Brutale Einschüchterungskampagne

Das andere Afghanistan

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Khalida Nawabi engagierte sich für die Demokratie - und scheiterte. So wie ihr geht es vielen, die sich für ein anderes Afghanistan einsetzen und deshalb ins Fadenkreuz der Aufständischen geraten. Von Andreas Schwarzkopf

Sie wollten mich umbringen." Die Afghanin Khalida Nawabi spricht ruhig über den Tag, an dem bewaffnete Männer an ihre Tür in Kabul klopften. Sie war nicht zu Hause, arbeitete im Familienministerium. Ihre Hausangestellte richtete der heute 29-Jährigen die Drohung aus: Sie müsse aufhören, für die afghanischen Regierung und den Westen zu arbeiten, sonst werde sie getötet.

So wie ihr geht es vielen, die sich für ein anderes Afghanistan einsetzen und deshalb ins Fadenkreuz der Aufständischen geraten. Die Taliban starteten 2009 eine brutale Einschüchterungskampagne. Nicht immer sind sie dabei so erfolgreich wie bei Khalida Nawabi: Sie packte nach dem Besuch der bewaffneten Männer ihre Koffer, reiste über Moskau nach Deutschland und beantragte im März vergangenen Jahres Asyl.

Die Morddrohung war "nicht der einzige Grund", aus dem sie ging, sagt sie. Anfeindungen war sie wegen ihres Jobs gewohnt. Sie half verprügelten oder vergewaltigten Frauen und zwangsverheirateten Mädchen, sich zu wehren. Damit machte sich die Juristin mächtige Feinde.

Dann war da noch der Fall des siebenjährigen Mädchens, das ein Cousin eines Provinzgouverneurs vergewaltigt habe, so Khalida Nawabi. Beweise wurden vertuscht, Gutachten gefälscht. Das traf sie hart. "Demokratie ist doch auch für die misshandelten Frauen, Mädchen und mich da - oder?", sagt sie traurig.

Ganz anders klingt sie, wenn sie von ihrem Engagement in Kabul erzählt. 2005 bracht sie von Peschawar in Pakistan in ihre Heimat auf - so wie Millionen seit 2002. Zehn Jahre vorher war sie wie Millionen anderer mit ihrer Familie vor dem blutigen Bürgerkrieg in Afghanistan ins Nachbarland geflohen. Dort beendete sie dank der Hilfe ihrer Eltern ihre Ausbildung. Sie und ihr Vater, ein Richter, mussten sich häufig dafür rechtfertigen, dass sie zur Schule, statt zu heiraten. In Kabul arbeitete sie erst für die Vereinten Nationen, dann für das Innenministerium und anschließend für das Familienministerium.

Jetzt lebt Khalida Nawabi in Bremen und arbeitet nach ihrer Anerkennung als Asylantin erneut an einer Zukunft - "hoffentlich als Juristin". Dafür lernt sie Deutsch. Zurück will sie nicht. Denn die internationale Gemeinschaft und die Regierung Karsai, glaubt sie, bekämen die vielen Probleme nicht in den Griff. Anderer Meinung sind laut einer Umfrage 70 Prozent der Afghanen: Sie sehen ihr Land auf dem richtigen Weg.

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