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Künftig werden die – ja durchaus existierenden – deutsch-französischen Differenzen wohl offener ausgetragen als bisher.
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Künftig werden die – ja durchaus existierenden – deutsch-französischen Differenzen wohl offener ausgetragen als bisher.

Deutsch-französische Beziehungen

Frankreich trauert um Angela Merkel - Abschied von einer Freundin

  • Stefan Brändle
    VonStefan Brändle
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Mit Angela Merkel geht eine Kanzlerin, mit der Frankreich gut konnte. Es ist gut möglich, dass die Konfliktlinien zwischen den beiden Ländern künftig offener zutage treten als bisher.

Paris - Ein Mal ergab es sich, dass die stoische Kanzlerin beinahe charmiert schien: als sie 2017 den frisch gewählten, erst 39-jährigen Präsidenten traf. „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, zitierte sie Hermann Hesse. Angela Merkel und Emmanuel Macron, das war für die Pariser Medien „M&M“, süß wie Schokolade.

Vier Jahre später sind die Menschen in Frankreich immer noch von der Kanzlerin eingenommen. 75 Prozent – ein Wert, von dem andere, namentlich französische Politiker:innen nur träumen – schätzen sie für ihr respektvolles Verhalten und ihre „Vertrauenswürdigkeit“. Die französische Merkel-Biografin Marion Van Renterghem sagt, ihr erstes Gefühl für die Kanzlerin sei „Bewunderung“.

Angela Merkel und Emmanuel Macron: Symbolträchtiges Treffen im Burgunderstädtchen Beaune

Macron wird seine „Freundin“, wie er sie fast selbstverständlich nennt, am Mittwoch in der Stadt Beaune zu einem privaten Abschiedsessen mit den jeweiligen Ehepartner:innen empfangen, eingeleitet durch ein Klavierrezital. Der Ort ist symbolisch: In dem von Weinbergen umgebenen Burgunderstädtchen hatten sich 1993 schon Helmut Kohl und François Mitterrand getroffen. Merkel wird die für sie höchstmögliche Auszeichnung der französischen Ehrenlegion, das Großkreuz, erhalten. Und zweifellos jede Menge von Sympathiebekundungen. „Es ist bewegend, diese große Kanzlerin zu ihrem letzten Auslandbesuch hier zu begrüßen“, sagt der Bürgermeister von Beaune, Alain Suguenot.

Er ist nicht der Einzige, der in Frankreich bewegt ist über den Abgang, ja Verlust einer Kanzlerin, die vier französische Präsidenten erlebt hat. Deutschland ohne Merkel, das ist für Frankreich wie Großbritannien ohne Queen: undenkbar. Gar beunruhigend. Denn was wird nun, nach 16 Jahren mit einer verlässlichen Kanzlerin, aus der zentralen und komplexen deutsch-französischen Beziehung?

Feine Ironie in Paris zwischen Angela Merkel und Emmanuel Macron

Gewiss, Frankreich war nicht immer begeistert über Merkels wegweisende Entscheide – weder zum Atomausstieg noch zu der Politik Merkels im Jahr 2015, als besonders viele Menschen nach Europa flüchteten. Doch mit der Kanzlerin gab es nie offenen Zoff, etwas, was für die streitbare gallische Seele schon fast an ein Wunder grenzt. Warum, sagt der Pariser Geschichtsprofessor Sylvain Kahn: „Während 16 Jahren hat sie es mit Talent und Erfolg geschafft, ihre französischen Partner nie zu kränken, den EU-Kern nie zu zerreißen.“

„Mutti“, wie sie in Paris mit nur ganz leichter Ironie auch genannt wird, wusste, wie sie die wichtigen Männer im Elysée-Palast nehmen musste. Jacques Chirac, der erste Präsident, den sie ab 2005 im Amt erlebte, begrüßte sie nur per galantem Handkuss – nicht mit dem ruppigen Ton, mit dem er und Gerhard Schröder in Agrarfragen aneinandergeraten waren.

Mit Nicolas Sarkozy (ab 2007) und François Hollande (ab 2012) konnte Merkel weniger. Vielleicht auch, weil sie ihnen auf Dauer überlegen war: Weder der impulsive Gaullist Sarkozy noch der taktisch unbedarfte Sozialist Hollande vermochten die Pfarrerstochter umzustimmen, wenn sie den Fuß wieder einmal aufs Bremspedal hielt. Aber auch aus den gravierenden Subprimes- oder Griechenlandkrisen fanden sie zum Schluss stets einen gangbaren Weg.

Selbst Streitpunkte zwischen Merkel und Macron wurden ohne Nervendrama abgehandelt

Ihrem letztem Gegenüber Macron machte Merkel ein gewichtiges, aus ihrer Sicht allerdings nur „provisorisches“ Zugeständnis: 2020 gab sie ihren monatelangen Widerstand auf und billigte die gemeinsame Aufnahme von Covid-Milliarden. Auch diesmal ging es ohne Nervendrama ab. Obwohl Frankreich in diesen EU-Krediten einen Dammbruch sieht, und sogar einen ersten Schritt hin zu einer eigentlichen europäischen Schuldenunion.

Macron nimmt dieses Wort nicht in den Mund, solange in Berlin die Koalitionsverhandlungen laufen. Danach wird er aber Druck machen. Zur Frage neuer Schulden bespricht er sich bereits mit dem italienischen Ministerpräsidenten Mario Draghi. Mit Polen hofft er eine Atom-Lobby zu zimmern, mit den Niederlanden den Ansatz einer echten europäischen Verteidigung.

Macron möchte Merkels Job als „europäischer Leader“

Das liberale Pariser „Institut Montaigne“ glaubt, dass das deutsch-französische Tandem dem Präsidenten im Elysée „nicht mehr genügt“. Und wie das Pariser Wirtschaftsblatt „La Tribune“ anfügt, werde Macron den Abgang Merkels von der politischen Bühne benützen, um sich als „europäischer Leader“ in Szene zu setzen.

Das Timing passt: Frankreich übernimmt im kommenden Halbjahr den EU-Vorsitz. Und bei den Präsidentschaftswahlen 2022 wird Macron zweifellos wieder kandidieren. Er spielt bereits mit brisanten Ideen, etwa der Aufhebung der Defizit- und anderer Maastricht-Regeln im Euroraum. Die Finanzpolitiker:innen in Berlin hüsteln hörbar. Paris stört sich seinerseits daran, dass die neue Koalition in Berlin den Bundeswehr-Bestand nicht ausbauen will. Da lauert viel Konfliktstoff.

Frankreich und Deutschland: brüchiger Kitt am Rhein

Auch wenn der Brexit Deutschland und Frankreich zusammengeschweißt hat: Den beiden Kernnationen der EU mangelt es nicht an tiefgehenden Differenzen, und es ist anzunehmen, dass sie nun offener ausgetragen werden als in den vergangenen 16 Jahren. Dem deutsch-französischen Paar könnte bald eine schlichtende Komponente fehlen. Auf jeden Fall aber werden die TV-Bilder der Pressekonferenzen vor blau-weiß-roter und schwarz-rot-goldener Fahnenkulisse nun wieder männerdominiert sein.

Die Kanzlerin kann sich deshalb sicher sein: Das Bedauern, das die Französ:innen an dem Abschiedstreffen in Beaune wortreich zum Ausdruck bringen werden, ist sehr aufrichtig gemeint. (Stefan Brändle)

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