1. Startseite
  2. Politik

Angriffe auf Armenien

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Stefan Scholl

Kommentare

„Karabach, lebe friedlich“, steht auf einem Plakat. Doch die russischen „Friedenstruppen“ zwischen Armenien und Aserbaidschan können diesen Wunsch nicht erfüllen.
„Karabach, lebe friedlich“, steht auf einem Plakat. Doch die russischen „Friedenstruppen“ zwischen Armenien und Aserbaidschan können diesen Wunsch nicht erfüllen. © Imago

Moskau verliert seine Bedeutung als Schutzmacht Jerewans, Aserbaidschan beschießt militärische und zivile Punkte im Nachbarland. Knapp 50 Menschen werden getötet.

Das Artilleriefeuer endete gegen zwei Uhr nachts. Am letzten Kontrollpunkt vor dem Städtchen Dschermuk versammelten sich laut der Agentur Sputnik Armenija zahlreiche Pkw, voll mit Flüchtlingen, die den Kurort hundert Kilometer südöstlich der armenischen Hauptstadt Jerewan verlassen wollten. „Fahrt zickzack!“, riet ihnen ein Polizist, so seien sie beim nächsten Feuerüberfall nicht so leicht zu treffen.

In der Nacht auf Dienstag sind an der Grenze zwischen Armenien und Aserbaidschan auf einer Länge von über 100 Kilometer Kämpfe ausgebrochen. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Jerewan beschossen aserbaidschanische Streitkräfte militärische Positionen, aber auch armenische Siedlungen zwischen Artanisch am Sewan-See und Kapan nahe der Grenze zum Iran. Außerdem sollen aserbaidschanische Einheiten Positionen weit hinter der armenischen Grenze angegriffen haben.

Aserbaidschan behauptet, provoziert worden zu sein

Baku redete dagegen von Provokationen der armenischen Seite, die das Feuer aus schwerer Artillerie eröffnet habe. Außerdem hätten armenische Stoßtrupps versucht, zwischen den Positionen der aserbaidschanischen Grenztruppen Minen zu verlegen.

Der armenische Premierminister Nikol Paschinjan sagte am Dienstag, bei den Kämpfen seien 49 armenische Soldaten gefallen, die Gegenseite machte keine Angaben über ihre Verluste. Das aserbaidschanische Portal trend.az verkündete: „Die militärische Infrastruktur Armeniens, die potenziell für Provokationen an der Grenze hätte genutzt werden können, liegt komplett in Schutt und Asche.“

Am Dienstagmorgen wurde bekannt, dass beide Seiten einen Waffenstillstand vereinbart haben, der ab 8 Uhr MEZ in Kraft treten sollte. Wie stabil die Vereinbarung ist, blieb bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe unklar. Der armenische Militärsprecher Aram Torossjan sagte, obwohl der Beschuss nachgelassen habe, setzte der Gegner seine Angriffsbemühungen fort.

Gasabhängigkeit

Aserbaidschan soll in Zukunft teilweise Russland als Gaslieferant ersetzen, aus diesem Grund hat die EU ein strategisches Partnerschaftsabkommen mit dem autokratischen Staat abgeschlossen. Nach der Unterzeichnung der Vereinbarung im Juli in Baku veröffentlichte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von Leyen auf Twitter ein Foto von sich und Alijew. Dazu schrieb sie: „Die EU setzt auf vertrauenswürdige Energielieferanten. Aserbaidschan ist einer von ihnen“.

Der Grünen-Europaabgeordnete Sergey Lagodinsky sagte, die Abhängigkeit der EU von Erdgasimporten werde ausgenutzt. „Sowohl Aserbaidschan als auch die Türkei nutzen strategische Abhängigkeiten der EU – Baku wegen der Gaslieferungen in die EU und Ankara wegen seiner Lage am Schwarzen Meer und seiner Nato-Mitgliedschaft.“ Russland profitiere davon, „dass der Westen abgelenkt ist und versucht, sich in einer wichtigen Region als Möchtegern-Vermittler zu stilisieren“. Gegenüber dem RND sprach Lagodinsky von einer verworrenen Lage nach den Kämpfen zwischen Aserbaidschan und Armenien in der Nacht auf Dienstag. hues

Paschinjan erklärte, Armenien sei nicht bereit, einen Korridor durch sein Gebiet zuzulassen. Aserbaidschan verlangt einen Transportkorridor durch den Süden Armeniens zu seiner an die Türkei grenzenden Exklave Nachitschewan. Armenien aber will bestenfalls eine von russischen Friedenstruppen gesicherte Straße bereitstellen.

Fachleute für die Region vermuten, Baku sei in die Offensive gegangen, weil die armenische Schutzmacht Russland gerade in der Ukraine in heftigen Problemen stecke. Der russische Telegramkanal VoenkorKotenok, spezialisiert auf Kriegsberichterstattung, schreibt, Aserbaidschan wolle den Moment ausnützen, um die Waffenstillstandsvereinbarungen von 2020 zu korrigieren. „Und das ist auch eine Folge unserer Niederlage bei Isjum. Der Kaukasus liebt Stärke.“

Russland verweist auf „politisch-diplomatische Mittel“

In der Nacht hatte Paschinjan mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin telefoniert, mit dem französischem Kollegen Emmanuel Macron sowie US-Außenminister Antony Blinken. Außerdem wandte sich die armenische Regierung mit der Bitte an Moskau, die Regulierung der Situation im Einklang mit den bilateralen Vereinbarungen und im Rahmen des von Russland geführten Verteidigungsbündnisses OVKS zu unterstützen.

Ein vor 25 Jahren abgeschlossener Vertrag mit Russland sieht gegenseitige Hilfe im Falle einer Aggression von außen vor. Das Moskauer Außenministerium äußerte sich betont neutral. „Wir gehen weiter davon aus, dass alle Streitpunkte zwischen Armenien und Aserbaidschan ausschließlich mit politisch-diplomatischen Mitteln zu lösen sind.“

Auch interessant

Kommentare