1. Startseite
  2. Politik

Andrij Melnyk: Der ukrainische Undiplomat

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Martin Benninghoff

Kommentare

Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk wird nun in die Heimat abberufen. Das Porträt eines Kämpfers, der sich zum Schluss verrannt hat.

Frankfurt/Kiew – Andrij Melnyk ist ein freundlicher Mann. Und Andrij Melnyk ist eine Reizfigur. Wie passt das zusammen? Kaum ein anderer Diplomat – vielleicht mit Ausnahme des früheren US-Botschafters Richard Grenell – hat das politische Berlin in den vergangenen Jahren derart aufgemischt wie der Ukrainer in Mission. Doch damit ist bald Schluss: Melnyk wird im Herbst nach Kiew abberufen.

Das haben diplomatische Kreise der FR bestätigt. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat demnach zugestimmt, offiziell beschließen muss das die Regierung von Premierminister Denys Schmyhal. Vielleicht noch im Juli.

Andrij Melnyk: Nicht nur an Bundeskanzler Olaf Scholz übte er Kritik

Der 1975 im westukrainischen Lwiw geborene Jurist hat die Spielräume und Gepflogenheiten der Diplomatie neu definiert – und nach Ansicht vieler weit überspannt. Melnyk hat Bundeskanzler Olaf Scholz als „beleidigte Leberwurst“ bezeichnet, sich später dafür entschuldigt. Seine harsche Kritik an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und dessen früherer Haltung zu Nordstream 2 haben ihm viele als politisches Sakrileg krummgenommen.

Andrej Melnyk, ukrainischer Botschafter in Deutschland, weist Vorwürfe von sich.
Andrij Melnyk wird in die Ukraine abberufen. © IMAGO/Chris Emil Janssen

Ein ausländischer Diplomat habe nicht das Staatsoberhaupt des Gastgeberlandes in der Art zu kritisieren, so die Meinung vieler, von SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich bis zu FDP-Bundestagsvize Wolfgang Kubicki. Melnyk keilte zurück, im Fernsehen, auf Twitter, im Radio, überall: „Herr Mützenich, hören Sie auf, den Botschafter eines souveränen Staates zu belehren, mundtot zu machen und einzuschüchtern.“

Ukrainischer Botschafter: Andrij Melnyk polarisiert in der Gesellschaft

Auch bei unseren Leser:innen polarisiert dieser Mann wie kaum ein anderer, wie Zuschriften zeigen. Doch die Frage, wie viel Gehör man dem Chefdiplomaten eines angegriffenen Staates einräumt, berührt einen zentralen Aspekt: Ist Kiews Sicht auf den russischen Krieg, vorgetragen durch den eloquent Deutsch sprechenden Diplomaten, nicht genau die Zumutung, die wir alle brauchen, um unsere eigenen Positionen zu schärfen, sei es in Einvernehmen oder Ablehnen? Wäre ein Diplomat, der sich vornehm an die Gepflogenheiten des diplomatischen Corps gehalten hätte, überhaupt gehört worden?

Aber so funktioniert Melnyk ohnehin nicht. Mundtot machen – selbst wenn das irgendjemandes Ziel gewesen wäre – lässt er sich nicht. Der Medienstar, der seit seinem Amtsantritt Anfang 2015 Hunderte Interviews gegeben hat, geht keiner Auseinandersetzung aus dem Weg. Im Februar 2015 duellierte er sich in Günther Jauchs ARD-Talk mit dem damaligen russischen Botschafter Wladimir Grinin. Da lag die völkerrechtswidrige Annexion der Krim durch Russland ein knappes Jahr zurück. Das Abkommen Minsk II war wenige Tage zuvor unterzeichnet worden.

Andrij Melnyk: Auch er selbst muss Vorwürfe und Kritik wegstecken

Melnyk hielt mit seiner ablehnenden Meinung nicht hinterm Berg: Zwar sei ein „schlechter Frieden besser als ein guter Krieg“, aber sämtliche Abkommen, die Russland unterschrieben hat, seien nur „ein Fetzen Papier geblieben“, sagte er gewohnt undiplomatisch im Deutschlandfunk. Dass er mit dieser Einschätzung im Nachhinein Recht behalten hat, schützt ihn nicht vor Kritik. Viele – inklusive der damaligen Kanzlerin Angela Merkel – waren zu Recht der Auffassung, jeder diplomatische Verhandlungsversuch sei besser als die Aufgabe weiterer Vermittlungsversuche.

Aber Melnyk, der Realist, wusste es besser. Stattdessen musste er Vorwürfe parieren, die Ukraine sei korrupt und ein „failed state“ inmitten Europas. Das wiederum hat seinen Zorn beflügelt und seine Mission, die deutsche Öffentlichkeit aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken.

Verrannt: Andrij Melnyk verstrickt sich in Widersprüchen

Dass der Botschafter schon damals für Waffen für die Ukraine trommelte, passte allerdings noch nicht in die Zeit, in der der Krieg in der Ostukraine für die meisten in Deutschland sehr weit weg schien. Gehör fand er in Berlin erst Jahre später, nicht zuletzt und überraschenderweise bei den Grünen.

Heute ist er ein bisschen stolz darauf, dass er die Liefer-Debatte maßgeblich mitgeprägt hat – auch die um den EU-Beitritt der Ukraine. Aus Kiews Sicht hat er seinen Job gemacht. Aus mancher deutscher Sicht hat er einfach nur genervt.

Zuletzt verließ ihn der Instinkt. Das Interview mit dem Journalisten Tilo Jung ist ihm entglitten, als er den früheren ukrainischen Nationalisten und Antisemiten Stepan Bandera als „Freiheitskämpfer“ verteidigte – nicht zum ersten Mal. Dass der Ausschnitt aus dem langen Interview in den sozialen Medien die Runde machte und sogar Kiew zu einer Distanzierung nötigte, hätte er kommen sehen müssen. Schlimmer ist: Bandera steht mit Sicherheit nicht für die westlich orientierte ukrainische Demokratie, für die sich Melnyk einsetzt. Warum versteht er das nicht?

Andrij Melnyk
Andrij Melnyk muss nun gegen das Image eines Faschistenverstehers ankämpfen. © Kay Nietfeld/dpa

Andrij Melnyk: Nach einigen Fehlern abberufen

Es mag Gründe geben, weshalb sich ein Ukrainer wie Melnyk schwertut mit dieser klaren Sicht auf Bandera. Als Deutschlandkenner und guter Nachbar Polens hätte er allerdings um die Brisanz seiner Aussagen wissen müssen. Dass er nun gegen das Image eines Faschistenverstehers ankämpfen muss, hat er sich selbst eingebrockt. Die Abberufung nach Kiew ist deshalb eine Art politisches Abklingbecken, da er weiß, dass er Fehler gemacht hat. Er sucht die Besinnung, die letzten Monate und erst recht die letzten Tage sind ihm spürbar an die Substanz gegangen.

Dass künftig zwischen ihm und Berlin rund 1300 Kilometer Luftlinie sind, heißt aber nicht, dass er leiser wird. Er wird als Vize des Außenministers Dmytro Kuleba gehandelt. Das wäre formal ein Aufstieg. Zugleich hat nicht zuletzt sein Präsident gezeigt, wie man sich auf Distanz in internationale Debatten einschaltet – und sei es nur per Videoschalte. Melnyk ist bald weg. Aber er bleibt auch da. Das wird manche freuen und anderen eine Drohung sein. (Martin Benninghoff)

Auch interessant

Kommentare