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Duganen versuchen bei Tokmak über die Grenze von Kasachstan nach Kirgistan zu fliehen.

Kasachstan

Am Anfang eine Prügelei

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Nach einem Pogrom in Südkasachstan sind Tausende Menschen auf der Flucht. Es besteht der begründete Verdacht, dass der ethnische Konflikt von langer Hand geplant wurde.

Es begann am vergangenen Mittwoch mit einem Lastwagen, der einem Pkw die Straße versperrte, der Wortwechsel zwischen den Insassen artete in eine Schlägerei aus. Der Lkw-Besatzung kamen dunganische Nachbarn zur Hilfe, ein kasachischer Greis wurde umgestoßen und brach sich ein Bein.

Danach eskalierte ein Alltagskonflikt zwischen Vertretern der kasachischen Mehrheit und der Minderheit der Dunganen im südkasachischen Landkreis Kordai in blutigen Pogromen. Die gut 60 000 Dunganen, die in Kasachstan leben, gehören zu einer chinesischen Volksgruppe, deren Angehörige sich zum Teil nach einem in den 1870er-Jahren gescheiterten Aufstand aus Nordwestchina ins Zarenreich abgesetzt hatten. Sie sprechen weiter chinesisch und sind muslimischen Glaubens.

„Wir rechtfertigen die Idioten, die die Prügelei begonnen haben, nicht“, sagte Chussej Daurow, ein lokaler Führer der Duganen, dem Portal vlast.kz. Die Ältesten vor Ort seien zu den Kasachen gegangen und hätten sich entschuldigt. Zwei Tage später aber tauchten mehrere hundert Männer in dem dunganischen Ort Masantschi auf, um abzurechnen, attackierten Dunganen und ihre Häuser, stürmten auch zwei Nachbardörfer, bei Massenschlägereien mit Eisenstangen und Feuerwaffen kamen zehn Menschen ums Leben, 150 wurden verletzt, 4500 bis 6000 sind auf der Flucht. Autos und etwa 30 Häuser wurden verbrannt. Daurow sagt, praktisch alle dunganischen Frauen und Kinder hätten ihre Dörfer verlassen, um sich bei Verwandten im benachbarten Kirgistan in Sicherheit zu bringen.

Laut Radio Azattyq kehrte gestern ein Teil von ihnen in ihre inzwischen von Einsatzpolizisten besetzten Dörfer zurück. Aber nicht nur dort herrscht Nervosität, viele Kasachen befürchten, die ethnischen Gewalttätigkeiten von Kordai könnten um sich greifen. Im 130 Kilometer entfernten Almaty, mit 1,8 Millionen Einwohnern die größte Stadt Kasachstans, wurden die Polizeikontrollen massiv verstärkt. Dort leben 120 Nationalitäten, darunter auch eine große dunganische Diaspora.

Präsident Kassim Tokajew twitterte am Sonntag, das Blutvergießen hätten Provokateure unter der Duldung von Staatsbeamten angezettelt. In politischen Kreisen wird spekuliert, ob sich die Aktion gezielt gegen Tokajew richtet, der im März 2019 Nachfolger des langjährigen Machthabers Nursultan Nasarbajews wurde und als Modernisierer gilt. Beobachter verweisen auf Videos, die zeigen, dass die Angreifer von Polizisten begleitet wurden, die nichts unternahmen, um die Gewalt zu beenden. Die russische Zeitung „Nesawissimaja Gaseta“ schreibt, viele Angreifer seien keine ethnischen Kasachen gewesen, sondern Uiguren, Vertreter einer anderen chinesischen Diaspora in Kasachstan.

„300 Mann, die Eisenstangen, Feuerwaffen und Molotow-Cocktails bereithalten, lassen vermuten, dass es sich um einen vorbereiteten Konflikt handelt“, sagt der Moskauer Mittelasien-Experte Juri Solosobow unserer Zeitung. Entweder hätten Schmugglerbanden unter Teilnahme der Polizei miteinander abgerechnet. Oder hohe Sicherheitsbeamte stünden hinter den Unruhen.

Laut Solosobow soll Kerim Maximow, der Chef des kasachischen Komitees für Nationale Sicherheit, uigurische Wurzeln haben und enge Kontakte zu chinesischen Geheimdienst- und Wirtschaftsleuten pflegen. „China hat schon einen Großteil Mittelasiens schrittweise in sein Protektorat verwandelt.“ Länder wie Tadschikistan oder Turkmenistan hätten sich bei den Chinesen hoch verschuldet, Kasachstan sei die noch mit Abstand unabhängigste Volkswirtschaft der Region. China könnte an einer Destabilisierung Kasachstans interessiert sein, um es ebenfalls unter seine Kontrolle zu bringen.

Der Politologe Dossym Satpajew aber schreibt auf Facebook, eine gescheiterte Sozialpolitik sowie Korruption und Kriminalität innerhalb der Staatsorgane, hätten Armut und soziale Spannungen in der Bevölkerung weit verbreitet. „Selbst wenn hinter diesem Konflikt wirklich Provokateure gestanden haben, so doch nur, weil es etwas gab, was sie provozieren konnten.“

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