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Ein Screenshot zeigt die Tonbandmitschrift der Zeugenaussage von Sarah Nebel, wie sie auf der DVD "Der Auschwitz-Prozess" dokumentiert wird. Gleichzeitig kann man sich die Originalaufnahme des Tonbands mit einem MP3-Programm (unten links) anhören. Die DVD, erschienen in der Reihe der "Digitalen Bibliothek" im Berliner Verlag Directmedia, enthält auch mehr als 500 Fotos, darunter auch eine Aufnahme der Zeugin.

Tonbandprotokolle auf DVD

"44 Anfang Mai wurden wir aus den Wohnungen geholt"

Die Zeugenaussage der Überlebenden, die Fragen des Richters, die Einlassungen des Angeklagten und seines Verteidigers - das alles ist jetzt erstmals einem breiten Publikum zugänglich auf einer DVD, die das Fritz-Bauer-Institut und das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau zum Frankfurter Auschwitz-Prozess herausgegeben hat.

Frankfurt/Main (ap). "Und was geschah 44?" fragte am 2. Oktober 1964 der Vorsitzende Richter im Frankfurter Auschwitz-Prozess die aus Jerusalem angereiste Zeugin Sarah Nebel. "44 Anfang Mai wurden wir aus den Wohnungen geholt auf einen Berg, wo einige Baracken standen", antwortete die 57-jährige Hausfrau mit gefasster Stimme, im Siebenbürger Tonfall. "Am 31. Mai wurden wir einwaggoniert in Viehwaggons, und man führte uns - drei Tage sind wir gefahren - bis Auschwitz." Dort traf die Jüdin auf einen der Angeklagten, Victor Capesius, einen Apotheker, den sie schon 1935 in Bukarest kennengelernt hatte.

Die Zeugenaussage der Überlebenden, die Fragen des Richters, die Einlassungen des Angeklagten und seines Verteidigers - das alles ist jetzt erstmals einem breiten Publikum zugänglich auf einer DVD, die das Fritz-Bauer-Institut und das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau herausgegeben hat. Im Mittelpunkt stehen rund 100 Stunden an ausgewählten Tonbandaufnahmen aus dem Frankfurter Auschwitz-Prozess. Dies ist eine Auswahl aus dem Mitschnitt von insgesamt mehr als 400 Stunden Dauer, der als Gedächtnisstütze für das Gericht entstanden ist.

Die Tondokumente vermitteln einen oft nüchternen, streckenweise beklemmenden Eindruck des Geschehens im Gerichtssaal. Fotos geben den Stimmen der Prozessbeteiligten ein Gesicht. Für das gesamte Tonbandprotokoll wurde eine Mitschrift erstellt, die über eine Volltextsuche erschlossen werden kann. Jeder Name im Protokolltext lässt sich mit einem Mausklick im Personenregister nachschlagen - hier sind mehr als 2.800 Personen mit ihren wichtigsten Lebensdaten und ihrer Beziehung zum Auschwitz-Prozess aufgeführt. Ergänzend gibt es ein Sachregister mit mehr als 1.700 Begriffen von 14f13 (einem NS-Begriff für die Ermordung von Kranken) bis Zyklon B sowie ein Abkürzungsregister.

Den streng chronologisch geordneten Dokumenten sind einführende Texte zur Geschichte und Organisationsstruktur des Vernichtungslagers Auschwitz sowie zu den NS-Prozessen in Deutschland vorangestellt. Hier findet sich auch eine Chronik mit den wichtigsten Daten zur Geschichte von Auschwitz. Vervollständigt wird die Dokumentation von weiteren schriftlichen Quellen zum Prozess. Dazu gehören etwa die Gutachten zum Prozess und Aufzeichnungen, die wie das Tagebuch des ehemaligen SS-Arztes Johann Paul Kremer zum Gegenstand der Hauptverhandlung wurden. Allein der Textbestand umfasst mehr als 48.000 Bildschirmseiten.

Zur Orientierung in den Bergen von Dokumenten kann man Lesezeichen setzen, Textstellen markieren und mit Anmerkungen versehen. Alle Texte lassen sich kopieren und ausdrucken. Rechtzeitig zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz ermöglicht die DVD neben der wissenschaftlichen Beschäftigung so die Erinnerung in einer besonders intensiven Form.

Die DVD "Der Auschwitz-Prozeß" ist in der Reihe der "Digitalen Bibliothek" im Berliner Verlag Directmedia erschienen. Die Software kann sowohl auf einem Windows-PC (ab 95) als auch auf einem Mac (ab OS 10.2) installiert werden. Die DVD ist über den Buchhandel oder direkt beim Verlag zum Preis von 45,00 Euro zu beziehen.

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