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Opfer der Wut: Bei den Demos wurde die Mariannen-Skulptur am Triumphbogen zerstört.

Gelbwesten

Angeschlagen

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Zu spät, zu wenig: Mit seinem Schlichtungsversuch verkennt der französische Präsident die Ursache des Zorns. Den Gelbwesten geht es um mehr als Spritpreise. Es geht um Gerechtigkeit. Ein Kommentar.

Die Lage in Frankreich hat etwas Absurdes: Die so umstrittene Erhöhung der Benzinsteuer wird durch die aktuelle Baisse der Erdölpreise mehr als neutralisiert; das Autofahren wird in Frankreich also fürs Erste gar nicht teurer. Außerdem hat Premierminister Edouard Philippe die besagte Steuer nun für ein halbes Jahr „suspendiert“ – und aufgrund früherer Erfahrungen in Frankreich ist anzunehmen, dass Emmanuel Macrons Ökosteuer ganz „gestorben“ ist.

Und trotzdem mobilisieren die „gilets jaunes“ weiter. Unlogisch? Nur auf den ersten Blick. Der Rückzieher der Regierung von Präsident Macron „kommt zu spät und ist zu wenig“, wie es ein Vertreter der Gelbwesten auf den Punkt brachte. Letztere wollen heute viel mehr als die bloße Stornierung der Benzinsteuererhöhung. Ihre zahlreichen Forderungen, zum Beispiel höhere Mindestlöhne, fußen auf einem Gefühl zunehmender sozialer Ungerechtigkeit. Es hat sich nun Bahn gebrochen und lässt sich nicht mehr so schnell eindämmen, gar in die Büchse der Pandora zurückdrängen. Dieses Gefühl reicht weit zurück, beruht es doch auf der ganzen Globalisierung, die urbane Gewinner hervorgebracht hat, die ärmeren Landbewohner in der Provinz aber übergangen hat. Dass Macron 2017 die Vermögenssteuer senkte und die Geringverdiener schlicht vergaß, war für die direkt Betroffenen zu viel.

Die aufgeschobene Erhöhung der Benzinsteuer wird den Volkszorn kaum besänftigen. Für Samstag werden in Paris neue Gewaltexzesse befürchtet. Wenn Macron glaubte, er werde die Lage beruhigen, indem er seinen Premier an die Front schickt, hat er sich getäuscht. Dessen Ankündigung war nur die Hauptprobe für Macrons Auftritt: Die Franzosen, selten zuvor so aufgebracht, verlangen den definitiven Rückzug der Steuer. Oder des Präsidenten.

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