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Amerikanische Soldaten im Kriegseinsatz in Vietnam.

Ein amerikanisches Trauma

Vietnamkrieg und Protest in der amerikanischen Kunst: Zwei New Yorker Ausstellungen fassen heiße Eisen der jüngeren US-Geschichte an.

Von Milo? Vec

Geschichte ist immer ein Schlachtfeld für die Deutungen der Gegenwart. Zwei aktuelle New Yorker Ausstellungen wagen Blicke in die jüngere Vergangenheit der USA und begeben sich in ein Minenfeld anhaltender politischer Auseinandersetzungen. Aber was wäre auch anderes zu erwarten, wenn Museen sich Krieg und Protest widmen? Die Herangehensweise der Ausstellungen und die Besucherreaktionen weichen gravierend voneinander ab, was wohl an den verschiedenen Zielgruppen liegt. Genau jene Diskrepanz regt aber zum Nachdenken über die Bedingungen von künstlerischem Protest an.

Die New-York Historical Society ist ein ehrwürdiger Verein, am Rande des Central Parks an der Upper West Side gelegen. Das von ihr betriebene Museum wagt sich durchaus  auf heikles Terrain vor. Nicht nur schwierig, sondern bislang ungelöst sei jene Geschichte, die „The Vietnam War: 1945-1975“ erzähle, sagt Louise Miller, Präsidentin der Gesellschaft. Viel weiter unten in Manhattan,  im  pulsierenden Meatpacking District, zeigt das Whitney Museum of American Art aus seinen eigenen Beständen Kunst zwischen 1940 und 2017, deren oft leidenschaftliches und parteiisches Anliegen politischer Protest war.

Mit Händen zu greifen ist das Bemühen der New-York Historical Society, eine ausgewogene und politisch möglichst unanfechtbare Geschichte des Vietnamkriegs zu erzählen. Der Lohn dafür ist historische Nüchternheit, verkörpert in der Neigung zu Zahlen und Daten, Fakten und Objekten. Die Ausstellung führt die Besucher chronologisch durch die Etappen des Krieges. Nacherzählt werden militärische Hoffnungen und politische Illusionen, zivile Opfer und die schematische Weltsicht des Kalten Krieges.

Am Ende findet der Besucher drei dicht gefüllte Gästebücher vor, in denen sich die Zerrissenheit der Deutungen nochmals abbildet. Allein in der Drei-Staaten Region New York, New Jersey und Connecticut leben 1,4 Millionen Veteranen und Veteraninnen amerikanischer Kriege. In den Augen der amerikanischen Besucher ist am Gezeigten wenig anzufechten, ihre Einträge bringen meist den verständlichen Wunsch nach Frieden zum Ausdruck. Mancher hinterlässt aber auch eine zornige Notiz, der Vietnamkrieg sei doch zu gewinnen gewesen, und evoziert einen bitteren Beigeschmack von Dolchstoßlegende.

Die historische Ausstellung thematisiert zwar mit dem Vietnamkrieg ein außenpolitisches Ereignis und eine militärische Operation, sie hat aber eine zivilgesellschaftliche Ausrichtung auf die Gegenwart: Ihr Zweck ist die innere Verständigung der amerikanischen Gesellschaft, womöglich eine Aussöhnung mit sich selbst. Denn das sprichwörtliche „Vietnam-Syndrom“ – die amerikanische Angst vor weiteren Militäroperationen im Ausland – war jene politische Krankheit, die die Polarisierung des Landes hervorgebracht hatte und die aus konservativer Sicht immer noch geheilt werden muss. Der Vietnamkrieg begründete auch ein amerikanisches Trauma, dessen Diagnose so umstritten ist, dass mancher harmonisches Schweigen vorzieht. Dafür entrichtet The Vietnam War: 1945–1975 einen doppelten Preis.

Keine Kontroverse, keine vietnamesische Blickrichtung

Denn die Ausstellung verzichtet auf eine eigene Haltung und möchte in ihrer vorgeblich exakten Erzählung für potenziell aufgewühlte US-Besucher so unkontrovers wie möglich erscheinen. Tatsächlich kommen das Politisch-Hegemoniale in Form des kolonialen Kontexts des französisch-amerikanischen Unternehmens und die anti-koloniale Stoßrichtung der Vietnamesen entschieden zu kurz. Geradezu unsichtbar ist schließlich die vietnamesische Perspektive in allen Phasen der Auseinandersetzungen. Die inneramerikanische Auseinandersetzung um den Krieg mag differenziert und ausgewogen erzählt sein, geht aber nicht über eine konsequente Nabelschau der Vereinigten Staaten auf ihr eigenes Handeln hinaus, die Vietnamesen bleiben Objekte. Auch dass das Völkerrecht einen Maßstab für die Legalität und Legitimität des Krieges abgeben könnte, erfährt man nirgends.

Im Whitney Museum of American Art spürt man von solch dämpfender Haltung zunächst nichts. Dort ist der „Incomplete History of Protest, 1940-2017“ ohne Angst vor Entzweiung eine ganze Etage gewidmet. Und künstlerisch protestiert wurde gegen vieles, angefangen mit Schwarz-Weiß-Fotos, die heimlich die Internierung japanischer Staatsbürger während des Zweiten Weltkriegs, nach Pearl Harbor dokumentierten. Auch der Kunstbetrieb selbst bekam Kritik ab: Neben der unpolitischen Ausstellungspraxis des Whitney Museums in der Vergangenheit gerieten auch die mangelnden öffentlichen Repräsentationsmöglichkeiten von Künstlerinnen ins Visier.

Widerstand im Fokus

Es ist vielleicht kein Zufall, dass der zentrale Raum vollständig dem Widerstand gegen den Vietnamkrieg gewidmet ist, und kein anderer Saal zieht so viele Betrachter an. Das öffentliche Interesse der Amerikaner wurde durch die hochgelobte Dokumentarfilm-Serie von Ken Burns und Lynn Novick befeuert, die auch bei Arte lief. Zu sehen sind zwei Wände dicht gespickt mit Plakaten, und es ist offensichtlich, dass die Sympathien der Besucher dem historischen Protest gegen den Krieg dienen, nicht seiner Unterstützung. Er wurde mit Pathos, Witz und Lebendigkeit vorgetragen, gegen den die Politiker – alt, männlich, weiß – keine gute Figur machten.

Noch waren die konservativen Haltungen nicht nur zu Vietnam von der Mehrheit der US-Bürger getragen. Aber zunächst randständig scheinende Themen wirkten wie ein Hebel, um Anliegen mehrheitsfähig zu machen, deren zentrale Bedeutung heute in der Mitte der Gesellschaft anerkannt ist. Was aber nicht heißt, dass Rassengleichheit, Minderheitenrechte und Gleichberechtigung von Frauen konsequent umgesetzt wären, trotz aller Garantien der Verfassung und der Urteile des Supreme Courts. Immer noch sind diese Fragen umstritten, und es ist deswegen eine gut nachvollziehbare Entscheidung der Kuratoren, das Zeitalter des Protests bis ins Jahr 2017 zu führen. Die Vergangenheit hat uns immer noch, die ausgestellten Anliegen sind lebendige Appelle.

Die Rolle, die künstlerische Ausdrucksformen – geschützt von der Meinungsfreiheit – historisch dabei spielten, kann man kaum unterschätzen. Man muss nur wenige Minuten in der Nähe der vielleicht künstlerisch stärksten Exponate verharren, um zu sehen wie auch wenig interessiert scheinende Besucher förmlich in Bilder und Videokunst hineingezogen werden – und damit in die politischen Anliegen der Künstler. Ja’Tovia Grays experimentelles Video „An Ecstatic Experience“ (2015) ist ein Publikumsmagnet, der Repression, Widerstand und Emanzipation der Black Americans ins Bild setzt. Die optisch wie akustisch geschickte Mischung fiktionaler und dokumentarischer Elemente lässt seine Botschaft ans Herz gehen: die Anklage transgenerationeller Ungerechtigkeit.

Das rätselhafteste Bild steuert die amerikanische Künstlerin Annette Lemieux bei. „Black Mass“ (1991), ein Gemälde auf Leinwand von 2½ mal 2½ Metern Größe, zeigt Menschen beim Demonstrieren. Aber auf den Plakaten der marschierenden chinesischen Kommunisten ist das Bild Maos entfernt. Eine Ansammlung tiefschwarzer Rechtecke öffnet Abgründe und Projektionsflächen, der Protest verliert seine konkreten Inhalte. Spätestens da fällt dem einen oder anderen Besucher auf, dass hier künstlerische Repräsentationen jenes zornigen politischen Protests fehlen, die den jetzigen Präsidenten ins Amt gespült hatten.

New York Historical Society: bis 22. April. Eine Begleitpublikation von 96 Seiten ist auch im Buchhandel erhältlich. www.nyhistory.org

Whitney Museum of American Art, New York: Whitney.org/Exhibitions/AnIncompleteHistoryOfProtest

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