Pakistan

Angriff auf Polizeischule

  • Christine Möllhoff
    vonChristine Möllhoff
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Es sind Bilder, die einem die Kehle zuschnüren. Reglos liegen blutüberströmte Körper umher. Die Terrorwelle reißt nicht ab - und erschüttert auch eine bisher ruhige Region.

Es sind Bilder, die einem die Kehle zuschnüren. Reglos liegen blutüberströmte Körper umher. Mit letzter Kraft robbt ein Verletzter über den Boden, während Kugeln durch die Luft fliegen. Die Terrorwelle in Pakistan reißt nicht ab, sie greift sogar auf immer mehr Landesteile über.

Ein Dutzend Militante überfiel am Montag eine Polizeiakademie in der Millionenmetropole Lahore, nur zwölf Kilometer von der Grenze zu Indien entfernt. 27 Polizisten wurden getötet, fast 100 weitere verletzt. Erst nach langen acht Stunden war das Terrordrama am Nachmittag vorbei.

Der Anschlag zielte offenbar darauf, den Atomstaat in seinem Machtzentrum, der Provinz Punjab, zu destabilisieren. Der Zeitpunkt war kaum ein Zufall. Er scheint eine Kampfansage - an Pakistans politische und militärische Führung und auch an US-Präsident Barack Obama. Dieser hatte am Freitag seine Strategie für Afpak, wie der Brandherd Afghanistan und Pakistan nun heißt, vorgestellt. Er verlangte von Islamabad, Extremisten ohne Wenn und Aber zu bekämpfen. Und Obama setzte ein Millionen-Kopfgeld auf den pakistanischen Taliban-Führer Baitullah Mehsud aus.

Die uniformierten Täter waren am Montag auf das Gelände vorgedrungen, als sich die 850 Polizeischüler zum Morgenappell sammelten. Die schwer bewaffneten Täter warfen Handgranaten und feuerten um sich. Elitetruppen wurden zu Hilfe gerufen. Den ganzen Tag waren Explosionen und Schusswechsel zu hören. Vor den Toren bangten Menschen um das Leben der Polizisten. Als die Elitetruppen den Sieg signalisierten, brach die Menge in Jubel aus. Sechs Terroristen wurden angeblich lebend gefangen, mindestens vier getötet.

Der erste Verdacht fiel wie immer auf Terrorgruppen wie Jaish oder Lashkar-e-Toiba (LeT), aber auch auf Taliban-Milizen, die sonst nicht in dieser Region operieren. Fernsehbilder zeigten einen Gefangengenommenen, der aussah, als habe man ihm Bart und Haar gerade erst in Form gestutzt. Es gab Gerüchte, er spreche Paschtun und sei Afghane. "Militante, die im Krieg in Afghanistan trainiert wurden, könnten an der Terrorattacke beteiligt sein", sagte Pakistans Innenminister Rehman Malik.

Der Geheimdienst ISI hatte LeT, Jaish und Taliban früher hochgepäppelt, um sie in Indien oder Afghanistan einzusetzen. Doch die Kettenhunde von einst scheinen außer Kontrolle. Unterstützt werden sie möglicherweise von Mitgliedern des Geheimdienstes, denen der pro-westliche Kurs ihrer Führung nicht passt.

Auch in Washington scheint sich die Erkenntnis durchgesetzt zu haben, dass der Anti-Terror-Kampf zuallererst in Pakistan entschieden wird. Dort haben Taliban und El Kaida ihre Rückzugsgebiete. Obamas Militärberater David Kilcullen hatte jüngst Alarm geschlagen: Pakistan könnte binnen sechs Monaten kollabieren, wenn nicht schnell gegengesteuert werde. Wenn der Atomstaat außer Kontrolle gerate, würde dies alle andere Weltkrisen in den Schatten stellen.

Der Anschlag vom Montag nährt diese Befürchtung. Vor kurzem noch galt Lahore, die moderne Hauptstadt der Provinz Punjab, als eine der letzten Inseln der Normalität in Pakistan. Lahore liegt weit weg von den wilden Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan. Aber nun wird die Lage auch dort instabil.

Die Attacke auf die Polizeiakademie war bereits der zweite Terroranschlag binnen eines Monats in Lahore. Erst am 3. März hatten Terroristen dort den Bus des sri-lankischen Kricket-Teams angegriffen. Dass die Spieler entkamen, war dem Fahrer zu verdanken, der sie todesmutig durch den Kugelhagel steuerte.

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