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Adrian Ursache inmitten seiner Anhänger.

Rechtsradikale

Die andere Realität der „Reichsbürger“

Deutschland existiert nicht, Deutschland ist ein Sklavenstaat, Deutschland ist immer noch besetzt – obskure Welterklärungen sind besonders bei frustrierten Bürgern hoch im Kurs.

Von Steffen Könau

Der Mann hat blaue Augen, die unter einem dünnen Pony hervorblitzen. „Ich wäre sehr vorsichtig“, sagt der kleingewachsene Herr, „da tritt nämlich Rom zwei in Kraft, Kapitel zwei: unerlaubte Handlungen“. Der Mann gibt sich selbstbewusst und die Sonne scheint in seinen Garten, in das Reich Ur am Ortsrand von Reuden in Sachsen-Anhalt. „Auf Jahrzehnte“, verspricht Adrian Ursache, gebe es kein Entkommen vor ihm. „Wir können euch immer kriegen, da verjährt nichts“.

Ringsum nicken andere Männer bedächtig. Wenn die Wahrheit eines Tages siegt, wird abgerechnet. Der kleine Mann sprüht Speichel, während er über „kollisionsrechtliche Verordnungen“ der EU referiert, mit denen er allen, die über ihn schreiben, das Handwerk legen wird. „Bleib ruhig“, sagt einer, „wir reden ganz vernünftig, da musst du niemanden bedrohen.“

Wobei die Bezeichnung vernünftig im Gespräch mit den Mythenjägern, Reichstheoretikern und selbst ernannten Völkerrechtsexperten im später von der Polizei gestürmten Reich Ur keine naheliegende Kategorie ist. Rom II etwa, von dem Adrian Ursache glaubt, es sei eine Art übergeordnetes Strafrecht, existiert tatsächlich. Es betrifft aber nur Zivil- und Handelssachen, die das Recht verschiedener Staat berühren. Ursache hat es falsch verstanden.

Deutschland? Ein Sklavenstaat

So ist das immer in der Parallelwelt jener, die von außen meist als „Reichsbürger“ bezeichnet werden. Mancher hier glaubt an die Fortexistenz des Deutschen Reiches, andere nur an die Nicht-Existenz der Bundesrepublik. Manche sehen in der ihrer Ansicht nach fortdauernden Besatzung durch die USA die größte Hürde auf dem Weg zurück zur Souveränität. Andere warten immer noch auf einen Friedensvertrag, ohne den der Zweite Weltkrieg noch andauern werde.

Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie unter uns leben, aber in einer anderen Wirklichkeit. Ihrer Meinung nach bestimmen allmächtige Zirkel den Lauf der Welt. Die halten sich Deutschland als Sklavenstaat, eine „GmbH nach Handelsrecht“ beschreibt einer.

Leute wie Adrian Ursache oder sein Nebenmann, der Holger heißt und eine Brille um den Hals baumeln hat, können das erklären. „Man sieht es schon am Personalausweis“, sagen sie. Der müsse ja „Personenausweis“ heißen, oder Identitätskarte, wie ein junger Mann aus Sachsen vorschlägt. Aber kann ja nicht. „Weil mit Personalausweis gemeint ist, dass wir alle Personal dieser GmbH sind.“ Dass deutsche Ausweise schon im alten Preußen, als ihrer Ansicht nach noch alles gut war in der Welt, „Personalausweis“ hießen, irritiert sie keine Sekunde. Man könne ja auch in seinen Pass schauen, empfiehlt Holger: „Bei Staatsangehörigkeit steht da nicht Deutschland, sondern deutsch“. Warum wohl? Nicht, weil die Staatsangehörigkeit nun mal „deutsche Staatsangehörigkeit“ heißt. Sondern, klar, weil es einen deutschen Staat gar nicht gibt!

Die Runde aus Männern in Freizeitlook, die jetzt einhellig nickt, hat viel von Klaus Maurer, einem Ex-Banker, der sich heute „natürliche Person gemäß §1 des staatlichen BGB“ nennt und all die so gut gehüteten Geheimnisse über die vorm Volk versteckte „BRD-GmbH“ öffentlich macht. Man weiß Bescheid. Man blickt durch. Man sieht dunkle Zeiten kommen.

Das Reich der Enttäuschten

Die Szene hat ihre eigenen Videokanäle wie Bewusst-TV und Alpenparlament, eigene Foren, in denen Gleichgesinnte diskutieren, und sie hat Vordenker wie Klaus Frühwald, der als viriler Handlungsreisender in Sachen Staatsbankrott unterwegs ist, um die Lehre von der Nicht-Existenz der Bundesrepublik zu predigen.

Wer zuhört, weiß irgendwann Bescheid über Dinge, von denen die meisten Menschen nicht einmal etwas ahnen. Er erkennt die Geheimzeichen wie der in Großbuchstaben gedruckte Name im Pass. „Seit dem alten Rom bedeuten Großbuchstaben, dass du ein Sklave bist“, weiß Michel, der für das „Amt für Menschenrechte“ viele „Willkür“-Prozesse der verabscheuten BRD-Justiz beobachtet hat. Obwohl es im alten Rom nur Großbuchstaben gab, ist Michel sicher: Sie machen den Menschen zum „Treuhandvermögen“, die rote Farbe des Passes signalisiert Sklaventum. Zweifel?

Es muss stimmen, weil sonst gar nichts stimmen würde. Bei Hobby-Völkerrechtlern wie Peter Frühwald, dem Wittenberger „König“ Peter Fitzek oder dem im August bei einer Schießerei in seinem „Reich Ur“ in Reuden schwerverletzten Adrian Ursache finden Menschen, die von der Realität enttäuscht sind, Bestätigung. Eine obskure Welterklärung ist offenbar immer noch besser als keine.

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