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Geehrte Kanzlerin: Angela Merkel nimmt den Beifall Tausender junger Harvard-Graduierter bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde entgegen.

USA

Die Heldin von Harvard

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Bei der Graduiertenfeier der amerikanischen Eliteuniversität wird Angela Merkel als leuchtende Kontrahentin von Trump gefeiert – wenn auch manche ihrer Konturen eher etwas unscharf geraten.

Der Satz ist wirklich gut. Er klingt ein wenig nach John F. Kennedy und jedenfalls sehr amerikanisch. Er drückt Zuversicht und Optimismus aus im Gegensatz zur Rhetorik von Angst und Hass, die derzeit in Washington dominiert. „Fragen wir nicht zuerst, was nicht geht oder was schon immer so war“, ruft Angela Merkel ihren Zuhörern auf dem Campus der Universität Harvard zu: „Fragen wir zuerst, was geht, und suchen wir nach dem, was noch nie so gemacht wurde!“ Das Publikum klatscht kräftig Beifall.

Die Rede der deutschen Kanzlerin ist zweifelsohne der Höhepunkt der diesjährigen Graduiertenfeier der traditionsreichen Eliteschmiede. Mehr als 20 000 Menschen sind gekommen, um einen Tag lang mit den diesjährigen Absolventen zu feiern. Man trägt Talar, Anzug, manchmal auch Freizeitlook. Die Menge ist kultiviert, globalisiert, offen und in den jüngeren Jahrgängen extrem divers. Es ist ein Familienfest jenes Amerika, das Angela Merkel als Verbündete und moralische Führerin der freien Welt feiert.

Mag die Kanzlerin daheim in Deutschland in jüngster Zeit bisweilen abwesend gewirkt haben: Für die liberalen Eliten der USA steht sie im Zenit ihrer Macht. So groß ist der Glanz, dass es zu Spiegelungen und Projektionen kommt – etwa, als Margaret Wang, die Vorsitzende von Harvards Ehemaligenvereinigung, zu einer Eloge ansetzt: Merkel habe während ihrer 14-jährigen Amtszeit die Energiewende eingeleitet, den Mindestlohn eingeführt, die Ehe für alle ermöglicht und „die Grenzen für mehr als eine Million Menschen geöffnet“.

Angesichts der Pirouetten der CDU-Politikerin beim Atomausstieg und ihres Neins bei der Ehe-Abstimmung im Bundestag klingt das nun doch ein bisschen schräg, ganz abgesehen davon, dass der Mindestlohn vom sozialdemokratischen Koalitionspartner durchgesetzt wurde und die Flüchtlingspolitik inzwischen in Merkels eigener Partei höchst kritisch diskutiert wird.

Harvard-Absolventen werfen bei den Graduierungsfeierlichkeiten aufblasbare Weltkugeln in die Luft. Merkel hat bei ihrer Verabschiedung die zentrale Rede gehalten.

Doch die räumliche Distanz lässt manche Konturen verschwimmen. Andere Kontraste erscheinen dafür umso schärfer – vor allem der zwischen Merkel und Donald Trump. Die Kanzlerin muss den Wüterich im Weißen Haus gar nicht beim Namen nennen, um als seine natürliche Gegenspielerin gesehen zu werden. So wirkt ihr 35-minütiger Vortrag, für den sie eigens an die amerikanische Ostküste gejettet ist, auf drei Ebenen: Äußerlich ist es ein für Merkels Verhältnisse ungewöhnlich persönlicher, manchmal etwas pathetischer Leitfaden für die jungen Akademiker. Gleichzeitig hört man als Unterton stets eine Kommentierung von Trump heraus. Und schließlich illustriert der Vortrag, wie weit Merkel als „Elder Stateswoman“ inzwischen den Niederungen des trüben Groko-Alltags schon entflohen ist.

„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, zitiert die Kanzlerin eingangs Hermann Hesse. Später philosophiert sie: „Es gibt keinen Anfang ohne ein Ende, keinen Tag ohne die Nacht, kein Leben ohne den Tod.“ Das kann man auf den Umbruch im Leben der Uni-Absolventen beziehen oder auf die politische Finsternis unter dem derzeitigen US-Präsidenten oder auch auf Merkels Herkunft aus der DDR und ihre Zukunft nach dem absehbaren Ende der Kanzlerschaft. Danach nämlich will sie – so viel lässt sie durchblicken – „wieder etwas Anderes und Neues“ machen.

Merkels klare Absage an Protektionismus und Handelskriege, ihr Aufruf zur Bekämpfung des Klimawandels und ihre Kampfansage an ignorante Engstirnigkeit fallen deutlich konkreter aus. Dafür erntet Merkel jedes Mal viel Beifall. Ihre Mahnung, die Politik dürfe „bei allem Entscheidungsdruck nicht immer dem ersten Impuls folgen“ wird freudig als Abrechnung mit der erratischen Trump’schen „Twitterkratie“ verstanden. Den euphorischsten Zuspruch aber bekommt die Kanzlerin für ihre Forderung, „dass wir Lügen nicht Wahrheiten nennen und Wahrheiten nicht Lügen“. Da springen die Zuhörer buchstäblich von ihren Sitzen und klatschen sich die Hände wund. Vor ein paar Jahren wäre die Aussage noch banal gewesen. In einer Welt der „alternativen Fakten“ aber wird die spröde Nüchternheit der Physikerin Merkel plötzlich zum kostbaren Gut.

„Sie ist eine Frau der Wissenschaft“, schwärmt Ryan Ortizo, der die Rede in Robe und schwarzem Akademiker-Hut verfolgt hat. Der Sohn philippinischer Einwanderer hat sein Medizinstudium abgeschlossen und wünscht sich mehr Naturwissenschaftler in der Politik. „Frau Merkel ist eine sehr starke Anführerin“, schwärmt er. Ob das zum Ende ihrer Amtszeit nicht nachlässt? „Im Gegenteil“, kontert Ortizo: „Jetzt, wo sie sich nicht mehr um ihre Wiederwahl kümmern muss, hat sie die Freiheit, noch mutiger in ihrem Handeln zu werden.“

Ein interessanter Gedanke. Doch Merkels Aufforderung, unbekannte Wege auf der Suche nach dem zu beschreiten, „was noch nie so gemacht wurde“, bezieht sich nicht auf ein kühnes Projekt in der Spätphase der Kanzlerschaft. Der Satz ist ein Zitat. „Genau diese Worte habe ich 2005 in meiner allerersten Regierungserklärung als neue gewählte Bundeskanzlerin gesagt“, setzt die Kanzlerin in Harvard hinzu. Das klingt doch eher nach einem Vermächtnis als nach Aufbruch.

Harvard und seine Reden

Der Tag, an dessen Nachmittag jeweils eine wichtige Person des öffentlichen Lebens den scheidenden Studentinnen und Studenten weise Worte mit auf den restlichen Lebensweg gibt, wird an der Harvard University „Commencement“, also so viel wie „Anfang“ genannt.

Im Englischen feiert man jenen letzten Uni-Tag mit einer „Graduation Ceremony“. Eine graduierte Person ist eine, die „einen Schritt unternimmt“ – logischerweise in die Zukunft. Und damit ist das Ende in Harvard auch ein Start.

Seit zumindest 1831 gibt es in Harvard Reden zum Aufbruch ins Leben. Unter den so Geehrten waren der Ökonom John Stuart Mill, Winston Churchill und Helmut Schmidt, die Autorin J.K. Rowling und Talk-Masterin Oprah Winfrey.

Der berühmteste Redner dürfte zweifelsohne John F. Kennedy sein, der 1956 noch als Senator sprach. Sein wohl schönster Satz damals: „Wenn mehr Politiker was von Poesie verstünden und mehr Poeten was von Politik, dann wäre die Welt doch etwas besser.“ (rut)

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