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Shlomo Bistritzky ist seit 2012 Landesrabbiner von Hamburg.

Rabbi findet klare Worte

Antisemitischer Anschlag in Halle, Angriff auf jüdischen Studenten: „Solidarität reicht nicht“

  • Jan Sternberg
    vonJan Sternberg
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Hamburgs Landesrabbiner Shlomo Bistritzky fordert neue Ideen im Kampf gegen Antisemitismus – und hat drei konkrete Forderungen.

Rabbiner Bistritzky, vergangenen Sonntag hat ein Ex-Bundeswehrsoldat einen jüdischen Studenten vor der Synagoge mit einem Spaten schwer verletzt. Wie beurteilen Sie den Angriff?

Es wird gesagt, der Mann sei sehr verwirrt gewesen, er ist nun in der Psychiatrie. Aber diesen Zustand hervorzuheben bedeutet bereits, das Ausmaß dieses Angriffs kleinzureden. Der Täter hat nicht auf der Straße eine spontane Eingebung bekommen, Menschen anzugreifen. Er hat die Tat geplant. Er hatte einen Zettel mit einem Hakenkreuz in der Hosentasche. Er ist mit dem Taxi vorgefahren, hat die Polizisten gefragt, ob hier die Synagoge ist. Man muss die Ermittlungen abwarten, warum er nicht als Gefahr erkannt wurde. Es gibt in Deutschland so viele sogenannte Einzeltäter, das sind keine Einzeltäter mehr. Der Angreifer muss seinen Hass Stück für Stück gesammelt haben. Er muss ihn irgendwo herhaben. Auch der Attentäter von Halle hat seinen Hass gesammelt und nicht alleine entwickelt.

Sie haben nach der Attacke Taten verlangt und drei Punkte genannt. Der erste lautet „Zukunft für jüdisches Leben schaffen“ mit dem Wiederaufbau der 1938 zerstörten früheren Hauptsynagoge. Geht es Ihnen darum, in der Stadt sichtbarer zu werden?

Wir brauchen einfach mehr Platz, die Gemeinde wächst. Wir brauchen bessere Räumlichkeiten, ein größeres Gemeindezentrum. Wir haben sehr viel erreicht, wir haben eine Schule, einen Kindergarten, ein Rabbinerseminar. In einer offenen Stadt wie Hamburg ist Sichtbarkeit wichtig – gar nicht mal so sehr für uns, sondern für die anderen Hamburger. Sie sollen sehen, dass es der Gemeinde gutgeht.

Der zweite Punkt lautet „Für alle jüdischen Einrichtungen die Sicherheit verbessern, sofort“. In Halle hat die Polizei eine Reihe schwerer Fehler begangen, kam sehr spät zur Synagoge und war völlig unvorbereitet im Umgang mit einer betenden Gemeinde am höchsten jüdischen Feiertag. Wie sieht es in Hamburg aus?

Das ist schlimm. Wir leben hier zum Glück in einer ganz anderen Welt. Wir haben sehr enge Kontakte zur Polizei. Und nach der Attacke hat die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank sofort die Synagoge besucht, und wir hatten im Rathaus ein langes Gespräch mit dem Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher. Dennoch: Wir brauchen für unsere Gemeinde hundertprozentige Sicherheit. Wenn sich jüdisches Leben weiterentwickeln soll, müssen sich unsere Mitglieder sicher fühlen.

Sie fordern drittens, dass Schüler verpflichtend eine Synagoge besuchen sollen. Was versprechen Sie sich davon?

Viele Grundschulklassen besuchen bereits jetzt die Synagoge, und ich führe die Kinder sehr gerne herum. Weiterführende Schulen dürfen wegen der Neutralität im Religionsunterricht nicht einzelne religiöse Orte besuchen. Mir geht es aber gar nicht um den Religionsunterricht. Mir geht es um ein gesellschaftliches Thema, ein kulturelles, ein politisches Thema: Wie geht die Gesellschaft mit uns um, die wir ein Teil dieser Gesellschaft sind? Jugendliche sind in einem Alter, in dem sie bereits viel über Juden hören, auch antisemitische Dinge hören – und ich möchte ihnen die Möglichkeit geben, uns zu besuchen, auch kritische Fragen zu stellen und mit uns zu reden.

Am Freitag wird Bundespräsident Steinmeier in Halle zum Jahrestag des Anschlags eine Rede halten. Welche Worte erhoffen Sie sich an die Adresse der deutschen Juden?

Vor einem Jahr hat der Bundespräsident, haben viele Politiker bereits ihre Solidarität mit den Juden bekundet. Was hat es gebracht? Nun hatten wir in Hamburg einen ganz ähnlichen Vorfall, wenn auch von anderem Ausmaß. Die Frage muss sein: Was können wir alle mehr tun, was wäre eine neue Idee, damit es nicht so weitergeht? Solidarität reicht nicht. Solidarität ist wie eine Kopfschmerztablette bei einer schweren Krankheit. Sie lindert den Schmerz, aber sie bekämpft nicht die Ursachen.

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