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Phil Murphy war zuvor Investmentbanker und Schatzmeister der Demokraten.
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Phil Murphy war zuvor Investmentbanker und Schatzmeister der Demokraten.

US-Botschafter Murphy

Der amerikanische Optimist

  • Holger Schmale
    VonHolger Schmale
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Phil Murphy kam mit Obamas Wahl als Botschafter der Vereinigten Staaten nach Berlin. Und avancierte zum Alphatier der Diplomaten. Der rastlose Netzwerker hat den direkten Draht ins Weiße Haus.

Er könnte auch Entertainer sein, Showmaster. So selbstsicher steht er am Mittwochabend vor seinem Publikum in der American Academy am Berliner Wannsee. Er hat den Saal mit zweihundert erheiterten Zuhörern im Griff. Aber Philip D. Murphy ist kein Unterhaltungskünstler, sondern Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in Deutschland.

Er hat gerade eine sehr ernsthafte Rede gehalten zum Thema „Was Deutsche an Amerika nicht verstehen“, intellektuell anspruchsvoll, mit Zitaten von Alexis de Toqueville, Goethe und Theodor Heuss. Und jetzt lacht und gickelt das Publikum amüsiert, eine Mischung arrivierter Damen und Herren aus Politik, Wirtschaft und Diplomatie. Denn Murphy hat seine Rede mit einem Quiz gekrönt. 20 Fragen nach Zitaten, Fakten über die USA, auch Trivialem. Wie viele Einwohner hatten die USA gestern Mittag? (312?901?886). Welches ist die Nr. 1 der 500 besten Popsongs aller Zeiten? (Bob Dylans „Like a Rolling Stone“) und schließlich: Sie sind eingeladen: Cocktails um sieben Uhr, Dinner um halb acht.

Wann kommen die Gäste in den USA, wann in Deutschland? Ganz einfach, sagt Murphy: In Deutschland kommen die ersten Gäste um Punkt sieben, die letzten unter großen Entschuldigungen um viertel nach sieben. In den USA kommen die ersten um zwanzig nach sieben, die letzten um acht. Und es entschuldigt sich niemand.

Gegenentwurf zu den Vorgängern

So kann man Leute unterhalten, sie zum Lachen bringen, gute Stimmung verbreiten. Und das ist schon ein wichtiger Teil der Mission dieses Botschafters, der seit zweieinhalb Jahren die diplomatisch-politische Gesellschaft in der deutschen Hauptstadt aufmischt. Auch in dieser Szene gibt es Alphatiere, Botschafter, die das Sagen haben, die wie Magnete wirken. Das war einige Jahre der schillernde russische Chefdiplomat Wladimir Kotenev, auch mal ein Franzose oder Brite. Doch seit Murphy in Berlin ist, hat er diese Rolle schnell und ganz selbstverständlich übernommen.

Der hochgewachsene, 54 Jahre alte Mann aus New Jersey, der lange als Investmentbanker für Goldman Sachs gearbeitet hat, wirkt wie ein Gegenentwurf zu seinen Vorgängern, die in den düsteren Kriegsjahren der Regentschaft von George W. Bush ihr Land in der Bundesrepublik vertreten haben. Der verkniffene Ideologe Daniel Coats und der joviale Unternehmer William Timken bedienten eher Vorurteile über den hässlichen, provinziellen Amerikaner mit dennoch imperialem Anspruch. Sie mieden das gesellschaftliche Leben in Berlin und reisten lieber in die deutsche Provinz, wo ein amerikanischer Botschafter per se noch gern gesehen und eine Respektsperson ist.

Sie überließen das Feld in Berlin der American Academy und ihrem liberalen Chef Gary Smith, der sich so zu einer Art Gegenbotschafter der großen, politisch eher demokratisch geprägten transatlantischen Community entwickelte, misstrauisch beäugt von Bushs Gewährsleuten in der Stadt. Mit Murphy ist das ganz anders. Gary Smith empfängt ihn als Freund, die beiden arbeiten eng zusammen. Dass sie der gleichen Partei und Denkrichtung anhängen, macht die Sache einfach.

Direkter Draht ins Weiße Haus

Es gehört zur Tradition der amerikanischen Diplomatie, dass die wichtigsten Botschafterposten nicht mit Berufsdiplomaten besetzt werden sondern mit Vertrauten des jeweiligen Präsidenten. Ihnen mag es manchmal an professioneller Raffinesse fehlen, dafür haben sie einen direkten Draht ins Weiße Haus und müssen im Zweifelsfall keinen umständlichen Dienstweg beschreiten.

Murphy bekam im Frühjahr 2009 einen Anruf von Barack Obama, der ihn fragte, ob er nach Berlin gehen wolle. Solche Angebote sind immer auch ein Dankeschön. Murphy war einer der wichtigsten Männer in Obamas Wahlkampf. Als Schatzmeister der Demokratischen Partei sorgte er für die Finanzierung der Kampagne. Er war einer der Erfinder der persönlichen Spendenaufrufe der Obamas im Internet, mit denen die Partei durch massenhafte Kleinspenden von ein paar Dollar sensationelle Einnahmen erzielte.

Es sind allerdings auch Angebote, die man kaum ablehnen kann. „Daran habe ich keine Sekunde gedacht“, erzählt Murphy. Er habe sich nur zwei Fragen gestellt: „Ist es gut für mein Land? Ist es gut für meine Familie?“ Dank seines ausgeprägten Selbstbewusstseins war die erste Frage schnell beantwortet. Und die zweite dann auch. Er sei sich mit seiner Frau Tammy sofort einig gewesen, dass ihren vier Kindern ein Auslandsaufenthalt gut tun werde – so, wie es ihnen selber, wenn auch erst als Erwachsenen, gegangen sei. Murphy lebte in den Neunzigerjahren einige Jahre als Banker in Frankfurt und Hongkong, seine Frau in London. Inzwischen haben sich die Kinder in Berlin so gut eingelebt, dass sie nicht nur fließend Deutsch sprechen, sondern ihre Eltern sogar gebeten haben, hier ein Haus zu kaufen.

Rastloser Netzwerker

Aber wie lange wird er noch bleiben? Es gab vor einiger Zeit Berichte, dass er Deutschland vorzeitig verlassen und wieder in Obamas Wahlkampfteam eintreten würde. „Falsch“, sagt der Botschafter. Er sei voll auf seinen Posten hier konzentriert und werde auf jeden Fall bis nach der Wahl im November bleiben, wenn Obama wiedergewählt wird, auch länger. „Punktum.“ Und selbstverständlich geht er von der Wiederwahl seines Präsidenten aus – wenn auch knapp. Es könnte allerdings sein, dass Obama ihn dann in seine Regierung beruft. Doch über solche Spekulationen lässt Murphy schon gar nicht mit sich reden.

Freilich ist die Bedeutung der Diplomaten als Mittler zwischen den Regierungen in dem Maße gesunken, wie gerade die wichtigsten Regierungschefs direkten Kontakt zueinander pflegen. Angela Merkel und Barack Obama sehen sich mehrmals im Jahr aufHolger Schmale G8- und G20-Treffen und schalten sich zu Videokonferenzen zusammen, wenn sie etwas zu besprechen haben. Da bedarf es keiner diplomatischer Depeschen mehr.

Umso wichtiger ist es, wie die Diplomaten in die Gesellschaft ihres Gastlandes hineinwirken. Phil Murphy ist ein rastloser Netzwerker und ein großer Anhänger sogenannter Townhall Meetings, Diskussionsveranstaltungen mit Bürgern. Am liebsten geht er dafür in Schulen und an Universitäten. Der heutigen jungen Generation, die ohne Erinnerung an Kalten Krieg und Mauer aufgewachsen ist, müsse die Bedeutung der deutsch-amerikanischen Partnerschaft ganz neu und vermittelt werden, findet Murphy.

Der Märchenvorleser

Er tritt in solchen Runden mit Begeisterung auf und ist ein unverdrossener Propagandist der großen amerikanischen Erzählung vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten, in dem noch jeder, der ehrlich rackert und sich anstrengt, seine Chance bekommt aufzusteigen. „Wenn man hart arbeitet und sich an die Regeln hält, dann hat man Erfolg; wenn man innovativ ist, wenn man Dinge schafft und aufbaut, dann sind dem, was man erreichen kann, keine Grenzen gesetzt“, sagt er in seiner Rede in der Academy. „Diese Prämisse liegt dem amerikanischen Traum zugrunde.“

Dass sein Präsident gerade ein anderes Bild der USA gezeichnet hat, das eines zutiefst ungerecht gewordenen Landes, das erst wieder auf seine Grundidee der Chancengleichheit zurückgeführt werden muss, ficht ihn nicht an. „Optimismus liegt uns im Blut. Er ist Teil unseres Wesens. Wir geben einfach nicht auf.“ Für Leute wie ihn gelte das ganz besonders: „Ich bin einer von diesen stereotypisch superoptimistischen Amerikanern.“ Jede Faser des Phil Murphy drückt das aus: Der klare Blick, die laute Stimme, der feste Händedruck, die ganze Körperhaltung. Für Zweifel ist da kein Platz.

So ist es kein Zufall, dass in dem ganzen langen Vortrag in der American Academy über das Wesen der Amerikaner die Worte Irak und Afghanistan überhaupt nicht auftauchen. Den Vorwurf, die USA würden sich überall auf der Welt in Dinge einmischen, kontert er mit einem Zitat einer amerikanischen Studentin, die in Diskussionen mit kritischen Deutschen so antworte: „Wir sehen ein Problem und wollen helfen. Manchmal liegen wir auch falsch. Aber wir sehen nicht einfach tatenlos zu.“ Das ist eine Botschaft, die Murphy gefällt, auf die er in seinen vielen Veranstaltungen landauf, landab zurückkommt. München, Bonn, Hamburg, Regensburg, Stuttgart, Garmisch – das sind die Stationen aus zehn Tagen kurz vor Weihnachten.

In Berlin liest er in der Amerika Gedenkbibliothek Märchen vor. 50 acht- bis zehnjährige Kinder aus zwei Kreuzberger Schulen versammeln sich da und sind erstaunlich mucksmäuschenstill, als der Botschafter aus dem „Zauberer von Oz“ liest. Er ist nicht so einfach zu verstehen, die Betonung mancher deutscher Wörter gelingt ihm nicht so gut, doch er schlägt die Kinder in seinen Bann. Er ist ein guter Kommunikator, ganz gleich, vor welchem Publikum. Hier unterhält er sich nach der Lesung mit den Kindern, antwortet sorgfältig auf ihre Fragen – warum er Botschafter ist, was seine Kinder machen, ob er Berlin mag. Er geht auf jeden Fragesteller zu, gibt ihm die Hand, wie von Mann zu Mann oder Frau. Er nimmt die Kinder ernst. Das beeindruckt sie.

Das Büro als Lieblingsplatz

Ihm kommt zupass, dass er inzwischen passabel Deutsch spricht. Als er ankam, waren nur ein paar Rudimente aus seiner Zeit in Frankfurt übrig geblieben. Er hat daran gearbeitet, er ist ehrgeizig. Das hat keiner seiner letzten Vorgänger für nötig befunden.Sie setzten darauf, dass so viele Deutsche Englisch sprechen und dies auch gerne zeigen. So gibt es Veranstaltungen mit Murphy , wie bei einem Salon mit Geschäftsleuten im Hotel Kempinski, bei denen die Gäste die Fragen auf Englisch stellen und er auf Deutsch antwortet.

Er beginnt jede seiner Reden in Deutschland, auch vor internationalem Publikum wie in der Academy, auf Deutsch, wechselt, auch während er spricht, gern zwischen beiden Sprachen. So zeigt er seinen Respekt vor dem Gastland, vor den den deutschen Zuhörern.

Er hat nie Probleme, in ein Gespräch zu finden, da hilft seine zweite große Leidenschaft, neben jener für sein Land, und das ist der Fußball. Er ist Mitbesitzer einer Frauenfußballmannschaft in New Jersey, die in der amerikanischen Profiliga spielt. Er war im Vorstand des US-Fußballverbandes, er ist ein profunder Kenner des Weltfußballs und seiner Spitzenspieler, und er ist Hertha-Fan. Auch an diesem Sonnabend wird er mit seinen Kindern, die alle in Berliner Fußballklubs spielen, im Olympiastadion sein, wenn Hertha gegen den HSV antritt.

Fragt man Phil Murphy nach seinem Lieblingsplatz in Berlin, sagt er , ohne zu zögern: „Mein Büro.“ Und das ist nicht einmal kokett gemeint. Denn dieses Büro in der obersten Etage des weißen Botschaftsbaus am Pariser Platz öffnet einen spektakulären Blick auf das Brandenburger Tor, auf Augenhöhe mit der Quadriga. Davor liegt eine Terrasse, auf die Murphy Besucher selbst bei Regenwetter bittet, wegen der grandiosen Aussicht. Das einzige Hindernis ist die Tür, die nicht einmal der Botschafter in diesem wie ein Hochsicherheitstrakt ausgestatteten Gebäude selbstständig öffnen kann. Er braucht dafür ein OK aus einer Sicherheitszentrale irgendwo im Haus.

In diesem Büro kann man mit Murphy auch über schwierige Fragen reden. Er lehnt sich dann in seinem Sessel zurück, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, die Füße in eleganten Lederslippern auf dem niedrigen Tisch. Das Stichwort heißt Wikileaks. Es bezeichnet die peinlichsten Wochen im Leben des Botschafters.

„Angela Teflon Merkel“

Im November 2010 veröffentlichte das Enthüllungsportal die internen Berichte der US-Botschaften aus aller Welt an die Regierung in Washington. Darunter waren auch 1.719 Dokumente aus der Botschaft in Berlin, zum Teil direkt aus der Feder von Phil Murphy.

Da wurde die Kanzlerin als „Angela Teflon Merkel“ bezeichnet, weil sie alle Konflikte vermeide. Außenminister Guido Westerwelle wurde als aggressive, überschäumende Persönlichkeit mit großem Geltungsdrang gezeichnet. „Ich habe mich sehr geärgert“, sagt Murphy heute. Und dankt den deutschen Politikern, die so verständnisvoll und nobel reagiert hätten. Die deutsch-amerikanischen Beziehungen seien so stabil, dass ihnen solche Indiskretionen nichts anhaben könnten. Thema erledigt.

Der große Kommunikator ist selbstverständlich in den sozialen Netzen aktiv, er schreibt bei Facebook und er twittert. Aber er pflegt auch ganz altmodische Formen. Nach einem Gespräch mit ihm kann es einem passieren, zwei Tage später einen Brief mit der Post zu bekommen. Darin dankt Philip D. Murphy dann handschriftlich für die gute Zeit und wünscht das Beste für die Zukunft. Der amerikanische Botschafter, ein Brieffreund.

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