+
Ein Test der israelischen „Arrow 3“-Rakete.

Konflikt am Golf

Angst vor Kettenreaktion

  • schließen

Ein nuklearer Alptraum in Nahost scheint nicht mehr unmöglich. Trumps USA schüren die Eskalation und Israel wie Iran perfektionieren ihre Raketenarsenale.

Was erlauben sich die Anwohner des Persischen Golfs? Auf keinen Fall darf man es dulden, dass sie die Freiheit der weltweiten Seeschifffahrt behindern!“ Missbilligend beugten sich 1819 in London Politiker und Militärs über Berichte von immer neuen Fällen von Piraterie in der Region. Dort wo es am Golf besonders eng wird, hatten wagemutige Küstenbewohner mit kleinen Booten Handelsschiffe aus Europa angegriffen. Londons Antwort fiel hart aus: Das Kriegsschiff „Eden“ nahm Kurs auf eine kleine, karge, aber strategisch wichtige Insel im Persischen Golf: Hormus.

Die militärische Hochspannung ist seither nicht mehr gewichen aus der Region. Im Laufe der Jahre wurde die Lage sogar immer brisanter. Und neuerdings halten Militärexperten es für möglich, dass sich in der Straße von Hormus ein Großkonflikt entzündet, mit unheilvollen Folgen für die gesamte Welt.

Eine vergleichbare Düsternis beim Blick auf den Persischen Golf gab es zuletzt vor 40 Jahren, nach dem Sturz des Schahs von Persien. Der hatte, bei allem, was man sonst gegen ihn einwenden konnte, zumindest der internationalen Schifffahrt immer freies Geleit verschafft. Die Revolutionsgarden des fundamentalistischen Ajatollah Khomeini dagegen sahen von ihrem ersten Tag an die Meerenge vor der eigenen Haustür als einen hoch willkommenen schwachen Punkt des Westens an, eine Art Achillesferse, die ihnen vielleicht helfen könnte, dem „Satan USA“ beizukommen.

Entsprechend wuchtig gerieten damals die Warnungen aus Washington. Jimmy Carter, ansonsten ein ganz auf Frieden und Verständigung ausgerichteter US-Präsident, verkündete 1980 mit grimmiger Miene, sein Land werde die Freiheit der Seeschifffahrt durch die Straße von Hormus auf jeden Fall verteidigen. Seither rotieren rings um die Meerenge die modernsten Radaranlagen der Supermacht USA. Die in Bahrain ankernde Fünfte Flotte der USA hat jedes Schiff, groß oder klein, 24 Stunden am Tag auf dem Schirm.

Heute wie zu allen Zeiten treffen in der Region geostrategische, ökonomische und auch ideologische Interessen aufeinander. Die Meerenge ist noch immer von großer Bedeutung für den weltweiten Öltransport. Auch das neuerdings sehr begehrte Flüssiggas aus Katar muss fast komplett per Schiff durch die Straße von Hormus. Für den Irak, Kuwait, Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate ist, jenseits des Ölhandels, der Golf der einzige Zugang zu den Weltmeeren. Nach wie vor sieht Teheran in der Straße von Hormus einen wunden Punkt des Westens: Als die USA den Ausstieg aus dem Atomabkommen verkündeten, verschlechterte sich prompt die Sicherheitslage in der Meerenge.

In diesen Tagen halten Tanker so weit wie möglich Abstand zur Küste des Iran. Manche Kapitäne schalten auch ihre GPS-Transponder aus, um sich nicht orten zu lassen. Reedereien schreiben ihren Besatzungen vor, so kurz wie möglich in der Region zu bleiben.

Es gibt diverse Szenarien für eine Blockade der Straße von Hormus. Der Iran könnte vor aller Augen seine Marine anweisen, Minen zu verlegen oder Raketen auf Schiffe abzufeuern. Das würde sofort einen Krieg mit den USA auslösen. Manche Experten erwarten daher eher einen terroristischen Anschlag etwa, ausgeführt von Unbekannten. Einige Tanker könnten dann in Brand geraten und so die Schifffahrt zumindest teilweise lahmlegen.

Im Juli wählte der Iran eine noch subtilere Variante: Ausländische Schiffe wurden, der Form nach gemäß internationalem Recht, festgesetzt wegen eines angeblichen „Verstoßes gegen die Regeln der Durchfahrt“. Zuvor hatten die Briten ähnliches mit einem iranischen Tanker bei Gibraltar gemacht.

Ein solches Hin und Her müsste die Welt eigentlich nicht kümmern. Ginge es nur um freie Schifffahrt, würden USA und Briten sich gewiss durchsetzen. Doch weil der Iran im Spiel ist, drohen unheilvolle Kettenreaktionen: Was, wenn die Mullahs in Teheran die ganz große Stunde des „heiligen Kriegs“ gekommen sehen und Raketen nicht nur auf Schiffe im Golf, sondern auch auf Israel abfeuern? Tatsächlich könnte, wenn alles schief geht, der Konflikt um die Straße von Hormus dann zum Alptraum von Nahostkonflikt plus Nukleartechnologie eskalieren.

Vor wenigen Tagen erst testete der Iran eine neue Version seiner Langstreckenrakete „Shahab 3“. Teheran sprach von einer „rein defensiven Maßnahme“. Westliche Experten dagegen zeigten sich alarmiert: Immer größer wird offenbar die Schubkraft, immer genauer die Steuerung der iranischen Raketen.

Ebenfalls vor wenigen Tagen testete Israel sein neues Abwehrsystem „Arrow 3“. Es soll auch jene Raketen unschädlich machen, die auf ihrem Flug sogar die Erdatmosphäre verlassen. Erst schießt eine Abfangrakete los, dann setzt sie, bereits im All, ein sogenanntes „kill vehicle“ aus, mit eigenen Steuerungs- und Bewegungsmöglichkeiten, das dann die feindliche Rakete zerstört. Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu hat just in Sachen „Arrow 3“ verkündet: „Unsere Feinde müssen wissen: Wir können sie schlagen.“ Aber der Iran sieht sich durch seine „Shahab 3“ beflügelt, die Hardliner mögen gar glauben, einen Krieg gewinnen zu können. Der hohe Geistliche Ajatollah Yussef Tabatabai prahlte: „Eine einzige unserer Raketen reicht, um einen milliardenteuren US-Flugzeugträger zu versenken.“

US-Sanktionen

Gegen Irans Außenminister Mohammed Dschawad Sarif haben USa Sanktionen verhängt. Damit wurden die Spannungen zwischen beiden Ländern weiter angeheizt und Kritik bei der EU ausgelöst. „Wir bedauern diese Entscheidung“, sagte ein Sprecher der EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini am Donnerstag in Brüssel. Von europäischer Seite aus werde weiter mit Sarif zusammengearbeitet. Es gelte, die diplomatischen Kanäle offenzuhalten.

Am Mittwoch hat Washington etwaiges Vermögen Sarifs in den USA eingefroren, US-Bürger dürfen keine Geschäfte mit ihm machen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion