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New York ist landesweit mit Abstand am stärksten von der Krise betroffen.

USA

Der amerikanische Alptraum

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Fehlende Krankenhausbetten, soziale Gräben, nur der Präsident ist optimistisch. Die Corona-Pandemie trifft die USA mit voller Härte.

Draußen vor dem Union Station kündigt sich der Frühling an. Es sind die Tage der Kirschblüte – eigentlich die schönste Zeit in Washington. Doch nicht nur die Touristen fehlen. Der Kontrast des farbenprächtigen Naturschauspiels zur gespenstischen Leere im Inneren des Bahnhofsgebäudes könnte nicht größer sein. Läden sind geschlossen. Nur ein paar Obdachlose kauern in einer Ecke der Halle.

Die Corona-Krise hat das Land lahmgelegt, in dem die Geschäfte normalerweise an fast allen Tagen um Kunden buhlen. Seit zehn Tagen ist die Hauptstadt ausgestorben. Die großen Avenues, auf denen sich sonst Autos stauen, sind leergefegt. Geschäfte, Schulen, Museen, der Arboretum-Landschaftspark – alles dicht. Nicht einmal mehr einen „Coffee to go“ gibt es bei Starbucks um die Ecke.

„Wir haben die Stadt lahmgelegt, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen“, sagt Bürgermeisterin Muriel Bowser. Die Gouverneure der wichtigsten Bundesstaaten haben ähnliche Restriktionen erlassen. Anderthalb Monate, nachdem Präsident Donald Trump erklärte, der lebensgefährliche Erreger werde sich mit dem wärmeren April-Wetter auf wundersame Weise verziehen, drohen die USA nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation zum Epizentrum der Pandemie zu werden. 70 000 Menschen hatten sich bis Donnerstag infiziert, mehr als 1000 sind an Covid-19 gestorben. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein.

New York: Einkaufen im Epizentrum der Epidemie. 

Das vom Senat beschlossene Zwei-Billionen-Dollar-Hilfspaket für Unternehmen und Beschäftigte soll am heutigen Freitag im Repräsentantenhaus durchgewunken werden. Die großen Fernsehsender haben ihre Präsenz im Zentrum der Weltmacht ausgedünnt. Nachdem ein Korrespondent an Covid-19 erkrankte, dürfen nur noch 14 Journalisten nach Messung der Körpertemperatur zu den täglichen Pressekonferenzen Trumps ins Weiße Haus. „Amerika erzielt immer weitere Geländegewinne im Krieg gegen das Virus“, brüstet sich der Präsident bei diesen im Stil einer bizarren Reality-TV-Show inszenierten Auftritten. Vier Autostunden nordöstlich, in New York, spielen sich derweil apokalyptische Szenen ab. In einem Krankenhaus im Stadtteil Queens sind am Dienstag 14 Menschen dem Virus erlegen – einige nach Recherchen der „New York Times“ in der Notaufnahme, während nach einem freien Bett für sie gesucht wurde. Die Leichen mussten in einem Gefrierwagen auf der Straße gelagert werden.

Das erinnert an Bilder aus Italien, obwohl Gouverneur Andrew Cuomo mit Ausgehsperren, Hilferufen und Behelfsspitälern alles tut, um den medizinischen Kollaps abzuwenden. Mit mehr als 30 000 Infizierten ist sein Bundesstaat der Brandherd der Pandemie in Amerika. In der Millionenmetropole verbreitet sich das Virus mit teuflischer Geschwindigkeit. Erst in 21 Tagen erwarten Experten dort den Höhepunkt. Dann werden voraussichtlich 140 000 Krankenhausbetten gebraucht. Bislang gibt es 53 000.

Noch schlimmer ist der Mangel an Beatmungsgeräten, von denen in New York wohl 30 000 benötigt werden – drei Mal so viele wie vorhanden. Auch die Schutzkleidung für das medizinische Personal droht auszugehen. Und Tests sind wie im ganzen Land selbst für klare Verdachtsfälle nicht ausreichend verfügbar.

Dass Trump sein Krisenmanagement gleichwohl mit der Bestnote „Zehn“ benotet, lässt sich nur mit einer narzisstischen Wahrnehmungsstörung erklären. Seiner Ankündigung, schon Ostern könne das Land weitgehend zur Normalität zurückkehren, widersprechen selbst republikanische Landesväter. „Wir glauben nicht, dass der Höhepunkt vor dem 1. Mai erreicht wird“, twitterte etwa Mike DeWine, Gouverneur von Ohio. Wie viele Kollegen denkt er nicht daran, die Restriktionen aufzuheben.

An der rechten Trump-Basis auf dem flachen Land aber möchten viele nur allzu gerne den Verheißungen des Präsidenten glauben, der die Pandemie zu einer Grippewelle herunterspielt und eine baldige Wunder-Therapie verspricht. Entsprechend wütend fallen die Kommentare unter der Erklärung von DeWine bei Twitter aus. „Ich hoffe, Sie sind für eine Revolte der Massen bereit“, droht ein Leser. „Wenn das Land weitere sechs Wochen dichtgemacht wird, besorge ich mir ein Gewehr“, kündigt ein anderer an.

Nicht nur politisch driften die USA derzeit noch weiter auseinander. Die Corona-Krise vertieft auch den sozialen Graben der Gesellschaft. Längst sind die Millionäre von der Upper East Side in Manhattan in ihre Ferienhäuser auf den exquisiten Hamptons geflohen. Wer es sich leisten kann in Washington, arbeitet aus dem Homeoffice im Vorstadthäuschen. Das geht natürlich nicht für die Kassiererin, den Kurier oder den Busfahrer. Und zufälligerweise sind sie alle schwarz.

Auch hinter der engen Kasse der Supermarktkette Trader Joe’s steht eine Afro-Amerikanerin. „Ich hoffe bloß, dass die den Laden nicht irgendwann dichtmachen“, sagt sie. Die junge Frau arbeitet auf Stundenlohnbasis. Von heute auf morgen kann sie ihren Job ohne soziale Absicherung los sein – wie der Barista bei Starbucks oder der Kellner beim Italiener.

Doch es gehört zum Paradox der USA, dass auch in einer Zeit, die aus medizinischen Gründen das Auseinanderrücken der Menschen propagiert, jene individuelle Initiative und Hilfsbereitschaft gestärkt wird, die zum Kern dieser Gesellschaft gehört. „Hallo! Meine beiden Mitbewohner und ich würden sehr gerne für Sie Erledigungen machen, Lebensmittel abholen oder was sonst gebraucht wird“, bieten Freiwillige auf dem Nachbarschaftsportal Nextdoor an: „Wir stehen das alle gemeinsam durch!“ Ein anderer Nachbar verschenkt vier N95-Masken, die er unbenutzt von seinem Haus-Umbau übrig hat. Ein Arzt ein paar Straßen weiter bietet kostenlose telefonische Beratung an.

Die Hilfsbereitschaft ist nicht auf das direkte Umfeld beschränkt. Normalerweise betreibt Starkoch José Andrés angesagte Restaurants im ganzen Land. Die sind nun geschlossen. Stattdessen hat Andrés in New York, Washington, Los Angeles und Oakland zahlreiche Straßenküchen eröffnet, wo er kostenloses Essen für Schulkinder und Arme ausgibt.

Kaum jemand verkörpert in diesen Tagen den amerikanischen Spirit so wie der New Yorker Gouverneur Cuomo. Während Trump in seinen Briefings eine Mischung aus Selbstlob, Schönrednereien und Tiraden verbreitet, beschreibt der 62-jährige Demokrat jeden Morgen nüchtern und doch empathisch-aufbauend die Lage. „Das kann für ein paar Monate so weitergehen“, erklärt er Anfang dieser Woche. Doch die Bürger, mahnt er eindrücklich, dürften sich von den negativen Eindrücken nicht überwältigen lassen: „Viele werden das Virus bekommen. Aber nur wenige werden in Gefahr sein.“

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