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In der Forschung zu Vorurteilen herrscht dabei weitgehend Konsens darüber, dass Vorurteile gegenüber Menschen gruppenbasiert sind.

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Das Wir und die Anderen

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Unsere Vorurteile gehören nicht einfach zu uns, wir übernehmen sie. Und es braucht mehr als Aufklärung und Bildung, um sie wieder loszuwerden.

Linke können nicht mit Geld umgehen

„Mein Sohn, spare in der Zeit, dann hast Du in der Not“, höre ich meinen Vater selig, Bank- und Buchhalter mit Seele, noch sagen, wenn ich zaghaft um Erhöhung des Taschengeldes vorsprach. Auch erinnere ich mich an belebte Debatten am sonntäglichen Frühstückstisch, wenn – wie in den Achtzigerjahren in Hessen oder später im Bund – „die Sozis“ die Gestaltungsmacht im Parlament erlangten – und damit auch die über den Staatssäckel. „Es mag ja alles gut gemeint sein, aber die Linken, sie können einfach nicht mit Geld umgehen ...“, hieß es da. Später, in Studienzeiten, musste ich – alternativ, eben links – öfters daran zurückdenken, wenn meine Kommilitonen der Kunst- und Literaturgeschichte spontan nach Prag ausflogen, dabei aber die fällige Zahlung des Semesterbeitrags prompt vergaßen oder sich nach etlichen Bieren als platterdings unfähig erwiesen, ihre Zeche halbwegs korrekt zu summieren ... Aus einem Vorurteil drohte ein Urteil zu werden. Doch auch ich hätte nicht immer Gnade vor meines Vaters Augen gefunden, wenn ich meinen Freunden mal mit etwas Barem aushalf – denn wie pflegte er zu sagen: „Kein Borger sei und auch Verleiher nicht!“ – Wie man’s macht ... (anonym)

Sozialpsychologisch bestehen Vorurteile aus verschiedenen Komponenten, die analytisch getrennt werden können, in der Praxis jedoch gleichzeitig und ineinander verwoben auftreten. Gemeint sind Stereotype, also vermeintliche, kognitiv zugängliche Wissensinhalte, etwa über soziale Gruppen von Menschen, Emotionen, also Gefühle, die im Zusammenhang mit dem entstehen, worauf sich ein Vorurteil bezieht, und schließlich Handlungen, welche sich einstellen, wenn Menschen mit Vorurteilen sich zu dem verhalten, was sie bereits emotional und kognitiv vorab bewusst oder unbewusst bewertet haben.

In der Forschung zu Vorurteilen herrscht dabei weitgehend Konsens darüber, dass Vorurteile gegenüber Menschen gruppenbasiert sind. Demnach ordnen sich Menschen in sozialen Interaktionen selbst sozialen Gruppen zu und kategorisieren ferner ihre Interaktionspartner ebenfalls als Mitglieder sozialer Gruppen. Dabei ist es zunächst unerheblich, ob dies eine soziale Interaktion unter Anwesenden oder auch eine mediale oder auch nur vorgestellte Interaktion ist. Entscheidend für die Diskussion der Vorurteile als soziales Phänomen ist vielmehr, dass weder die Eigengruppenzuordnung noch die Kategorisierung der „Anderen“ zufällig stattfinden, sondern gesellschaftlich vorgeformt sind. Das von dem britischen Soziologen Stuart Hall entworfene „verhängnisvolle Dreieck“ aus „Rasse“, Geschlecht und Klassenzugehörigkeit kann dabei als zentral angesehen werden, wobei zu betonen ist, dass gesellschaftlich ausgehandelt wird, wann welche Merkmale von Menschen wie bewertet werden, wann sie als relevant gelten und wann nicht. Erklärungen von Vorurteilen und Ausgrenzungsphänomenen, welche ausschließlich biologistisch oder evolutionspsychologisch argumentieren, greifen daher zu kurz.

Im Laufe der Erziehung und Sozialisation werden Vorurteile wie andere Einstellungen erlernt, das heißt im Kontakt mit den Vorurteilen im sozialen Nahraum, in der medialen Repräsentation der Welt und in sozialen Interaktionen werden Bewertungen und scheinbar typische Verhaltensweisen von Mitgliedern sozialer Gruppen als „natürlich“ angesehen und dementsprechend verinnerlicht, aber auch dynamisch weiterentwickelt, verworfen und neu erlernt. Diese Einstellungen werden dabei allerdings stets mit weiteren Überzeugungen abgeglichen und verknüpft, sodass sich ein ideologisches, teils diffuses, teils reflektiertes Überzeugungssystem intraindividuell ausbildet. Dieses Überzeugungssystem kann als Deutungsschema angesehen werden, welches weitere passende Informationen honoriert, andere hingegen als irritierend kognitiv wie emotional nicht zulässt. Auf Vorurteile bezogen erklärt dies, warum Vorurteile, einmal ausgebildet, relativ stabil gegenüber Veränderungsimpulsen sind. Die Stabilität lässt sich ferner dadurch erklären, dass sie auf der Innenseite, also bei denjenigen, die Vorurteile aufweisen, verschiedene psychologische Funktionen erfüllen.

Die Funktionen von Vorurteilen auf der Innenseite können wie folgt unterschieden werden:

1. „Wir“-Gefühl

Die Last mit dem Rad

„Schaut her, wir schützen das Klima, wer wird denn da so engstirnig sein und lästern, weil wir auf dem Wochenmarkt den Käsestand zugeparkt haben? Das Lastenrad ist das Selbstdarstellungs-Vehikel der Bionade-Bohème, es kostet so viel wie ein Kleinwagen und wird dringend gebraucht, um die 1500 Meter zwischen Altbauwohnung und Kita zu überwinden. Da müssen Bus, Straßenbahn und Pendlerauto einfach mal warten. Bullerbü in der Stadt, ist das nicht schön, und jetzt auch noch mit Motor. Wie schade, dass der Unverpackt-Laden und die Musikschule ganze zehn Kilometer entfernt sind. Und wie gut, dass für solche Fälle noch ein Volvo SUV und ein Mini Cooper in der zur geerbten Eigentumswohnung gehörenden Tiefgarage zwei Straßen weiter stehen. Meine Vorurteile gegen Lastenradfahrerinnen und Lastenradfahrer habe ich jahrelang gehegt und gepflegt. Seit November fahre ich selbst eine dreirädrige, motorisierte Kutsche. Und was soll ich sagen: Es war die beste Anschaffung meines Lebens.“ (anonym)

Im nationalen Kontext bieten sich Vorurteile gegenüber Personen an, die nicht die eigene Staatsangehörigkeit besitzen. Gleiches gilt für Vorurteile gegenüber Personen, die als „kulturell fremd“ konstruiert werden. In diesem Fall ist der Konstruktionsanteil höher als bei der Staatsangehörigkeit, weil kulturelle Zugehörigkeiten komplexer und diffuser sind, die Grenzziehungen des „wir“ und „die“ also einer relativen Beliebigkeit folgen. Kulturrassistische Vorurteile ersetzen dabei scheinbar die biologische Begründung von Zugehörigkeit und Ausschluss durch kulturalisierende Argumentationen, die im Kern darauf zielen, dass Kultur etwas sei, was für „die Anderen“ determinierend wirke und unabänderlich ist. Dass der „Andere“ somit erst zum Anderen gemacht wird, weil Unterschiede überbetont und Gemeinsamkeiten ausgeblendet werden, legitimiert das Vorurteil: Weil der „Andere“ durch seine Kultur erstens fremd und zweitens determiniert ist, ist die Abwertung und Ausgrenzung aus Sicht einer kulturrassistischen Perspektive legitimiert.

2. Selbstwerterhaltung und -steigerung

Das Zugehörigkeitsbedürfnis und das Bedürfnis, sich selbst positiv zu begreifen, manifestieren sich in den Identifizierungen mit sozialen Gruppen (etwa Vereinen, Parteien oder Gruppen in sozialen Netzwerken), welche wiederum durch Abgrenzungen zu anderen sozialen Gruppen den Selbstwert ihrer Mitglieder steigern. Welche Merkmale zur Identifizierung herangezogen werden, ist auch das Ergebnis von sozialen Aushandlungsprozessen und hat folglich einen konstruktiven Charakter. In aller Regel sind jedoch neben dem Geschlecht und dem Alter auch in demokratischen Gesellschaften ethnische Zugehörigkeiten von maßgeblicher Relevanz, auch wenn aufseiten der privilegierten sozialen Gruppen diese Identifizierungen als blinde Flecken übersehen werden. Dies ist dadurch erkennbar, dass Weißsein in aller Regel nicht thematisiert ist, auch wenn mit dieser Kategorie höherer gesellschaftlicher Status einhergeht. Implizite Vorurteile von weißen gegenüber schwarzen Menschen müssen somit häufig für Weiße erst reflexiv erschlossen werden. Dennoch fungiert diese Zugehörigkeit als selbstwertsteigernde Kategorie, da ein struktureller Rassismus Hautfarbe als relevante Kategorie stabilisiert und sie gleichzeitig mit Bewertungen versieht, die Weiße als Norm und Schwarze als Abweichung im gesellschaftlichen Bewusstsein verankern.

3. Kontrolle, legitimierte Ungleichheit, „Wissen“ und „Orientierung“

Die komplexe Welt gedanklich zu ordnen, bewirkt eine Form der Kontrollüberzeugung. Manifeste soziale Ungleichheiten entziehen sich jedoch häufig unserer Kontrolle und widersprechen den Zielen und dem Selbstanspruch moderner demokratischer Gesellschaften. In diese Widersprüchlichkeit treten Vorurteile als scheinbare Legitimierung immer dann, wenn durch sie erklärbar wird, wie es zu spezifischen Ungleichheiten kommt. Wenn beispielsweise Menschen keine Arbeit finden, ermöglicht es uns das Vorurteil der Faulheit, gesellschaftlich-strukturelle oder tiefer gehende biografische Ereignisse als Ursache auszuschließen. Folglich muss weder gesellschaftlich-strukturell etwas geändert werden, noch erscheint es notwendig, den Einzelfall genauer zu betrachten, wenn bereits klar ist, dass die Arbeitslosigkeit ihren Grund in der individuellen Eigenschaft der Faulheit hat. Dieser Mechanismus ist derart flexibel, dass er für Einzelfälle und ganze soziale Gruppen funktioniert, also auch für die Legitimierung globaler gesellschaftlicher Ungleichheit. Mit Vorurteilen ist folglich eine Form des vermeintlichen Wissens verbunden, welches eine Orientierung in der komplexen Welt ermöglicht.

4. Wem kann vertraut werden und wem nicht?

Obdachlos

„Ich weiß, Obdachlose sind auch nur Menschen. Ich weiß auch, Obdachlose sind keineswegs alleine Schuld an ihrem Schicksal. Ich weiß auch: Sie könnten Hilfe, Zuspruch, Menschlichkeit vertragen. Alleine: Wenn ich an einem Menschen vorbeikomme, der in zerrissenen Klamotten und mit einer Flasche Bier in der Hand vorm Discounter sitzt oder in seinem Schlafsack inmitten von Mülltüten nächtigt, dann stößt mich alles daran ab. Und ich denke, der kann sich ja erstmal in der Obdachlosenunterkunft etwas herrichten, dann ... (anonym)

In sozialen Interaktionen mit zunächst unbekannten Interaktionspartnern bieten Vorurteile eine Art Rahmen für die Art und Weise der Kommunikationsgestaltung. Stereotype reduzieren also in diesen Situationen die Vielzahl an Merkmalen, auf die in der Wahrnehmung des Gegenübers fokussiert werden könnte. Dadurch entstehen eine Komplexitätsreduktion und die Möglichkeit, ad hoc zu kommunizieren. Wir wissen demnach zumindest im Groben, wie wir beispielsweise in einer solchen Situation eine unbekannte ältere Person oder auch eine noch unbekannte Vorgesetzte ansprechen können. Gleichzeitig kann durch das stereotypgeleitete Kommunikationsverhalten aber sozialer Ausschluss und Diskriminierung entstehen, wenn entweder bewusst oder unbewusst das Gegenüber fehlerhaft kategorisiert wurde („Eine schwarze Person kann keine Vorgesetzte sein!“) oder Merkmale herangezogen wurden, die für die Gesprächssituation irrelevant sein sollten (zum Beispiel die Hautfarbe des Leiters der Personalabteilung).

Nun zu den Folgen von Vorurteilen auf der Außenseite:

Auf der Außenseite der Vorurteile führen diese in der Regel zu negativen sozialen Auswirkungen, indem Zugänge zu relevanten gesellschaftlichen Teilsystemen, wie etwa dem Arbeits- oder Wohnungsmarkt, spezifischen sozialen Gruppen erschwert werden. Dies ist beispielsweise daran zu beobachten, wenn der Nachname ausschlaggebend bei der Wohnungssuche ist oder die Migrationsgeschichte des Kindes Einfluss auf die Empfehlung für die weiterführende Schule hat.

Dr. Michael Müller ist Erziehungswissenschaftler und forscht derzeit an der Hochschule Koblenz zum Thema Rassismus.

Darüber hinaus kann es in Folge von Vorurteilen zu negativen unmittelbaren psychischen Auswirkungen für die Adressaten kommen, wie einem geringeren Selbstwert und verminderter eigener Leistungsüberzeugung und generell dem Gefühl, gesellschaftlich nicht dazuzugehören und somit weniger anerkannt zu sein. Die sich daran anschließenden Coping-Strategien sind häufig alleine von den Adressaten aufzubringen, sodass diese die Belastung kompensieren müssen, was sich wiederum negativ auf andere Lebensaspekte auswirken kann. Das Verhältnis von denen, deren gesellschaftliche Position also stabil ist, und denjenigen, die sich gesellschaftliche Zugehörigkeit gegen etablierte Vorurteile erarbeiten müssen, entspricht daher nicht dem Anspruch allgemeiner Gleichheit.

Was tun gegen Vorurteile?

Männer auf Tretroller

„Sorry, aber Tretroller-Männer gehen einfach gar nicht. Ganz schlimm, wenn sie dazu noch Anzug und Krawatte tragen. Ich denke dann sofort: Möchtegern-cool. Innerlich sind sie doch die Ober-Spießer, die Zuhause ihr Auto jeden Sonntag saugen, diesem einen Gute-Nacht-Kuss geben und immer ihre Ralph-Lauren-Shirts bügeln. Was soll das denn auch sein? Kindergarten-Jungs auf Tretrollern sind süß. Erwachsene Männer mit Rollern, ja, damit meine ich auch E-Scooter, sind einfach nur peinlich. Und besonders sportlich ist es auch nicht. Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn man so einen Herren daten würde. Kommt er dann zusammen mit seinem Lieblings-Kuscheltier im Partnerlook vor das Restaurant gerollt?“ (anonym)

Die Arbeit gegen Vorurteile kann nicht bloß in Aufklärung und Bildung bestehen. Vielmehr müssen Kontaktsituationen zwischen sozialen Gruppen hergestellt werden, die, gerahmt durch gleichen Status und gemeinsame Ziele, neue emotionale Erfahrungen ermöglichen. Darüber hinaus ist die Frage nach Zugehörigkeit und Identität zu stellen und dahingehend gesellschaftlich zu beantworten, dass es etwas Gemeinsames gibt, zu dem sich alle sozialen Gruppen zugehörig fühlen können, was jedoch gleichzeitig aber auch von allen mitgestaltet und mitdefiniert wird. Letzteres wäre ein neues Konzept von Integration, welches Integration von allen in etwas gemeinsames Neues vorsieht.

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