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Die Angehörigen von Jamal Khashoggi wollen den Leichnam in Medina beisetzen.

Mord in Istanbul

Angehörige fordern Jamal Khashoggis Leiche

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Die Söhne des ermordeten Kolumnisten Jamal Khashoggi wollen ihren Vater im saudi-arabischen Medina beisetzen.

Fünf Wochen nach dem Mord an dem saudi-arabischen Journalisten Jamal Khashoggi im Istanbuler Konsulat des Königreichs Anfang Oktober konzentrieren sich Angehörige und Ermittler auf den Verbleib seiner Leiche. Khashoggis Söhne haben die Regierung in Riad aufgefordert, ihnen den Leichnam zu übergeben. Sie wollten ihren Vater auf einem Friedhof im saudi-arabischen Medina beisetzen, sagte der 35-jährige Salah Khashoggi dem US-Nachrichtensender CNN in einem am Sonntag ausgestrahlten Interview. Salahs jüngerer Bruder Abdullah äußerte die Hoffnung, sein Vater sei „ohne Schmerz oder schnell“ gestorben, „oder dass er einen friedlichen Tod hatte“.

Die bisher bekanntgewordenen Informationen sprechen nicht dafür. Nach anfänglicher Leugnung hatte Saudi-Arabien am 25. Oktober zugegeben, dass der 59-jährige Jamal Khashoggi vorsätzlich getötet wurde, als er am 2. Oktober ins Istanbuler Konsulat ging, um dort Papiere für seine geplante Hochzeit abzuholen. Laut türkischen Medien wurde der Kolumnist der „Washington Post“ sofort nach dem Betreten des Gebäudes erwürgt und anschließend zerstückelt. Ein türkischer Beamter hatte der „Washington Post“ zudem mitgeteilt, dass Khashoggis Leichnam aufgelöst worden sei, um alle Spuren zu verwischen. Das bestätigte der türkische Präsidentenberater Yasin Aktay am Freitag.

Fall Khashoggi: internationales Entsetzen

Die grausige Tat hat international Entsetzen hervorgerufen. Bisher weigert sich die Regierung in Riad jedoch, den Verbleib von Khashoggis Leiche aufzuklären. Als der saudische Generalstaatsanwalt Saud al-Mudschib vergangene Woche nach Istanbul kam, gab er keine Informationen darüber preis. Türkische Medien spekulierten, dass es al-Mudschib nicht um Aufklärung gegangen sei, sondern nur um den Schutz des faktischen Saudi-Herrschers Kronprinz Mohammad bin Salman, der den Mord möglicherweise in Auftrag gegeben habe.

Eine ähnliche Aufgabe soll ein Team saudischer „Tatortreiniger“ befolgt haben, das neun Tage nach dem Verschwinden Khashoggis nach Istanbul geschickt wurde, um „die Beweise zu vernichten“, wie die türkische regierungsnahe Zeitung „Sabah“ am Montag berichtete. Das elfköpfige Team, dessen Fotos aus Überwachungskameras die Zeitung publizierte, habe eine Woche lang täglich im Konsulat gearbeitet, bevor es am 17. Oktober wieder abreiste – dem Tag, an dem Saudi-Arabien der Türkei endlich gestattete, das diplomatisch geschützte Konsulat zu durchsuchen. Im Konsulatsgarten fanden die Fahnder nach offiziellen Angaben trotzdem nicht näher bezeichnete „biologische Beweise“.

Es ist unklar, welches Ziel der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan mit seiner Strategie verfolgt, stückweise wichtige Ermittlungsergebnisse an die Medien weitergeben zu lassen. Der Staatschef, der kritische Journalisten in der Türkei selbst unnachsichtig verfolgen lässt, behauptete in einem Gastkommentar für die „Washington Post“ vom Freitag, der Befehl für den „politischen Mord“ sei von den „höchsten Ebenen“ der saudischen Regierung gekommen. Allerdings glaube er „nicht eine Sekunde lang“, dass der saudische König Salman schuldig sei. Politische Beobachter in Ankara schließen daraus, dass es dem türkischen Staatschef darum gehe, den erklärten Türkei-Kritiker Kronprinz Mohammad bin Salman zu schwächen.

Ins Zwielicht gerät auch die US-Regierung

In Saudi-Arabien wurden zwar 18 Personen festgenommen, darunter alle Mitglieder eines 15-köpfigen „Killer-Teams“. Unter dem zunehmenden internationalen Druck hat die Führung des Landes am Montag vor dem UN-Menschenrechtsrat bei einer routinemäßigen Prüfung der Menschenrechtslage weitere Aufklärung versprochen. Doch die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet, hatte schon vor Tagen Zweifel an einer unabhängigen saudischen Untersuchung genährt und die Beteiligung internationaler Experten gefordert. Dieser Forderung schlossen sich am Montag eine Reihe von Staaten an.

Ins Zwielicht gerät auch die US-Regierung. Wie die „Washington Post“ und die „New York Times“ unter Berufung auf Insider berichteten, soll der saudische Kronprinz Khashoggi in einem Telefonat mit US-Präsident Donald Trump wenige Tage vor dessen Verschwinden wahrheitswidrig als „gefährlichen Islamisten“ und Mitglied der Muslimbruderschaft bezeichnet haben. Damit habe die Trump-Administration frühzeitig von einem möglichen Mordmotiv der saudischen Führung gewusst, folgert die „Times“, sei aber trotzdem zu dem Schluss gekommen, Salmans Macht auch nach der Tat nicht sinnvoll begrenzen zu können oder wollen. Stattdessen wolle man von einer Schwächung des Kronprinzen profitieren. Die deutsche Bundesregierung hat unterdessen alle Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien vorerst gestoppt. Allerdings bildet die Bundeswehr zunächst weiter Soldaten aus Saudi-Arabien aus, wie am Montag bekanntwurde. (mit dpa)

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