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„Andrea Böhm war schon immer Avantgarde“

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Andrea Böhm bei der Verleihung des Werner-Holzer-Preises für Auslandsjournalismus.
Frankfurt 9.12.22 Verleihung Werner-Holzer-Preis für Auslandsjournalismus der Karl-Gerold-Stiftung © Monika Müller

Die Autorin Özlem Topçu über ihre Ex-Kollegin bei der „Zeit“.

Ich kann mich an so manche Konferenz im Politik-Ressort der „Zeit“ erinnern: freitags, die legendäre Helmut-Schmidt-Konferenz, da saßen sie alle, oft in Krawatte und Anzug (so manch einer sogar in Tweed!). [...]

Es gab Momente bei dieser Konferenz, so geht meine Erinnerung zumindest, da wurde es still, die Köpfe drehten sich um (passierte selten), und an den Gesichtern erkannte man eine wirkliche Neugierde, Erstaunen, Respekt.

Diese Momente traten eigentlich immer ein, wenn Andrea sprach. [...] Denn Andrea Böhm hatte immer etwas zu erzählen aus einer Region der Welt oder einem Land, in dem die meisten an diesem Tisch noch nie waren. Oder nur aus Büchern oder Thesenpapieren wichtiger Thinktanks kennengelernt hatten. Und wenn sie schon einmal hingereist waren, hatten sie nicht den Blick, den Andrea hatte – meistens tief und weit. An diesem Tisch füllte Andrea immer Lücken: Wissenslücken, Empathielücken, Ideenlücken, Humorlücken. [...]

Zur Person

Andrea Böhm , 1961 geboren, war von 1992 bis 1997 und dann wieder von 2000 bis 2005 als Korrespondentin und Reporterin in den USA tätig. Seit 2006 arbeitet sie im Politik-Ressort der Wochenzeitung „Zeit“ und berichtet häufig über Sub-Sahara-Afrika. Von 2013 bis 2018 war sie Nahost-Korrespondentin in Beirut. mben

Andrea Böhm begann sich und ihren Leser:innen die Welt zu erschließen in einer Zeit, in der es noch kein Instagram, Twitter oder Facebook gab. Vielleicht daher der tiefe und weite Blick. [...]

Sie war schon immer Avantgarde: Andrea Böhm dachte Geo- und Klimapolitik zu einer Zeit zusammen, als so mancher selbsternannte Öko noch herzhaft in seine Kantinenwurst biss. [...] Das Avantgardistische zeigt sich auch in ihrer Darstellung der Menschen des globalen Südens. Ich würde es unkorrumpierbare Zugewandheit nennen, der sie dabei leitet.

Wir treffen in Andrea Böhms Geschichten oft Versehrte und Opfer von Kriegen und Krisen. Aber wir lernen auch handelnde Subjekte kennen, die politisch sind und die Geschicke ihres Landes mitgestalten oder ändern wollen. [...] Ich lese in Andreas Texten immer ein Bedürfnis mit, in den hiesigen Gefilden eine allzu weiße Sicht auf den afrikanischen Kontinent zu brechen.

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