Frühes und effizientes Vorgehen: Taiwans Präsidentin Tsai Ing-wen es  geschafft, die Zahlen von Infizierten und Todesopfern gering zu halten.
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Frühes und effizientes Vorgehen: Taiwans Präsidentin Tsai Ing-wen es  geschafft, die Zahlen von Infizierten und Todesopfern gering zu halten.

USA

Amerikas Sehnsucht nach weiblicher Führung

  • vonHarald Stutte
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US-Medien loben Regierungschefinnen weltweit für ihr Krisenmanagement– und wollen mehr starke Frauen an der Spitze.

Angesichts des Versagens von US-Präsident Donald Trump und vieler autoritärer Herrscher im Kampf gegen die Corona-Pandemie stellt das US-Magazin „Forbes“ eine bemerkenswerte These auf. „Von Island bis Taiwan und von Deutschland bis Neuseeland zeigen Frauen der Welt, wie man eine chaotische Herausforderung für unsere menschliche Familie meistert“, schreibt Autorin Avivah Wittenberg-Cox in ihrem online erschienenen Artikel.

In all den genannten Ländern stehen Frauen an der Spitze der Regierung. In der kleinen Inselrepublik Taiwan hat Präsidentin Tsai Ing-wen es dank ihres frühen und effizienten Vorgehens geschafft, die Zahlen von Infizierten und Todesopfern gering zu halten – und das trotz der geographischen Nähe zu China, ohne kompletten „Shutdown“ des Landes und ohne Unterstützung durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO), weil Taiwan dort auf Druck Pekings nicht zugelassen ist.

Merkel wird gerühmt

Auch die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern wird genannt, die sehr früh und sehr konsequent auf die Pandemie reagiert hat. Bislang haben sich nur 1386 der fünf Millionen Neuseeländer (Stand Mittwochnachmittag) mit dem Coronavirus infiziert. Ardern, die Mitglieder ihrer Regierung und andere hohe Staatsbedienstete wollen zudem sechs Monate lang auf 20 Prozent ihrer Bezüge verzichten.

„Forbes“ listet außerdem die finnische Premierministerin Sanna Marin, die norwegische Regierungschefin Erna Solberg, die Isländerin Katrin Jakobsdottir und die Dänin Mette Frederiksen auf. Angela Merkel wird im Artikel vor allem für ihre ehrliche, ruhige und sachliche Kommunikation gelobt. „Von Anfang an wurde in Deutschland viel getestet und es gab nicht dieses Leugnen, diese Wut und diese Unaufrichtigkeit, die wir aus anderen Ländern kennen,“ schreibt Wittenberg-Cox.

Für ihre Analyse legt die Autorin verschiedene Parameter an: Ehrlichkeit, Entschlossenheit, Technik – also Umsetzung – und Liebe, womit vor allem die Fähigkeit zur empathischen Kommunikation gemeint ist.

Pressekonferenz für Kinder

So organisierte die norwegische Premierministerin Solberg eine Pressekonferenz, zu der nur Kinder zugelassen waren und bei der Fragen zu Corona beantwortet wurden. Sie nahm sich dabei Zeit, Kindern aus dem ganzen Land die eingeleiteten Schritte zu erklären und sie darin zu bestärken, dass es auch in Ordnung sein kann, Angst zu haben. „Die Originalität der Idee nimmt einem den Atem“, schreibt Wittenberg-Cox– und ist vermutlich nicht die einzige, die dabei an die infantilen, schrillen, peinlichen Auftritte des US-Präsidenten denkt.

Am Tag nach Erscheinen des Artikels schlug der amerikanische Sender CNN in die gleiche Kerbe. „Frauen in Führungspositionen leisten einen unverhältnismäßig guten Job im Umgang mit der Pandemie. Warum gibt es nicht mehr davon?“, steht da über einem Text auf der CNN-Website. Fast scheint es, als verspüre Amerika knapp vier Jahre nach dem Scheitern Hillary Clintons gegen Donald Trump so etwas wie eine heimliche Sehnsucht nach weiblicher Führung.

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