drei Jahren soll die Produktion beginnen, die jährlich 20 Millionen Tonnen Flüssiggas einbringen könnte.

„Ich gehe davon aus, dass diese neuen Entwicklungen die Unruhen mit ausgelöst haben“, sagt der ehemalige Staatssekretär der US-Regierung für Afrika, Johnnie Carson: „Die Aussicht auf wirtschaftlichen Wohlstand, von dem die örtliche Bevölkerung jedoch kaum profitiert, scheint die Spannungen hervorgebracht zu haben.“ Die Regierungen in Washington und London forderten ihre Staatsbürger mittlerweile auf, die Provinz unverzüglich zu verlassen.

Erstmals trat Ahlu Sunnah Wa-Jamâ, was so viel wie „Anhänger der prophetischen Tradition“ bedeutet, im Jahr 2015 in Erscheinung. Die mehrheitlich zwischen 20 und 35 Jahre alten Mitglieder der Sekte wollen das Scharia-Recht in Mosambik einführen, dessen Bevölkerung alles in allem zu weniger als 20 Prozent muslimisch ist. Die Zahl der Sektenmitglieder, die meist weiße Turbane, kurze Haare und lange Bärte tragen, wird auf 350 bis 1500 Mitglieder geschätzt. Sie lehnen die mosambikanische Staatsmacht ab und fordern die Bevölkerung auf, ihre Kinder nicht in herkömmliche (westliche) Schulen zu schicken und Krankenhäuser zu meiden. Erstmals machte die Sekte im Oktober des vergangenen Jahres mit drei Angriffen auf Polizeistationen auch im Ausland auf sich aufmerksam. Damals wurden zwei Polizisten getötet und zahlreiche Waffen erbeutet. Seitdem kamen bei rund 20 Überfällen mindestens 50 Menschen ums Leben.

Die Regierung in Maputo sucht die Gewaltwelle offensichtlich herunterzuspielen: Es handele sich um „gewöhnliche Kriminalität“, sagte Polizeisprecher Inacio Dina. Doch gleichzeitig reagieren die Sicherheitskräfte mit eiserner Hand: Mehrere hundert Personen wurden bereits festgenommen, Moscheen und Schulen geschlossen. Erfahrungen in anderen afrikanischen Staaten wie Nigeria haben gezeigt, dass ein hartes Eingreifen der Sicherheitskräfte immer größere Teile der Bevölkerung in die Hände der Extremisten treibt.

Über die Verbindung der „Anhänger der prophetischen Tradition“ zu anderen afrikanischen oder gar internationalen Extremistengruppen herrscht derzeit noch Rätselraten. Weder der „Islamische Staat“ noch Al-Kaida hat sich bislang zu Ahlu Sunnah Wa-Jamâ geäußert. Allerdings gehen Terrorismus-Experten davon aus, dass zumindest einige der Kämpfer von Extremisten in Somalia, Tansania oder auch im Kongo ausgebildet wurden.

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