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Nigerias Norden könnte gut auf Gewalt und Sabotage durch Islamisten verzichten.
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Nigerias Norden könnte gut auf Gewalt und Sabotage durch Islamisten verzichten.

Nigeria

Amnestie für Terroristen

  • Johannes Dieterich
    VonJohannes Dieterich
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Nach Gnadenerlass verlassen in Nigeria Boko-Haram-Mitglieder in Scharen die Islamistengruppe.

Hunderte von Kämpfern von Boko Haram haben sich in den vergangenen Wochen von der islamistischen Miliz losgesagt – ein Erfolg für Nigeria, den das Militär auf einen Gnadenerlass der Regierung zurückführt. Danach werden Milizionäre, die der Sekte abschwören, nicht strafrechtlich belangt: Viele erhalten eine kleine Abschlagszahlung, manche sogar ein monatliches Gehalt und eine Unterkunft. Ob es tatsächlich diese Lockmittel sind, derentwegen die Mitglieder ihrer Sekte den Rücken kehren, ist umstritten. Fachleute machen dafür den Tod des Boko-Haram-Chefs Abubakar Shekau im Mai und die gespaltene Organisation verantwortlich.

Ein Teil des Amnestieprogramms läuft bereits seit fünf Jahren. Die „Operation Safe Corridor“ zielt auf einfache Kämpfer und Sympathisanten der Sekte ab, die zunächst vom Geheimdienst gecheckt und dann in einem Städtchen im nordostnigerianischen Bundesstaat Gombe ein halbes Jahr im Lesen, Schreiben, in Englisch und einer gemäßigten Form des Islam unterrichtet werden. Danach erhalten sie zur Überbrückung rund 50 US-Dollar und müssen sich selbst durchschlagen – allerdings ohne von Strafverfolgungsbehörden belangt zu werden. Dem Angebot sollen im vergangenen halben Jahr mehr als 2000 Überläufer gefolgt sein.

„Ich verzeihe ihnen nie“

Bislang geheim gehalten wurde ein zweites Angebot der Regierung, das „Sulhu“ (Frieden schließen) heißt. Dieses zielt auf führende Mitglieder der Sekte ab: Sie erhalten ein monatliches Gehalt, eine Wohnung oder ein Haus sowie eine Lizenz zur Gründung eines Geschäfts. Auch sie durchlaufen einen halbjährigen Reintegrationskurs in Gombe und erhalten zum Abschluss ein Zertifikat, das sie vor strafrechtlicher Verfolgung schützt.

Das Sulhu-Programm sollen bisher rund 150 Kommandeure durchlaufen haben. Der UN-Mediendienst „The New Humanitarian“ zitiert einen Experten zu den Motiven der Überläufer: „Manche haben das Vertrauen in ihre Führer verloren, denen sie Korruption vorwerfen. Andere wollen, dass ihre Kinder zur Schule gehen können. Und wieder andere haben schlicht vergessen, warum sie einst zu den Waffen griffen.“

Die meisten Überläufer gehören dem brutaleren Flügel an

Angesichts dessen, dass dem fast 20-jährigen Kampf der Sekte bis heute mindestens 35 000 Menschen unmittelbar und weitere 350 000 indirekt – wegen Hungers, vermeidbarer Krankheiten und eines entbehrungsreichen Lebens in Flüchtlingslagern – zum Opfer fielen, wundert es nicht, dass das Amnestieangebot bei vielen nicht unbedingt auf Zustimmung stößt. „Ich soll ihnen vergeben, nachdem sie meinen Mann, dessen Bruder und ihre Mutter umgebracht haben?“, zitiert „The New Humanitarian“ eine Soldatenwitwe: „Ich werde ihnen niemals verzeihen!“ Selbst Ex-Geheimdienstoffizier Mike Ejiofor kritisiert das Programm: „Terroristen sind Terroristen. Der Schmerz, den sie dem Land und seinen Menschen zugefügt haben, ist dermaßen groß, dass man sie nicht einfach wieder in die Gesellschaft aufnehmen kann.“

Allerdings kehrten der Sekte noch nie so viele Kämpfer wie derzeit den Rücken: In den vergangenen Wochen sollen es mehr als 1000 gewesen sein. Fachleute machen dafür vor allem die Spaltung der Gruppe verantwortlich. Das Zerwürfnis führte zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen dem von Abu Musab al-Barnawi, dem Sohn des Boko-Haram-Gründers Mohammed Yusuf, geführten „Islamischen Staat der Provinz Westafrika“ (ISWAP) und der „Jama’atu Ahlis Sunnah lid-Da’wati wa’l-Jihad“ (JAS) des für seine Grausamkeit berüchtigten Abubakar Shekau. Dieser kam bei Gefechten zwischen den Flügeln im Mai ums Leben. Seitdem befindet sich JAS in der Krise. Die meisten Überläufer gehören diesem brutaleren Flügel an. ISWAP ist davon weniger betroffen; daher wird auch kein Ende der Feindseligkeiten im Nordosten Nigerias erwartet. Erst am Mittwoch entführten Bewaffnete im Bundesstaat Zamfara 73 Schüler:innen, um Lösegeld zu erpressen.

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