+
Die meisten Soldaten fielen dem "Bewegungskrieg" zum Opfer - nicht dem "Stellungskrieg", als der der Erste Weltkrieg gemeinhin gilt.

Der Anfang vom Ende des bürgerlichen Zeitalters

Bilder, Biografien und Schauplätze eines (quasi-)totalen Krieges: Aus Anlass des 90. Jahrestages seines Ausbruchs sind vier neue Bücher über den Ersten Weltkrieg erschienen

Von ROLF WÖRSDÖRFER

Darmstädter Studierende, vor Jahresfrist in einer Vorlesung zum Ersten Weltkrieg befragt, erinnerten sich vor allem an den "Stellungskrieg" und an die "Materialschlachten", an "Sarajevo" oder "Versailles". Tatsächlich warf auch die historische Forschung Jahrzehnte lang vor allem Fragen auf, die mit dem äußeren Kriegsverlauf zu tun hatten, mit der Kriegsschuldproblematik, dem Friedensschluss oder militärstrategischen Gesichtspunkten.

Erst spät begann man, den Folgen des Krieges für die Bevölkerung nachzuspüren, für Militärpersonen ebenso wie für Zivilisten, darunter die daheim gebliebenen Frauen. Anlässlich des 90. Jahrestags des Kriegsausbruchs sind zuletzt Publikationen in den Buchhandel gelangt, die an sehr unterschiedliche Gruppen von Leserinnen und Lesern gerichtet sind: Neben einer mit einem umfassenden Anspruch angetretenen Enzyklopädie - Gerhard Hirschfeld und Gerd Krumeich resümieren dort u.a. die Entwicklung der internationalen Weltkriegsgeschichtsschreibung - erschien eine kommentierte Quellenedition; auf eine - gründlich lektorierte - Aufsatzsammlung folgte ein von der enormen Sammelleidenschaft seiner Herausgeberin zeugender Wort-Bild-Band. Die Neuveröffentlichungen ergänzen einander so gut, dass keine von ihnen die andere vollständig ersetzen kann.

Trotzdem stellt sich die Frage, warum überhaupt neue Bücher über den "Großen Krieg" benötigt werden. Ein Grund liegt sicher im Wandel des Forschungsinteresses, der es auch ermöglicht, Bände zu veröffentlichen, die die verschiedenen Fragestellen und Themen miteinander kombinieren. Dies gilt vor allem für die Enzyklopädie Erster Weltkrieg, die politikorientierte Länderartikel ebenso enthält wie Texte zu einzelnen sachlichen Schwerpunkten ("Frauen", "Soldaten", "Kriegswirtschaft") und zum Kriegsverlauf.

Einige Bücher sind reichlich illustriert, was mit einem seit längerem zu beobachtenden, den Ersten Weltkrieg betreffenden Bilderschwund zusammenhängt. Das Verblassen der einschlägigen Bilder - geblieben sind vor allem die typisierten Fotografien vom begeisterten Aufbruch der Soldaten an die Front im August 1914 - ist umso folgenreicher, als es sich um den ersten großen militärischen Konflikt handelte, in dem nahezu alles fotografiert wurde. Daneben gab der Krieg Tausenden von mehr oder weniger talentierten Malern Gelegenheit, die dramatischsten Schlachtenszenen als Motiv zu wählen.

Manchmal bewahrten die Großväter der heute Fünfzig- bis Sechzigjährigen auch über das Jahr 1945 hinaus Bände gefüllt mit Kriegsfotografien und -gemälden auf. Vier Jahrzehnte später gelangte ein Teil des Materials in die damals neu aufgestellten Papiercontainer oder in die Antiquariate für Militaria. Etwa zu derselben Zeit tauchten aus den Nachlässen große Mengen bis dahin nicht zur Verfügung stehender privater Dokumente auf, darunter Feldpostbrief-Sammlungen und Tagebücher.

Brigitte Hamanns an ein breites Publikum gerichtetes Buch stützt sich vor allem auf das Familienarchiv ihres verstorbenen Schwiegervaters. Sie verlässt sich in einem bislang für historiografische Arbeiten ungewöhnlichen Maß auf die Wirkung von Abbildungen, die helfen können, viele mit dem "Großen Krieg" verknüpfte Problemkreise zu erfassen.

Ein Beispiel: Bisweilen erschienen unter den Darstellungen von Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg auch die als "Wilde" von den übrigen Kombattanten deutlich abgesetzten Angehörigen der kolonialen Hilfstruppen. Die von den Entente-Mächten an die Front geworfenen Senegalesen, Marokkaner oder Inder, die sich häufig als tapfere Kämpfer erwiesen, litten sehr unter dem für sie ungewohnten atlantischen Klima.

Die deutsche und österreichische Propaganda stilisierte indessen den Krieg zum Abwehrkampf des "zivilisierten Mitteleuropa" gegen die von angeblich minderwertigen farbigen Rassen beeinflussten alten Kolonialmächte. Letztere, so hieß es, überließen sogar das Kriegführen den Afrikanern und Asiaten. Hamann zeigt ein martialisches Gemälde, auf dem zu Pferde angreifende Kolonialtruppen aus einer unsichtbar bleibenden deutschen Maschinengewehrstellung heraus niedergemäht werden.

Mit dem Beginn des Materialkriegs hatte das Deutsche Reich - dies ist allerdings unter dem Lemma "Tiere" in der Enzyklopädie Erster Weltkrieg nachzulesen - die meisten Kavalleristen absitzen und in den Schützengräben Platz nehmen lassen. Attacken zu Pferde - so eine mögliche Botschaft des Gemäldes - konnten nur noch "Wilde" führen, nicht ohne darauf die ihnen gebührende Antwort von seiten der Angehörigen des "Kulturvolkes" zu erhalten. Zwar war es noch ein Stück Weges von der auf solchen Bildern verherrlichten Kriegspraxis bis zur zwangsweisen Sterilisierung der "Rheinland-Mulatten", wie unter dem NS-Regime die Kinder genannt wurden, die Besatzungssoldaten aus den Kolonien nach Kriegsende mit deutschen Frauen gezeugt hatten. Aber ein Zusammenhang, der im Glauben an die rassische Inferiorität der Afrikaner oder Asiaten wurzelte, ist erkennbar.

In Europa hatte der Konflikt mit einem Mal die Schwerpunkte der kontinentalen Geographie verschoben: Er sorgte dafür, dass bis dahin selten genannte Flüsse oder Landschaften überall abgebildet oder erwähnt wurden: die Marne, die Somme oder der Isonzo auf der einen, Galizien, Flandern und Masuren auf der anderen Seite. Noch handelte es sich nicht um den "totalen Krieg" gegen die Städte, obwohl beispielsweise das wallonische Dinant oder das friaulische Görz durch Artilleriebeschuss nahezu völlig zerstört oder hart getroffen wurden.

Angst vor Pogromen

Die meisten Opfer forderte der Einsatz der Artillerie allerdings unter den Soldaten. Durch die verheerende Einwirkung der Granaten starb ein Vielfaches jener Kombattanten, die durch Handfeuerwaffen oder durch Giftgaseinsätze getötet wurden. Benjamin Ziemann, der für die Enzyklopädie Erster Weltkrieg dem Schicksal der bald nicht mehr im traditionellen "bunten Rock", sondern einheitlich und eintönig feldgrau, khaki oder graugrün gekleideten Wehrpflichtigen und Berufssoldaten nachgegangen ist, zeigt, dass die meisten Kämpfer im Westen in den ersten Kriegsmonaten umkamen, also während der Phase des Bewegungskrieges. In vielerlei Hinsicht, so schließt Ziemann, sei der Stellungskrieg nur die spektakuläre Seite des Konflikts gewesen, mit den allseits bekannten Höhepunkten an jenen Orten, an denen bis heute die meisten Kriegerdenkmäler und Soldatenfriedhöfe zu besichtigen sind, vom französischen Fort Douaumont bei Verdun bis zur italienischen "Heldentreppe" von Redipuglia bei Triest.

Hamann erwähnt die Angst vor Pogromen als Motiv für die Flucht jüdischer Bewohner aus dem von russischen Truppen besetzten Galizien. In Wolfgang Mommsens Aufsatzsammlung ist von einer "fortschreitenden Radikalisierung der Kriegsführung" die Rede, "welche immer näher an die Grenze eines totalen Krieges" führte. Der Autor, einer der besten Kenner der Materie unter den deutschen Historikern, deckt Kontinuitätslinien auf, die von den Schauplätzen des ersten Weltkonflikts direkt in die Kriegs- und Krisenregionen der 1990er und 2000er Jahre reichen. Tatsächlich rückte der "Große Krieg" neben der Balkanhalbinsel auch den Nahen und Mittleren Osten dichter an Zentraleuropa heran.

Auf die Probe gestellt wurden die Beziehungen Deutschlands zu den östlichen Nachbarn, die bis 1918 noch vielfach als Minderheiten innerhalb der deutschen, russischen und österreichischen Grenzen lebten. Mommsen analysiert eine Denkschrift, in der der Vorsitzende des Alldeutschen Verbandes Heinrich Claß schon Mitte September 1914 eine "völkische Flurbereinigung" forderte. Dahinter verbarg sich eine "Politik der Ausräumung und Verpflanzung" nationaler Minderheiten aus den vom Deutschen Reich zu annektierenden Gebieten. Leid tragende sollten vor allem die nicht assimilationswilligen, auf der Wiederherstellung ihrer nationalen Einheit beharrenden Polen werden. Insofern gehörte Claß' Denkschrift zu den ersten ethnischen Säuberungsprogrammen im Europa des 20. Jahrhunderts.

Poetische Mobilmachung

Mommsen hat seinen Texten eine Einleitung vorangestellt, in der es heißt, der Erste Weltkrieg verkörpere vor allem das "Ende des bürgerlichen Zeitalters". Er knüpft hier an eine Reichstagsrede August Bebels von 1911 an, in der der Sozialdemokrat die Katastrophe eines europäischen Krieges als unmittelbare Folge des Wettrüstens prophezeite und für diesen Fall den "Zusammenbruch der überkommenen bürgerlichen Welt" ankündigte.

Was zwischen 1914 und 1918 an Illusionen zunächst aufkeimte und dann zerstört wurde, das lässt sich gut den Tagebuchaufzeichnungen eines Angehörigen der bürgerlichen Eliten entnehmen. Zu alt, um selbst noch aktiv Kriegsdienst leisten zu können, hatte der Heidelberger Mittelalter-Historiker Karl Hampe bei Beginn des Konflikts einer Sanitätskolonne geholfen, am Bahnhof eintreffende Verwundete auf die Krankenhäuser der Stadt zu verteilen. An der so genannten poetischen Mobilmachung - auch zu diesem Thema findet sich ein instruktiver Text bei Mommsen - nahm der nationalliberale Mediävist teil, indem er ein "Gedicht" auf ein Unterseeboot verfasste. Seine große Stunde schlug, als die Behörden in ihm einen Experten für die Geschichte Belgiens entdeckten. Hampe war nicht nur bereit, seine Zweifel an der Lebens- und Überlebensfähigkeit dieses Landes durch eigens dazu eingeleitete "Forschungen" zu untermauern, sondern er stellte letztere auch in den Dienst der deutschen Kriegspropaganda. Das bescherte ihm mitten im Weltkrieg die Möglichkeit zu reisen, Archivstudien zu betreiben und die zerstörten belgischen Städte zu besichtigen. Dinant sah der Heidelberger Professor durch deutsche Kanonen und Mörser "grauenvoll verwüstet", aber schon in Löwen tröstete er sich damit, dass die Außenmauern der Bibliothek erhalten geblieben waren.

Nach der deutschen Niederlage mutierte der patriotische Professor, der aus seinem behäbigen "Honoratiorenantisemitismus" bis dahin kein Hehl gemacht hatte, übrigens zum so genannten Vernunftrepublikaner. Er trat der Deutschen Demokratischen Partei bei, die - auf der extremen Rechten als "Judenpartei" verschrien - zu einer Art Sammelbecken bildungsbürgerlich-liberaler Eliten zwischen dem Kaiserreich und der Weimarer Republik wurde - mit Spuren, die bis in die frühe Bundesrepublik zu Theodor Heuß reichen. Einsichtig genug, nicht an die "Dolchstoßlegende" zu glauben, unternahm Hampe nichts, um diese etwa wider besseres Wissen weiter zu verbreiten. Der Erste Weltkrieg war zu Ende und ein neues Kapitel der deutschen Geschichte wurde aufgeschlagen. Hampe war bereit und in der Lage, sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion