Reis' Parteitag im März

Amok

Thomas Reis rechnet mit Kölner Klüngel und gemäßigten Taliban ab.

Hallo Deutschland, ich komme aus Köln, noch geht das. Auf Luftbildern Kölns von 1945 und 2012 werden Sie allerdings kaum noch einen Unterschied bemerken, gut, den Dom wird es dann nicht mehr geben, aber dafür ist die U-Bahn in Betrieb. Was die Engländer von oben nicht geschafft haben, wir schaffen das von unten, dabei war Köln gerade dabei, sich erbaulich aufzuhübschen, aber wenn in Köln was funktioniert, fragst Du Dich sofort: Was läuft hier schief? Schade. Köln war eine schöne Stadt, stark unterschätzt.

Bislang galt Köln als oberflächlich. So kann man sich irren. Da staunt Ihr, wie tiefgründig Köln ist, abgründig und auch ein wenig selbstversunken. Historische Archive fristen ein trauriges Schicksal, keine Sau ruft dort an, kein Schwein interessiert sich für sie. Klar, dass die irgendwann ausrasten oder resigniert zusammenbrechen. Anna Amalia hatte ein Burn-out-Syndrom, das Stadtarchiv hat sich ertränkt, im Grundwasser, da sind wir bei den offiziellen Gründen des Desasters, Grundwasser heißt nicht grundlos so, es ist also schuldig, aber was für einen Grund hatte das Wasser für seinen Amoklauf, dem fast 2000 Schüler zum Opfer gefallen wären?

KVB-Pate Fenske meint bescheiden: "Wir wissen, was passiert ist, aber nicht warum?" Sie ahnen es, dieser Mann ist natürlich ein schamloser Lügner, woher soll ein Ingenieur wissen, dass es Statik gibt. Nun gerät alles aus den Fugen. Eine Stadt bewegt sich, auch politisch, ich bin fast geneigt zu sagen, wir erleben einen neuen rheinischen Fundamentalismus, getragen von einer gut organisierten Untergrundbewegung. Was ist die El Kaida, wir haben die KVB. Unser Osama heißt Schramma, Fritz Schramma.

Da lobe ich mir einen Menschenrechtler wie Jörg Tauss, den Karlsruher Kinderfreund und Undercoverperversen, der sich selbst in den gefahrvollen Untergrund begab, um subversiv zu recherchieren, für viel Geld, aber auf eigene Kosten. Respekt. Im Kölner Stadtrat käme nie einer auf die Idee, seine Perversionen privat zu finanzieren. Ich fürchte, sie lassen sich sogar dafür bezahlen, von Bestechlichkeit kann da keine Rede sein, in Köln gibt es keine Korruption, allenfalls Klüngel.

Dieser Klüngel ist nicht jedem gegeben. Obama versucht derzeit mit der gemäßigten Taliban zu klüngeln. Das finde ich prima, aber was ist eine gemäßigte Taliban, findet da die Scharia kosmetische Anwendung, werden dem Dieb nicht die Hände, sondern nur die Finger abgeschnitten oder lediglich die Fingernägel? Verzichtet der Liberaliban auf Enthauptungen und stellt stattdessen einen Friseurbesuch ins Netz? Das wäre in der Tat ein vernünftiger Spinner, mit dem ließe sich bestimmt was klüngeln. Und was spricht dagegen, dass aus Osama bin Laden ein aufgeklärter Moralist wird? Warum sollte Josef Fritzl seinen Enkelkindern nicht doch noch ein liebevoller Vater werden?

Worunter Fritzl am meisten leidet, ist der Umstand, dass er von seinem einzigartigen Wirken nicht mehr wird profitieren können, ganz anders als die Gemeinde Amstetten, die Fritzls Idee, das idyllische Zweigfamilienhäuschen zu vermarkten als Pilgerstätte für überforderte Väter und Musterwohnung für diskrete Massenmenschhaltung, aufgreifen möchte. Das wird so manchen Sklavereibeauftragen aus Saudi-Arabien nach Niederösterreich locken. Wer weiß, vielleicht wird sich das Wohnmodell, Fritzls Generationenhaus, patentieren und franchisen lassen. Da gibt es nur ein Problem, die Marke Fritzl hat sich ein humorvoller Amstettener Gastwirt schützen lassen. Er bietet das "Fritzl-Schnitzel" an. Das klingt nach einer kulinarischen Spezialität und eröffnet Möglichkeiten einer ganzheitlichen Fritzl-Küche, delikat und deftig. Denken sie an: Spanfritzl mit Thaiaromen. Getrunken wird dazu Kellergeister, was sonst?

Das wäre nicht nur pervers genug, um in dieser Welt bestehen zu können, sondern auch eine schöne Anregung für alle Rotenburger Gastronomen. Der Rotenburger böte sich für eine kannibalische Fastfood-Kette an. Oder wie wäre es vornehm mit "Filet Antropophage vom Hommes de Terre". Dann kommt Sarkozy zum Speisen, der hat ein Faible für derartige Schmankerl. Vor seiner Wahl sprach er gern von Diät Africaine.

Ich halte nichts von Diäten. Man muss mehrere gleichzeitig machen, damit man überhaupt satt wird. Dann geht das nur mit Trennkost, da musst Du wieder jemanden ausgrenzen, Kartoffeln, sympathische Knollenfrüchte, die kannst Du nicht vom Tellerrand schubsen. Das ist Gemüsefaschismus, so fängt es an, aber wie geht es weiter? Nicolas Sarkozy, es sind nicht nur die Initialen, die mich beunruhigen, auch seine Ästhetik. Wie tönte Sarkozy angesichts brennender Vorstädte: "Paris je veux purifier avec le Karcher", zu Deutsch: Ich werde Paris säubern, mit einem Hochdruckreiniger von Kärcher! Kärcher sitzt wo? Richtig, in Winnenden. Bislang beließ es Sarkozy bei der Ankündigung eines Amoklaufs.

Tim K. war konsequenter. Mit 17 hat man noch Träume, meist Alpträume, besonders in einem Gewerbegebiet mit Stadtrecht am Rande Stuttgarts. Winnenden, berühmt für die Industrialisierung der Kehrwoche, Brutstätte porentiefer Schmutzvertilgung, die Hauptstadt antiseptischer Zwangshandlungen und kathartischer Ausmerzung, die Gemeinde, in der das alldreckverzehrende Wasserdampfstrahlhochdruckreinigen erfunden und perfide perfektioniert wurde. Da wuchs Tim auf, ein stark verwirrter, kurzsichtiger Junge, der vor knapp 18 Jahren im elterlichen Schlafzimmer mit dem Lauf einer erigierten Faustfeuerwaffe gezeugt wurde. Oder haben Sie eine andere Erklärung für diesen Irrsinn?

Computerspiele? Sicher, Kokain ist die weichere Droge, da bist Du nur kurz online, aber nicht 24 Stunden am Tag. Den Computerkonsum baut kein Körper ab, da wird der Bildschirm zum Seelensauger, da ist Flatline im Brainpool. Aber davon werden die Kids nicht aggressiv, sondern vegetativ und damit ein Fall für die Bio-Tonne. Ich kenne Kids, die könnten von Photosynthese leben, wenn sie mal rausgingen, aber das machen sie nicht, die kompostieren vor sich hin an ihrem PC. Jetzt könnte man sagen, Biblis ist Hysterie, das Kind muss vom Netz, die ganze Generation sofort abschalten, sonst fliegt sie uns um die Ohren, aber das halte ich für überinterpretiert.

Für einen Amoklauf muss man Initiativkraft entwickeln, andererseits ist Amok die Kehrseite von Koma, aus diesem sind die Medien schlagartig erwacht, um ihrerseits Amok zu laufen. Wie sich die Heerschar der Blutkleckser und Aasapologeten über den Tatort hermachte, ekelhaft. Schade, dass der jugendliche Held keine Lidlkamera im Brillengestell mitlaufen ließ, das wären Bilder, voll krass aus der Täterperspektive und so wichtig für die kritische Berichterstattung. Blieb nur die emsige Suche nach Motiven. Motive? Was erwarten die? Einen reflektierten Feingeist, der nach eingehender Abwägung des Für und Wider und reiflicher Prüfung der Sachlage seine Schussfolgerungen, ergo die Knarre, zieht. Wahn braucht keinen Sinn, aber wie die Blutjournaille da versuchte, uns von der Notwendigkeit ihres abscheulichen Tuns zu überzeugen und den nächsten Täter von der medialen Megageilheit eines solchen Events, das war zum Amoklaufen. Wer hat sich die Rechte gesichert? Tarantino oder Sat 1? In den Werbeblöcken läuft: Dieses Massaker sehen mit freundlicher Unterstützung von Heckler und Koch, wir brauchen Euch doch. Auch ich hoffe nicht auf Psychopädagogen und sonstige Flachpfeifen, sondern auf die Knarrenlobby. Wenn die Waffen so intelligent sind, dass sie den töten, der sie abfeuert, dann ist Frieden, selbst an deutschen Schulen. Dann wird es sein wie in der guten alten Zeit, wo sich Goethes Werther, der Liebeskümmerling, vollgepackt mit empfindsamen Hormonen und juveniler Lebensangst, sozialverträglich selbst entleibte.

Es könnte alles so schön sein, Sebastian Bayer springt über sich selbst hinaus, Helg Sgarbi, alias Sim Salabim, lässt mit Schweizer Käsecharme und mit Hilfe seines Zauberstabes die unverdienten Millionen liebeslustiger Dumpfhühner verschwinden, der Abwracklauf mit seinen Panikverschrottungen geht weiter, nur Peter Kraus pfeift auf die Abwrackprämie, der Junge mit dem Goldkehlchen ist 70 geworden, sieht aber immer noch so aus, als könnte man ihm seine Gage in Lollis auszahlen. Ein Leben ohne Gebrauchsspuren, das macht ein wenig Mut.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare