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Angriff auf das grüne Herz Afrikas

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Gefällte Sapelli-Stämme im Kongo: Sapelli ist ein afrikanisches Laubholz, das sehr hart, fest und zugleich elastisch ist. Es wird vor allem für Parkett, im Bootsbau und für Furniere verwendet.
Gefällte Sapelli-Stämme im Kongo: Sapelli ist ein afrikanisches Laubholz, das sehr hart, fest und zugleich elastisch ist. Es wird vor allem für Parkett, im Bootsbau und für Furniere verwendet. © Greenpeace

Die Ausplünderung des Waldes im Kongobecken erinnert an den Kolonialismus alter Art: der Greenpeace-Report in einer Vorabzusammenfassung für die FR.

Zola Mubiala* fühlt sich betrogen. Einen halben Kasten Bier, fünf Kilo Zucker, sechs Packungen Seife und eine Packung Salz hat er für die Nutzungsrechte an seinem Land bekommen. Die Waren gingen dann noch durch zwei, um einen Mitbesitzer auszuzahlen. Dafür hat Mubiala, der den wahren Wert seines Grund und Bodens gar nicht kennt, der Holzfirma Sodefor erlaubt, die Urwaldriesen auf seinem früheren Besitz nahe Tolo in der Provinz Bandundu einzuschlagen.

Von dem Unternehmen, das zu einem Firmenkonsortium mit Sitz in Liechtenstein gehört, fühlt er sich überrumpelt. Zwar wurde ihm auch versprochen, dass er zusätzlich zu den Naturalien für jeden Kubikmeter Holz, der auf seinem Land geschlagen wird, eine kleine Summe von 12 US-Cent erhalten soll. Doch niemand kontrolliert, wie viel Holz tatsächlich abtransportiert wird, um in Europa zu teurem Spezialparkett verarbeitet zu werden. Ohne funktionierende staatliche Strukturen kann Mubiala nicht mal die symbolische Summe einfordern, die ihm zugesagt wurde. So bleiben ihm konkret nur das Bier, Zucker, Seife und Salz. Sein Nachbar ist noch schlechter dran: Der weißhaarige alte Mann, der nur das im Kongo verbreitete Lingala spricht, hat einen Vertrag auf Französisch unterschrieben, den er gar nicht lesen kann - Geschäftspraktiken, die an den Glasperlenhandel zu Hochzeiten des Imperalismus erinnert und die gerade im Kongo eine unselige Tradition haben.

Greenpeace hat die Geschäftsmethoden westlicher Holzfirmen im Kongo anhand von Feldrecherchen dokumentiert. Über mehrere Jahre haben Greenpeace-Rechercheure Menschen im Kongo befragt, Behördenmitarbeiter wie Firmenvertreter interviewt und Kopien der Originalverträge mit den lokalen Landbesitzern gesammelt. Die Ergebnisse liegen nun in Form einer umfangreichen Dokumentation vor. Sie zeigen, dass das nach dem Amazonas größte zusammenhängende Regenwaldgebiet der Erde akut von Zerstörung bedroht ist. Die Vernichtung der Urwälder geht dabei mit der Ausplünderung der Einheimischen einher. Zur ökologischen Katastrophe, die in einem vom Bürgerkrieg zerrütteten Land wenig Beachtung findet, kommt die soziale und politische hinzu.

Der Wohlstand bleibt aus

Auf dem Papier ist das von der Weltbank durchgesetzte Forstgesetz der Demokratischen Republik Kongo recht fortschrittlich: 40 Prozent der Steuern, die die Holzfirmen an den Staat zahlen, sollen an die lokalen Gemeinschaften zurückfließen. Doch tatsächlich erhalten die Gemeinden nur symbolische "Geschenke". Versprochene Schulen erweisen sich als hastig errichtete Wellblechhütten, die noch nicht einmal über Bänke verfügen. Straßen, die die Holzfäller zu ihrem eigenen Nutzen gebaut haben, sind ohne Wartung schnell unbefahrbar, wenn die Firma die Gegend verlässt. So bleibt den Wald-Kommunen nur wenig oder gar keine dauerhafte Entschädigung für die Plünderung ihres traditionellen Territoriums.

Sodefor beispielsweise ist die alles beherrschende Firma in der Provinz Bandundu. Ihren Hauptsitz hat das Unternehmen in Nioki. Diese Region ist ein Beispiel für das Versagen der Holzindustrie, Wohlstand in die Gegenden zu bringen, in denen sie arbeitet. Die Straßen in und um Nioki sind in einem heruntergekommenen Zustand, nachdem sie gut instand waren, bevor Sodefor mit seinen schweren Fahrzeugen anrückte. Die Versorgung mit elektrischem Strom wurde für die meisten Teile der Stadt Nioki abgeschaltet. In den dörflichen Krankenhäusern fehlt es an einfachsten medizinischen Geräten.

Die Orte, in denen Sodefor seine Arbeiten beendet hat, sind größtenteils verlassen, weil mit dem Verlust des Waldes die Lebensgrundlagen fehlen und es keine Arbeit mehr gibt. Die Einwohner ziehen in Slums entlang dem Fluss, der einzigen Möglichkeit, nicht völlig von Verkehrswegen abgeschnitten zu sein. Wild und Fisch werden allmählich knapp, so dass die Menschen sich größtenteils nur noch von Maniok-Wurzeln ernähren können.

Sodefor kontrolliert gut 4,7 Millionen Hektar Einschlagsgebiete im Kongo, eine Fläche so groß wie Niedersachsen. Die "Geschenke" an die Kommunen sehen immer gleich aus: etwas Salz, Seife, Zucker und Kaffee. Dazu ein paar Flaschen Bier. Manche Verträge regeln außerdem, dass die Holzfirma den Kommunen Sargholz für ihre Toten zur Verfügung stellt. Doch Gemeindeälteste berichten davon, dass das Unternehmen mitunter selbst diese makabre Vereinbarung nicht erfüllt. Die Einheimischen müssen unterschreiben, dass sie auf keinen Fall gegen die Firma protestieren werden. In den Verträgen heißt das dann: "Der Unterzeichner übernimmt es, jegliche Art von Störung (Barrikaden, Aufstände der Bevölkerung) während des Holzeinschlags durch Sodefor zu verhindern. Zusätzlich ist er für das reibungslose Funktionieren der Aktivitäten an der Einschlagsstelle verantwortlich, jedoch ohne sich in die Arbeitsmethoden einzumischen."

Sollte sich trotzdem Protest rühren, wird er mit Einschüchterung und Gewalt unterdrückt. Auf staatlichen Schutz können die Betroffenen in der Regel nicht bauen, denn durch die grassierende Korruption können die Unternehmen dafür sorgen, dass vermeintliche Rädelsführer willkürlich verhaftet werden. Greenpeace-Recherchen belegen, dass es in der Region Bandundu und in zahlreichen anderen Einschlagsgebieten immer wieder zu Konflikten zwischen den Dorfbewohnern und den Holzfirmen kommt. Die Jäger und Sammler der Pygmäen-Stämme, die zum Überleben auf intakte Urwaldgebiete angewiesen sind, werden meist gänzlich von den Verträgen ausgeschlossen. Nahe dem See Tumba im Konzessionsgebiet der Firma ITB wurde ein Twa-Pygmäen-Stamm zunächst bei den Verhandlungen über den Zugang zum Wald übergangen. Dann hat die Firma der Gemeinde ein einmaliges Angebot unterbreitet, bei dem der örtliche Häuptling das Gefühl hatte, keine andere Wahl zu besitzen, als einem ungünstigen Vertrag überstürzt zuzustimmen.

Die Weltbank hat versagt

Eine wichtige Rolle für die Entwicklung der Waldwirtschaft im Kongo spielt die Weltbank. Als größter Finanzier des Wiederaufbaus in dem vom Bürgerkrieg zerrütteten Land befindet sie sich in der einmaligen Rolle, durch ihre Finanzierungsbedingungen die Weichen für die Zukunft stellen zu können - im Guten wie im Schlechten. Bis August 2006 hat die Weltbankgruppe Darlehen, Kredite und Spenden im Gesamtwert von mehr als vier Milliarden US-Dollar an die Demokratische Republik Kongo vergeben. Im Mai 2002 konnte die Weltbank die Übergangsregierung überzeugen, vorläufig keine weiteren Forstkonzessionen zu erteilen und die bestehenden nicht auszuweiten. Die Weltbank feiert die "Stornierung nicht-konformer Konzessionen" auf ihrer Internetseite als "beispiellosen Vorfall in der Welt", der entscheidend sei für "die Verlangsamung der Abholzung" und "Platz schaffe für potenzielle neue Schutzgebiete im Regenwaldgebiet des Landes".

Leider sieht die Realität im Kongo anders aus: Während nur wenige neue Waldgebiete seit dem Moratorium von 2002 unter Schutz gestellt worden sind, hat die Übergangsregierung bis April 2006 entgegen den Zusagen gegenüber den Geberländern 107 neue Verträge mit Holzfirmen geschlossen, die sich auf Waldgebiete von mehr als 15 Millionen Hektar erstrecken. Im Umfeld von Korruption und einer schlechten Staatsführung in der Demokratischen Republik Kongo versagen die Bemühungen der Weltbank, den Forstsektor zu reformieren und die Abholzung unter Kontrolle zu bringen. Das Moratorium, das ohnehin schon löchrig ist, läuft in diesem Jahr aus.

Der jüngste Versuch der Weltbank, die Ausweitung der Urwaldvernichtung zu begrenzen, ist die so genannte juristische Legalitäts-Prüfung der vergebenen Titel. 156 Einschlagskonzessionen für 21 Millionen Hektar Regenwald werden zurzeit auf die Einhaltung einiger grundlegender juristischer Kriterien überprüft. Doch auch dieses Unterfangen wird von den industriellen Holzfirmen nicht ernst genommen. Erneut breitet sich ein System der Unterwanderung bestehender Regelungen aus, so dass fraglich ist, ob die Legalitäts-Überprüfung überhaupt einen Effekt haben wird. Der Chef-Förster der libanesischen Firma ITB in Bikoro gab im Gespräch mit Greenpeace-Rechercheuren zu: "Die Leute, die die Regeln für den Forstwirtschaftsplan erarbeiten haben, kennen die Situation vor Ort nicht? Wir werden einen Managementplan präsentieren, um die Weltbank zu ,erfreuen'".

Der Greenpeace-Report zeigt, dass internationale Firmen wie die Danzer Gruppe (Siforco), ITB, NST Gruppe (CFT, Forabola, Sodefor, Soforma), Olam, Sicobois und Trans-M neue Verträge auch nach dem Moratorium vom Mai 2002 geschlossen haben. Nur durch einen detaillierten Vergleich alter und neuer Karten lässt sich feststellen, ob diese neuen Konzessionsgrenzen auch neue Waldgebiete einschließen und somit nach den Regeln des Moratoriums eindeutig illegal sind. Allerdings sind solche Karten, die die Gebiete vor und nach dem Moratorium zeigen, nicht öffentlich erhältlich. Die Mehrheit der Firmen hat also davon profitiert, dass es der Weltbank nicht gelungen ist, das mit der Übergangsregierung vereinbarte Moratorium und andere Reformen im Forstsektor wirklich umzusetzen. Da keine umfassenden Karten erhältlich sind, lassen sich 13 Konzessionen mit 1,7 Millionen Hektar nicht verorten - ein Gebiet von der Größe Thüringens. Darüber hinaus befindet sich ein Drittel der Konzessionen in Regionen, die schon als besonders schützenswerte Gebiete identifiziert wurden. Zwanzig liegen sogar völlig oder zumindest teilweise innerhalb des "Maringa-Lopori-Wamba"- Gebietes, einem der letzten Lebensräume der Bonobo-Menschenaffen. Jede dritte Konzession befindet sich in Gebieten mit Afrormosia, einer geschützten Baumart, deren Handel eigentlich international stark reglementiert sein sollte.

Kontrolle ist notwendig

Wie es zu solchen Vertragsverstößen kommen kann, ist aus dem Geflecht von Korruption zu erklären, das den Alltag im Kongo prägt. So erklärte ein Beamter in der Provinz gegenüber Greenpeace ganz offen: "Wir hatten Order von der Obrigkeit, keine Inspektionen durchzuführen? Die Holzfirmen genießen Schutz von der obersten Stelle." Hinzu kommt, dass die wenigen staatlichen Inspektoren vielfach noch nicht mal über ein Auto oder ein Fahrrad verfügen, um die abgelegenen Einschlagsgebiete überhaupt erreichen zu können.

Noch besteht die Chance, das zweitgrößte Regenwaldgebiet der Erde zu schützen. Dafür ist es erforderlich, dass die Weltbank das Auslaufen des Einschlagmoratoriums in diesem Jahr verhindert. Solange es keine funktionierenden Regierungs- und Kontrollstrukturen gibt, dürfen keine neuen Urwaldflächen zerstört werden. Neue Konzessionen dürfen erst vergeben werden, wenn ein für die lokalen Gemeinschaften fairer Landnutzungsplan erarbeitet wurde, der zugleich ein Netzwerk von Urwaldschutzgebieten beinhaltet. Alternative Modelle, die die Armut bekämpfen und die natürlichen Lebensgrundlagen erhalten, müssen Teil des Entwicklungsplans sein.

* Name zum Schutz vor Repressalien geändert.

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