Mit einer Schau in den Kunstsammlungen Chemnitz und der Ankündigung „Steuergelder für die Antifa“ zu verwenden, testet das Peng-Kollektiv die Grenzen der sächsischen Kunstfreiheit.
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Mit einer Schau in den Kunstsammlungen Chemnitz und der Ankündigung „Steuergelder für die Antifa“ zu verwenden, testet das Peng-Kollektiv die Grenzen der sächsischen Kunstfreiheit.

Peng-Kollektiv

Ausstellung „Antifa - Mythos & Wahrheit“: Ausgeladen - oder alles nur ein Missverständnis?

  • Alicia Lindhoff
    vonAlicia Lindhoff
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Vor dem Start der Ausstellung „Antifa - Mythos & Wahrheit“ in Chemnitz kommt es zum Streit - oder nur zu einem Missverständnis?

  • Unter „Antifa“ werden viele Aspekte zusammengefasst.
  • Dem Begriff ist eine Ausstellung unter dem Namen „Antifa - Mythos & Wahrheit“ gewidmet.
  • In Chemnitz regt sich Widerstand gegen die Ausstellung - wenig überraschend meist von rechts.

Die Kunstsammlungen Chemnitz liegen mitten im bürgerlichen Herz der Stadt. Der langgezogene Prachtbau, gebaut zu Ehren des sächsischen Königs Albert, thront am zentralen Theaterplatz, direkt neben dem Opernhaus.

Kann an einem solchen Ort eine Ausstellung mit dem Titel „Antifa – Mythos & Wahrheit“ Platz finden, die sich ihrem polarisierenden Sujet keineswegs auf distanziert-analytische Weise nähert, sondern klar Position bezieht – pro Antifa? Und das in Sachsen, einem Bundesland, in dem die AfD aus der vergangenen Landtagswahl als zweitstärkste Kraft hervorging – und dessen CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer 2019 nicht auf der „Unteilbar“-Demonstration in Dresden erschien, weil dort „auch Kräfte wie die Antifa mit von der Partie“ seien?

Die Grenzen der sächsischen Kunstfreiheit auszutesten – das hat sich das für politische Provokationen bekannte Peng-Kollektiv vorgenommen, nachdem es zum „Gegenwarten“-Kunstfestival der Stadt Chemnitz eingeladen worden war. Nach der bestens besuchten Eröffnung der Antifa-Ausstellung am Samstag bleibt der Eindruck: Die Kunstfreiheit, sie lebt. Aber sie kommt nicht ganz ohne Rückschläge aus.

Ausstellung in Chemnitz: „Steuergeld für die Antifa“

Schon vor der Eröffnung der Schau tobten wütende User in den Kommentarspalten der lokalen Medien und sozialen Netzwerke. Insbesondere die Ankündigung, „Steuergelder an die Antifa“ zu verteilen, rief auch Politiker auf den Plan.

Tatsächlich hat das Peng-Kollektiv 10 000 Euro staatliche Zuschüsse dafür genutzt, antifaschistischen Gruppen insgesamt zehn Objekte für jeweils 1000 Euro „abzukaufen“ - und spielen damit nicht nur auf den rechten Mythos der staatlich finanzierten Antifa an. Sie machen auch aufmerksam auf die chronische Geldnot vieler zivilgesellschaftlicher Initiativen grade im Osten. „Sachsen braucht die Antifa, und die Antifa braucht Geld.“ So sehen es die Austellungsmacher- und macherinnen.

Ausstellung über Antifa beinhaltet Lackdose von „Sprayer-Oma“

Darüber, was „die Antifa" eigentlich ist und tut, soll man sich in der Schau ein eigenes Bild machen. Die erworbenen Objekte symbolisieren verschiedene Facetten dessen, was unter dem Begriff zusammengefasst werden kann.

Da ist die Lackdose der als „Sprayer-Oma“ bekannten Irmela Mensah-Schramm, die seit Jahren Hetz-Grafitti übersprüht. Da ist eine Flagge der kurdischen Frauenverteidigungseinheiten YPJ, die in Nord-Syrien den IS bekämpft und die autonome Region Rojava mitaufgebaut haben. Da ist die gebundene Ausgabe der Anklagen aus den „Tribunalen“ des Aktionsbündnisses „NSU-Komplex auflösen“. Und da ist auch der Einkaufswagen, der in der vergangenen Silvesternacht bei Ausschreitungen im Leipziger Stadtteil Connewitz zu einiger Berühmtheit kam – brennend und beklebt mit dem Pappbild eines Polizeiwagens.

Man wolle der „Herabwürdigung und Kriminalisierung von Antifaschismus seine Vielfältigkeit und seine Schönheit entgegen“ stellen, heißt es im Begleittext. Die AfD Chemnitz schreibt dagegen auf Twitter von Steuergeld für „terroristische Verbrechen“. Vertreter der Werteunion fordern „Konsequenzen für die politisch Verantwortlichen“ und auch Mitglieder von Junger Union und Jungen Liberalen empören sich. „Eine Ausstellung über Terroristen für Terroristen“, kommentiert ein Juli.

„Antifa - Mythos & Wahrheit“ – Peng-Kollektiv: Nicht neutral

Am Freitag sieht es sogar kurzzeitig so aus, als könne die Ausstellung ganz scheitern. „Wir wurden von den Kunstsammlungen wieder ausgeladen“, twittert Peng nachmittags – keine 24 Stunden vor der geplanten Eröffnung am Samstag. Hintergrund sei, dass auf einer Wandtafel in der Ausstellung AfD, CDU und FDP dafür kritisiert würden, Antifa und gewaltbereite Neonazis gleichzusetzen – die sogenannte „Hufeisentheorie“. Die Kunstsammlungen hätten gefordert, die Parteien nicht zu nennen – weil man als städtisches Haus dem Neutralitätsgebot unterliege. Peng vermutete politischen Druck dahinter.

Mit Protest und harter Kritik hatte das Künstlerkollektiv von Anfang an gerechnet – ja, beides war kalkulierter Teil ihres Konzepts. So wollten sie eine Debatte über Antifa-Arbeit innerhalb eines bürgerlichen, kunstaffinen Milieus anregen. Doch die Parteien in der Ausstellung nicht zu erwähnen, kam für das Kollektiv nicht infrage. Man habe für die Ausstellung mit Menschen zusammengearbeitet, die täglich auch gegen „institutionellen Rassismus“ kämpften, und gegen Parteien, die antifaschistische Arbeit kriminalisierten, sagt Sprecherin Nika Blum der FR. Das in der Ausstellung zu verschweigen, gleiche einem „Verrat“.

„Antifa - Mythos & Wahrheit“: „Hier gibt es keine Zensur!“

In sozialen Netzwerken witterten manche bereits eine „Cancel Culture“ von rechts. Per Twitter bot die Stadt Hannover „Kunstasyl“ an: „Hier gibt es keine Zensur!“

Allerdings dementierten sowohl die Kunstsammlungen als auch die Stadt Chemnitz die Absage. Es sei lediglich zu „Missverständnissen“ gekommen, die aber ausgeräumt seie, hieß es in einer Mitteilung des Museums. „Die in dem Kunstprojekt verwendeten Texte werden nochmals unter dem Aspekt der Kunstfreiheit geprüft.

Dem MDR sagte Generaldirektor Frédéric Bußmann: „Es sah aus, als wenn das ein Statement der Kunstsammlungen ist.“ Um das zu verhindern, hängt nun ein Schild in der Ausstellung, auf dem sich das Museum distanziert. Es sei gut, solche Diskussionen zu führen, sagte Bußmann. Spannungen müsse man aushalten.

Die linke „Kommunikationsguerilla“ des Peng-Kollektivs wirft der Auktionsplattform Ebay vor, das Antifa-Kunstprojekt zu zensieren.

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